Jedes Jahr verlassen 20000 afrikanische Fachkräfte ihre Heimat
Aber ganz so einfach, wie er das sagt, ist es dann doch nicht. Die durchschnittliche Lebenserwartung in den Ländern südlich der Sahara beträgt 50 Jahre. In Sierra Leone sterben 282 von 1000 Kindern, bevor sie fünf Jahre alt geworden sind. In dem aufstrebenden Ruanda haben 94 Prozent der Menschen keinen Stromanschluss. In Swasiland ist ein Drittel der 15- bis 49-Jährigen HIV-infiziert. Und auch wenn keine Hinrichtungen stattfinden, ist in Ghana die Todesstrafe im Strafgesetz verankert. Die Liste des Leids ist lang; es gibt viele Gründe, aus Afrika zu fliehen. Und genau das tun vor allem die gut ausgebildeten Fachkräfte. Jedes Jahr verlassen 20.000 qualifizierte Afrikaner ihre Heimat. Gründe für Emigration gibt es neben politischen Motiven viele; geringer Lohn, Arbeit in unsicheren Gegenden, schlechte Weiterbildungsmöglichkeiten und Karrierechancen zählen dazu. Dem stehen die vergleichsweise hohen Gehälter und die besseren Chancen in den Industrieländern gegenüber. Mit diesem Brain-Drain wandert nicht nur das nötige Wissen für wirtschaftliche Innovationen aus – die Lücken müssen durch etwa 100.000 teuer eingekaufte Ausländer gefüllt werden.
Fred Swaniker will genau diese Abwanderung der afrikanischen Intelligenz verhindern. Ganze 85 Prozent der Schüler erhalten ein Stipendium für die rund 40.000 Euro teure Schulausbildung an der Akademie. Kaum einer kommt aus einer Elitefamilie, viele von ihnen haben traumatische Erlebnisse hinter sich. Wer ein Stipendium bekommt, muss dieses Darlehen nur zurückzahlen, wenn er nach seinem Studium – zumeist in den USA oder Europa – nicht nach Afrika zurückkehrt. Wer sich für Afrika entscheidet und mindestens zehn Jahre lang dort bleibt, kann das Geld behalten.
Der Campus der African Leadership Academy sieht eher aus wie die Filiale einer Strategieberatung als eine Schule: Der Rasen wirkt wie manikürt, im Eingangsbereich stehen schicke beigefarbene Sessel, auf den Tischen liegen Werbebroschüren von Unternehmen. Die Lehreinrichtungen sind auf engem Raum vereint, auch zahlreiche Freizeiteinrichtungen, Sportplätze jeder Art und natürlich die Wohnheime gehören zum Campus. Die Schüler lernen nicht nur, sie leben auch hier. Die Klassenräume sind mit modernster Technik ausgestattet, in der Bibliothek liegen täglich die neuesten Wirtschaftszeitungen aus. Es gibt keine Graffiti an den Gemäuern, keine Schmierereien an den Klotüren oder heimliche Joints unter der Bettdecke. Schüler mit Ziegenbärtchen und weiten Rapper-Hosen oder mit gefärbten Haaren und tiefen Ausschnitten sieht man nirgends. Alle Jungen und Mädchen tragen hier faltenfreie schwarz-rote Uniformen. Die Haare sind auffällig ordentlich frisiert. Und alle lernen sie: Wie hoch ein Ziel auch sein mag, wir können es schaffen.
Der Eifer wird durch einen strengen Organisationsmechanismus gesteigert. Die Schüler haben eine Sechs-Tage-Woche, die Fächer Leadership und Entrepreneurship sind genauso Bestandteil des Lehrplans wie Mathematik oder Sprachen. Fred Swaniker weiß, wie wichtig sie sind. Dazu kommt der Sozialdienst, der die Schüler immer mittwochs in die Slums der Stadt führt. Dort helfen sie Frauen beim Gemüseanbau oder Waisenkindern beim Lernen. Ihre Ausbildung soll nicht nur ihnen selbst, sondern auch der Gesellschaft nutzen.
»Manche meinen, Führungspersönlichkeiten würden geboren«, sagt Fred Swaniker. »Ich bin davon überzeugt, dass man sie macht. Und je jünger die Menschen sind, die wir formen, desto besser sind ihre Karrierechancen. Wir holen unsere Schüler im richtigen Alter ab«, sagt Swaniker. Was er damit genau meint? »Schauen Sie sich Bill Gates an, er baute Microsoft mit 19 Jahren auf. Steve Jobs begann mit Apple, als er in seinen frühen Zwanzigern war. Und auch Nelson Mandela war in diesem Alter, als er sich in der ANC Youth League engagierte.«
Um die Besten unter den Armen zu finden, arbeitet das Internat mit einigen Bildungsministerien, NGOs und dem UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge zusammen. Deren Mitarbeiter halten Ausschau nach jungen Talenten, und wenn sie eines entdeckt haben, raten sie ihm, eine Bewerbung nach Johannesburg zu schicken. Zwei Tage lang müssen die Bewerber sich im Vorstellungsgespräch präsentieren – das Verfahren ist fast so hart wie bei den großen Strategieberatungen, wo sich Kandidaten in mehreren Interviews mit Personalverantwortlichen und Partnern bewähren müssen. Und wie dort genügt bloßer Fleiß nicht. Wer ein Stipendium an der Akademie will, muss sich für die Gemeinschaft engagieren oder etwas wirklich Besonderes geleistet haben.
Die 18-jährige Lovetta etwa, die Swaniker durch sein Fenster sieht, floh mit ihrer Familie vor dem Kugelhagel des liberianischen Bürgerkriegs. Heute entwirft sie Schmuck aus Patronenhülsen, den auch die US-Oscar-Preisträgerin Halle Berry trägt. Neben der Ausbildung an der Akademie beschäftigt Lovetta drei Angestellte in Texas sowie einen liberianischen Kriegsveteranen, der die Patronenhülsen sammelt. Mit dem Gewinn finanziert sie ein Haus für Kriegsopfer nahe Liberias Hauptstadt Monrovia.
»Wir können uns nur selbst helfen«, sagt Fred Swaniker
Das Engagement des Ex-McKinsey-Mitarbeiters ist in gewisser Weise auch ein Misstrauensvotum gegen die Politiker des Kontinents und die Engagierten der ganzen Welt wie Madonna oder Angelina Jolie. Was bringt dieses ganze Promi-Schaulaufen in den Elendsecken Afrikas? Swaniker muss lachen. »Nicht viel«, antwortet er diplomatisch, und sein Gesicht verrät, dass er die Inszenierungen für überflüssig hält. Und wie steht es mit Entwicklungshilfe? »Die kann uns auf Dauer auch nicht helfen. Das können wir nur selbst.«
Als er das sagt, klingt er nicht mehr wie ein strategisch denkender Ökonom. Eher wie ein trotziger Junge. Einer, der sich seine Träume nicht wegnehmen lässt.
- Datum 07.05.2011 - 08:38 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 5.5.2011 Nr. 19
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ich kann mir nicht vorstellen, dass diese gruppe, allesamt an einer schule ausgebildet eine echte verbesserung der afrikanischen verhältnissse bringt
es fehlt dann einfach die vielfalt, alle sind da einheitlich geprägt, und einheitlichkeit und einheitsdenken hat noch keiner gesellschaft und in keinem bereich sonderlich gut getan
vor allem hat die vergangenheit gezeigt, dass gerade die hochintelligente "elite" zuerst mal an sich selbst denkt, dann lange an nichts und erst dann an das humankapital denkt, welches sie wie am besten ausbeuten kann, verbesserungen hat es für die "normalos" nur dann gegeben, wenn die elite daran verdient hat
weiters stellt sich auch die frage ob ein ingenieur, der bei boeing in seattle arbeitet der afrikanischen gesellschaft was bringt, von einer schmuckdesignerin für promis will ich erst gar nicht reden, da ist ja oberflächlichkeit programm
"Wir können uns nur selbst helfen".
Die Entwicklungshilfe mag für das Gewissen
der ehemaligen Kolonialherren und auch der
sogenannten "Gutmenschen" beruhigend sein.
Für Afrika ist sie ein Gift.
blackmagicwomen
Das Anliegen, das sich mit einer Neuprägung von eingebürgerten Begriffen ("Entwicklungshilfe" und deren folgliche Abhängigkeiten) unterstützen lässt, könnte man vielleicht auch mit dem bekannten "Hilfe zur Selbsthilfe" umschreiben.
Gerade mit der hervorragenden Bildung von jungen Menschen aus unterprivilegierten Verhältnissen innerhalb seines "You'llWinIfYouStayInAfrika"-Konzeptes fördert Herr Swaniker die notwendige Solidarität durch die Generationen???
Im Anspruch zu ehrlichem, sozialen Engagement (nicht in "PseudoSozialPraktika" für 14 Tage im gepflegten Umfeld) sehe ich die Anregung von dauerhaftem Verständnis für ProblemlösungsStrategien, welche dem Zusammenleben dienen, die Gemeinschaft (und den sozialen Ausgleich) fördern und auf attraktive, gemeinsame Vorhaben einstimmen. Diese "Bodenständigkeit" wirkt hoffentlich auch einer Uniformierung und mancher "Weltfremdheit" dieser Aufstrebenden entgegen? Hierin werden wohl die Hauptaufgaben der Wegbereiter für die Nachfolgenden für die Zukuft sein???
Mit Freude würde ich es lesen, wenn die kulturelle Eigenständigkeit dort gefördert würde, wenn der westliche Lebensstil eine Ergänzung des Weltverständnisses dieser begabten Mitmenschen wäre, aber das alltägliche Leben stärker durch die lokalen Vorgaben (Klima, Sprache und Musik, Rythmen, zeitgemäße Rituale, ...) verwurzelt wäre.
http://www.africanleaders...
welche der Elite ("ausgelesen", http://de.wikipedia.org/w...) fehlt???
http://dsc.discovery.com/...
http://www.youtube.com/wa...
http://www.youtube.com/wa...
(Und natürlich bleibt die Frage, wieweit man sich dabei schon im Bereich der touristischen Folklore befindet, allerdings findet sich darin sicher noch mehr eigene Identität als in weltweitem Footballtraining?)
... das ist doch wirklich nicht neu in Afrika.
Und gleiche Ursachen werden immer gleiche Wirkungen haben.
Ich kann mir kaum vorstellen, dass diese Elite tatsächlich etwas in entscheidendem Maße verändern kann. Dazu hat sie viel zu starke Selektionskriterien, gerade mal 106 Schüler wurden im Jahr 2008 aufgenommen. Sie hat damit eine niedrige Akzeptanzrate als Harvard (wie auf der Website der Academy nachzulesen ist - Was soll dieser Vergleich mit Harvard?). Diese Selbstbeweihräucherung als Elite, als Ort, wo die zukünftigen Leader Afrikas ausgebildet werden, wird wahrscheinlich kaum in der Lage sein, tatsächlich tiefgreifende Probleme in Afrika zu lösen.
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