MedienökologieDie Stopptaste, bitte

Je unerhörter die Nachrichten, desto mehr Menschen schotten sich offenbar ab. Kann man daraus lernen?

Man stelle sich eine Welt vor, in der Zeit und Raum keine Rolle mehr spielen. Eine Welt, in der die Belange der ganzen Menschheit auf uns einströmen – ungefiltert, ungebremst, unsortiert. Eine Welt, in der moderne Informationstechnologie alles Vertraute, alle Tradition, alles Bedächtige über den Haufen wirft – und uns die Sorgen, das Leid völlig fremder Menschen aufdrängt.

Eine solche Welt der »elektronischen Geschwindigkeit« hat der kanadische Medienwissenschaftler Marshall McLuhan bereits vor vierzig Jahren vorausgesagt und düster prophezeit: »Ihr könnt nie mehr nach Hause zurück.«

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Genauso fühlen wir uns jetzt. Mit elektronisch getakteter Atemlosigkeit nehmen wir Weltfinanzkrisen zur Kenntnis, einstürzende Euro-Länder, arabische Revolutionen, japanische Katastrophen, jetzt auch noch bin Laden – unsere Aufnahmefähigkeit ist bis zum Äußersten gedehnt. Und wir merken: Wir wissen fast nichts.

Was ist da los? Wohin ist die Neugier des Publikums verschwunden?

Medienleute von Print bis Fernsehen konnten sich in der Vergangenheit darauf verlassen, dass in sehr ereignisreichen Zeiten (man denke an die deutsche Wiedervereinigung oder den 11. September 2001) ihre Erzeugnisse ganz besonders gefragt waren: Information, Überblick, Ordnung, Deutung, Meinung.

Doch diese Regel scheint ihre Gültigkeit einzubüßen. Die Tageszeitungen, deren Auflagen sich seit Jahren im Sinkflug befinden, verlieren im ersten Quartal 2011 mehr als im Vorjahr: minus drei statt minus zwei Prozent. Die Wochentitel verlieren 6,4 Prozent, der Einzelverkauf entwickelt sich nach unten, Chefredakteure murmeln beunruhigt. ARD und ZDF können trotz permanenter Sondersendungen nicht großartig punkten, schon gar nicht bei den jungen Zuschauern.

Was ist da los, wohin ist die Neugier des Publikums verschwunden? Eine plausible Erklärung mag natürlich sein, dass ein Teil des aktuellen Erkenntnishungers heute eher im Internet gestillt wird als in den traditionellen Medien. Aber aus dem Alltag, aus dem Gespräch mit Freunden und Kollegen, aus Sportverein und Parteiversammlung drängt sich ein zweiter Grund daneben: Womöglich wird es vielen Leuten schlicht zu viel? Machen sie dicht, schalten sie ab, stöpseln sie sich aus – weil der Mensch für die elektronische Geschwindigkeit auf Dauer nicht geschaffen ist?

Der amerikanische Medienwissenschaftler Neil Postman, der der Beschleunigung und Entgrenzung weltweiter Kommunikation viel Skepsis entgegenbrachte, sah das größte Problem in kontextloser Information, in den »Nachrichten aus dem Nirgendwo«. Das oft beschworene »globale Dorf«, so meinte Postman, sei eben doch überwiegend bevölkert von Fremden, über die wir nur die oberflächlichsten Dinge erführen. Ständig scheinen neue dramatische Informationen uns zu Flucht oder Aktivität aufzufordern – aber es gibt fast gar nichts, was wir sofort tun könnten, wenn in Japan ein Tsunami wütet oder in Pakistan ein Terroristenführer erschossen wird. Die wenigsten Informationen sind unmittelbar handlungsrelevant. Man kann nur darüber reden. Das löst Gefühle der Ohnmacht und des Überdrusses aus.

Zudem führt gerade die intensive Berichterstattung und Diskussion in Krisenzeiten zu allgemeiner Verwirrung: So fühlten sich nach einer Untersuchung des Instituts für Demoskopie Allensbach 75 Prozent der Bevölkerung durch die Medienberichte zum Thema BSE (2001, erinnern Sie sich dunkel?) überfordert. Nach wochenlangen Sondersendungen zu Fukushima geht es einem nicht anders.

Ist es also ganz rational, dass das Bedürfnis der Bevölkerung, »immer auf dem Laufenden zu sein«, sinkt, wie die Allensbacher Zahlen nahelegen? Dass alle Medien (auch das Internet) sporadischer genutzt werden? Dass die Leser, Nutzer und Zuschauer sich stärker auf Unterhaltung konzentrieren – und auf Wissenswertes zu Beruf und Hobby? Ist das am Ende der kluge Selbstschutz eines Publikums, das seine Grenzen kennt?

Als Journalist darf man dieser Annahme nicht zustimmen. Denn es bleibt unser Auftrag (der viele presserechtliche Privilegien rechtfertigt), am Bild des mündigen, wissbegierigen, umfassend verständniswilligen Staatsbürgers festzuhalten. Wir stemmen uns gleichsam gegen die Ereignisflut und versuchen, sie auch für Menschen handhabbar zu machen, die ihrem Beruf nachgehen, Kinder erziehen, alte Eltern pflegen – und schon deshalb das Universum der großen und kleinen Geschehnisse nicht ständig selbst sortieren können.

Wahrscheinlich müssen wir aber, um den Rückzug des Publikums ins Private zu stoppen, McLuhansche Beschleunigungsschrillheit unbedingt vermeiden. Wer mit Informationsüberfülle und rasender Geschwindigkeit umgehen will, das sagt jeder Psychologe jedem Burn-out-Opfer, der muss ordnen, reduzieren, weglassen. Für seriöse Medien heißt das, Dramatisierungen zu vermeiden. Es bedeutet: Großthesen zum politischen Geschehen und die Verkündigung »revolutionärer Umbrüche« und »Epochenwechsel« sind sparsam einzusetzen. Und wir sollten selbst beitragen zu einer Debatte über Medienökologie: Wie viel Information ist nötig, wie oft am Tag, und wie viel ist zu viel? Auch im Zeitalter der elektronischen Geschwindigkeit haben Menschen ein Recht darauf, sich ein Zuhause zu wünschen – und sich darin, so gut es eben geht, eine Ordnung zu schaffen.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

 
Leserkommentare
  1. es ist erstaunlich, dass dieser artikel bis jetzt noch nicht kommentiert wurde. vielleicht erzeugt er zu wenig aufmerksamkeit, zu wenig dramatik zu wenig stimmung um kommentierenswert zu sein?! egal, ein wichtiger beitrag und treffend auf den punkt gebracht. vielen lieben dank

    Eine Leserempfehlung

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