Dieses Ferienzimmer in Berlin Kreuzberg gibt es ab €36,00 pro Nacht.

Eine Nacht in der Wohnung eines wildfremden Mannes zu verbringen – man könnte mich für leichtsinnig halten. Oder für desperat, denn ich bezahle auch noch Geld dafür. Die Haustür in Hamburg-Altona ziert ein Graffito, nebenan mieft es aus einer Rauchereckkneipe. »Nach ganz oben!«, sagt die unbekannte Männerstimme in der Gegensprechanlage. Auf dem Weg durch das Treppenhaus konzentriere ich mich voll auf mein Ziel: Ich will das Übernachtungsportal 9flats.com testen, eine Internetplattform, auf der jedermann sein Zimmer, seine Wohnung oder eben sein Sofa kommerziell vermieten kann.

Im Februar hat Stephan Uhrenbacher das Projekt an den Start gebracht. Der 42-Jährige gilt als »Shootingstar« der deutschen Internet-Gründerszene; sein bisher größter Erfolg war das Bewertungsportal Qype. Jetzt will Uhrenbacher das Übernachten in fremden Betten weltweit auf eine professionelle Basis stellen. Zurzeit gibt es bei 9flats.com rund 14000 Unterkünfte, davon die meisten in Berlin. 15 Prozent Provision zahlen Vermieter für jede Übernachtung.

»Wenn ich das Geld hätte, würde ich eine Bleibe an neun Standorten von London bis zur Ostsee haben«, sagt Stephan Uhrenbacher. Über 9flats.com soll man sich seine Lieblingswohnungen aussuchen und regelmäßig zurückkommen können: Die schönsten Unterkünfte von tollen Nachbarn auf der ganzen Welt, so die Idee. Außerdem ist die Plattform mit Facebook vernetzt, damit man seine Freunde einladen und Wohnungen weiterempfehlen kann. Das letzte Wort haben allerdings die Vermieter, die entscheiden, wen sie ins Haus lassen.

Ich will vier der rund vierzig Unterkünfte in Hamburg testen, die gesamte Palette, von einfach bis nobel, und beginne mit einer Nacht auf einem privaten Sofa, nicht ausklappbar, für 40 Euro die Nacht. Zwei Regeln hat Hausherr Phil schon in seinem Profil angekündigt: 1. Jeder Gast muss ein Foto von sich mitbringen. 2. No sex, no drugs, no smoking. Ist mir alles recht. Auf den Wohnungsfotos im Internet sehe ich ein pechschwarzes, ungemütliches Sofa, einen Kühlschrank und eine Badewanne voller Bio-Limonade. Habe ich es mit einem Freak zu tun?

Auf den ersten Blick nicht. Phil, Typ kreativer Mittzwanziger mit Designerhornbrille und Birkenstock-Sandalen, öffnet die Tür und fängt gleich an zu erzählen: Von seinen zwei Mitbewohnern, dass er 9flats.com mitentwickelt habe, sich jetzt aber um sein eigenes Internet-Start-up kümmere, dass wir gleich zusammen abendessen gingen und dass ich ein Upgrade bekäme. Das Gästezimmer hinter der Küche entdeckte Phil erst beim Einzug und dachte: perfekt für eine Vermietung über 9flat.com. Aber warum preist er das olle Sofa an, wenn auch ein Doppelbett mit Leselampe zu haben ist? »Das ist das Hotel-Prinzip«, sagt Phil: »Gäste sind immer zufriedener, wenn sie erst mal mit dem Schlimmsten rechnen und dann in eine höhere Kategorie befördert werden.«

Alles anders als gedacht also, nur die Limo gibt es tatsächlich im Überfluss – und mittlerweile zum Glück auch eine Frau in der Männer-WG, die für Grundordnung sorgt. Vorher ließen die Männer einen selbstfahrenden Staubsauger sauber machen. Nach einer gemütlichen Limo-Runde sprechen wir noch die Badezimmerzeiten für den Morgen ab, und ich bin froh, dass ich eine Tür habe, die ich hinter mir schließen kann. Am nächsten Tag schickt mir 9flats.com eine E-Mail: Ich soll meinen Gastgeber und meine Unterkunft bewerten – und Phil auch mich. Das fällt nun wirklich sehr viel schwerer als eine Hotelbewertung. Ich habe jedenfalls noch nie jemanden nach einer gemeinsamen Nacht öffentlich beurteilt.

Wer sich handwerklich nützlich macht, kriegt Rabatt

Im Gästezimmer mit Familienanschluss in Eimsbüttel bin ich der erste Schlafgast auf der Matratze im Wickelzimmer von Baby Mateo, der hier mit seiner Mama und dem Familienhund lebt. Außerdem im Preis inbegriffen: Weckdienst und bei Bedarf Gassirunde. Wer sich handwerklich nützlich macht, kriegt Rabatt auf die 33,60 Euro. »Wenn du klingelst, bellt’s!« wurde ich vorgewarnt. Familienhund Lucy begrüßt mich kläffend. Dann stehe ich einen Moment im Flur herum, während Nina mir ein Wasser holt. Sie hat Sorgen, weil nicht aufgeräumt ist, und den Wlan-Code müsse sie auch erst noch raussuchen. Sie findet das unprofessionell, aber mich stört es gar nicht. Ich nehme das Kind auf den Arm, einfach so, weil ich das bei Freunden immer so mache. Oder war das jetzt auch unprofessionell von mir als Schlafgast?

Nina bringt erst den Kleinen ins Bett und macht mir danach Abendbrot. Sie legt die Käsescheiben einzeln auf Tellerchen, füllt noch mal nach, »das sieht sonst so erbärmlich aus«. Ich selbst stehe mit leeren Händen da, und mein Gewissen plagt mich. Vielleicht hätte ich ein Gastgeschenk mitbringen sollen. Die junge Mutter sagt, sie wolle sich durch 9flats.com nette Menschen ins Haus holen und ein kleines Taschengeld verdienen. Bei Tee, Broten mit Farmersalat (den wir uns mit einem Babylöffel auftun), Käse und Gürkchen berichten wir uns gegenseitig von unserem Arbeitstag, später wechseln wir zu Wein, Schokolade und dem Thema Männer.