IntegrationZwanzigeins oder einundzwanzig

Eine Wiener Volksschule schafft, woran andere scheitern: Sie vermittelt spielerisch Sprachvielfalt. Das funktioniert nur, weil engagierte Lehrerinnen mit ihrem Vorzeigeprojekt das Schulsystem ausmanövriert haben.

Beim Sprachenkarussell lernen die Kinder der Europaschule den Umgang mit fremden Wörtern

Beim Sprachenkarussell lernen die Kinder der Europaschule den Umgang mit fremden Wörtern

Die Kuhglocke verstehen alle. Ein zierliches Mädchen mit schwarzen Haaren schwingt die schwere Messingglocke bedächtig vor sich hin und her. Konzentriert stapft die Kleine durch das Stiegenhaus des Schulgebäudes. Alle sollen sie hören. Überall auf den Korridoren springen Türen auf, Schwärme von Kindern drängen heraus, rennen wild durcheinander, zerstreuen sich. Jedes läuft in eine andere Richtung, alle scheinen ihr Ziel zu kennen. Feueralarm? Nein, nur ein ganz normaler Dienstag in der Europaschule, einer Volksschule unweit des Friedrich-Engels-Platzes in Wien-Brigittenau, einem sogenannten Problembezirk in der Sprache der Integrationsexperten.

Jede Woche verlassen hier 150 Acht- bis Zehnjährige für eine Stunde ihr gewohntes Klassenzimmer. Die Kinder aus unterschiedlichen Schulstufen bilden kleine Gruppen, um Russisch, Bosnisch, Persisch, Chinesisch, Romanes oder eine andere der 16 zur Auswahl stehenden Sprachen zu lernen. Ein Jahr lang schnuppern sie in eine Fremdsprache ihrer Wahl hinein, dann kommt eine neue zum Zug – Sprachenkarussell heißt das im Europaschulen-Jargon.

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Der zehnjährige Benjamin hat sich für die Türkischgruppe entschieden. Nun sitzt er da, lutscht an seinem Bleistift, sein rechter Fuß im grauen Frotteesocken zappelt ein wenig. Drei Schulstunden hat er heute schon hinter sich gebracht, das Stillsitzen wird ihm langsam zur Qual. Dennoch versucht er, aufmerksam zu bleiben. Nicht aus Angst vor einer Ermahnung, sondern aus Wettbewerbsgeist.

Zwei Gruppen treten heute gegeneinander an. Yasemin Demir, die junge Lehrerin mit der sanften, aber kräftigen Stimme, setzt ihnen immer neue Aufgaben vor. Wer schneller ist, gewinnt. »Wie heißt diese Farbe?«, fragt Yasemin und greift zu einem winzigen, roten Schulrucksack, der an einem der kleinen Schulbänke der Klasse lehnt. Konzentrierte Stille im Raum, Benjamin strengt sich an, mit drei Punkten ist seine Gruppe schon im Rückstand. Jetzt schießt sein Arm in die Höhe: » Kırmızı! «, ruft er. Die Lehrerin nickt, diese Runde geht an sein Team.

Jeden Tag wünscht die Klasse in 13 Sprachen einander »Guten Morgen!«

Warum gerade Türkisch? »Eigentlich wollte ich in Kroatisch gehen«, sagt Benjamin, »aber das war nicht erlaubt.« Benjamin spricht zu Hause Kroatisch und Deutsch. Eigene Muttersprachen dürfen nicht gewählt werden – dafür gibt es den Muttersprachenunterricht.

Das Sprachenkarussell »ist dazu da, die Sprachen der Klassenkollegen kennenzulernen«, erklärt Projektleiterin Monika Kerschbaumer. Benjamins zweite Wahl fiel auf Türkisch, »weil die Melisa auch dort ist«. Melisa, zehn Jahre alt, geht mit Benjamin in die Klasse. Beim Sprachenlernen geht sie strategisch vor: »Jetzt lerne ich Türkisch, weil meine beste Freundin Türkin ist«, sagt das großgewachsene Mädchen in der schwarzen Gymnastikhose. »Nächstes Jahr geh ich in vertiefendes Englisch, weil unser Nachbar nur Englisch kann, und seine Katze verirrt sich immer im Stiegenhaus, und ich kann mit ihm nicht reden.«

Wie Benjamin und Melisa, die bosnische Wurzeln hat, sind auch die meisten anderen Mitschüler zweisprachig aufgewachsen. Seit der ersten Schulstufe lernen sie zusätzlich Englisch und jetzt eben auch Türkisch. Nächstes Jahr kommt eine neue Sprache hinzu. Klingt nach pädagogischer Idylle für die Upperclass.

Die Europaschule ist allerdings alles andere als eine Eliteeinrichtung für den Nachwuchs aus begütertem Haus. Die meisten Kinder kommen aus Zuwandererfamilien, achtzig Prozent sprechen zu Hause nicht Deutsch, in manchen Klassen sind es hundert Prozent. »Wie soll mein Kind da überhaupt Deutsch lernen?«, fragen viele besorgte Eltern, die ihr Kind nur deshalb hier angemeldet haben, weil sie die Ganztagsbetreuung der Schule schätzen. Diese Angst sei hartnäckig, aber unbegründet, meint Sprachenkarussell-Initiatorin Monika Kerschbaumer: Das Klischeebild des Migrantenkindes mit rudimentären Deutschkenntnissen muss man hier lange suchen. »Die Kinder kommen ja alle aus dem Kindergarten, die sprechen super Deutsch«, sagt Kerschbaumer.

Die Pädagogin quälen ganz andere Sorgen. Insgesamt besuchen heute Kinder mit dreißig verschiedenen Muttersprachen die Schule. »Aber wie lange noch?«, fragt sich Kerschbaumer. »Wenn es mit der Politik in diesem Land so weitergeht, dann verlieren wir alle diese Sprachen«, befürchtet auch Gabi Lener, ebenfalls Lehrerin an der Europaschule. Die Parolen der österreichischen Fremdenrechtler (»Keine Zuwanderung ohne Deutsch«) hinterlassen ihre Spuren in den Familien. Eine andere Muttersprache als Deutsch, Englisch oder Französisch wird als Makel empfunden, den es zu beseitigen gelte. Kinder, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, gelten selbst vielen Pädagoginnen als Problemfälle. »Wie viele Ausländer hast du denn in der Klasse?«, laute eine oft gestellte Frage unter Volksschullehrerinnen, erzählt Lener. »Oje«, heiße es dann, wenn es mehr als fünfzig Prozent sind: »Du Arme.«

Leserkommentare
  1. Wertschätzung für andere Sprachen? Eine tolle Sache; das ganze Brimborium mit dem Sprachkarussell und den 13-sprachigen Morgengrüßen scheint mir trotzdem heftig übertrieben. In der Zeit, die das in Anspruch nimmt, könnte man ja auch echte Inhalte vermitteln. Oder etwa auch den Migranten diejenige Sprache, die sie da nun mal brauchen, wo sie jetzt leben. Damit wäre ihnen deutlich mehr geholfen als mit dem ganzen multikulturellen Betroffenheitstheater.

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