Im nördlichen Chiemgau liegen die Dinge des Lebens nahe beieinander. Am Vormarkt 15 in Trostberg befindet sich der Bestattungsdienst Philipp Leicher, ein paar Hausnummern weiter die Hebammenpraxis Storchennest. Angesichts solch handgreiflicher Stirb-und-werde-Symbolik braucht die radlschiebende Besucherin erst mal einen Cappuccino, im Altstadtcafé Dolce Vita am besten, wo die Einheimischen das süße Leben zwischen Klapperstorch und Leichenzug genießen, indem sie ihre Gesichter gierig der oberbayerischen Frühlingssonne entgegenrecken.

Ach Gott, der Chiemgau, der bayerische Ausflugsklassiker schlechthin. Der Münchner kennt ihn seit Kindesbeinen auswendig, von zwangsbeglückenden Familienfahrten, von Schullandheimaufenthalten oder Bauernhoffesten vor Bundwerkstadeln. Besonders Begünstigte haben dort Country-Domänen erworben – kaum eine Landschaft des Freistaats ist so "gentrifiziert" wie dieses wasserreiche, anmutig gebuckelte Alpenblick-Dorado rund ums Bayerische Meer. Und an Sommerwochenenden so vollgepackt mit Freizeitaktivisten, zu denen jährlich noch Hunderttausende kommen, die König Ludwig auf Schloss Herrenchiemsee die Ehre geben. In den nächsten Monaten werden noch weit größere Mengen die Ausflugsschiffe besteigen, denn auf der Herreninsel findet vom Mai an die bayerische Landesausstellung Götterdämmerung statt, zur 125. Wiederkehr des Todestages von Ludwig II. – ein multimediales Großereignis mit Computer- und 3-D-Animationen.

Aber der Chiemgau hat, abseits des Seegetriebes, im nördlichen Hinterland zwischen Amerang und Alztal, zwischen Ratzinger Höhe und Rabenden, noch ein zweites, gelasseneres Gesicht. Wenn man in diesen stilleren Zonen umherradelt, zwei bis drei Tage auf krummen Wegen von Prien bis Trostberg, dann ist der Chiemgau einfach eine Landschaft für unverschämt gute Laune. Im Frühjahr zumal, zur Zeit des jungen Grüns und der farbkastenbunten Bauerngärten, kann einen im Fahrradsattel, auf Wurzelpfaden, Bauernsträßchen, Kleinstadtpflaster pure Heiterkeit überfallen. Nun schau doch mal! Lehn dein Rad an dieses verblichene Holzbankerl, gestiftet vom Katholischen Burschenverein Pittenhart, das da allein zwischen Oberbrunn und Niederham am Hangsträßchen steht. Da liegt der ovale Eschenauer See wie ein silbernes Tablett vor dir, umrahmt von Löwenzahngelb in den Kuhwiesen und den Brauntönen von Schilfgürteln und Hochmoorflächen. Ein einsames Gehöft vor dunklen Waldschranken und drüber die bläulich-schneeigen Chiemgauer Gipfel, Hochfelln, Hochgern, die spitzzackige Kampenwand. Man mag einfach nicht glauben, dass Ludwig II. den ganzen Chiemgau nicht ausstehen konnte. Zu licht und offen vielleicht, nicht melodramatisch genug? Jedenfalls ließ der Monarch, nachdem er die Insel Herrenwörth zur Errichtung seiner Versailles-Kopie erworben hatte, misslaunig vermelden, er sei "für die hiesige Gegend sowohl als für den See nicht eingenommen". Die Kunst allein – der Sonnenkönigspalazzo nämlich, den der Schriftsteller Ludwig Thoma einen Gefängniskasten voller "planlos angehäuftem Prunk" schimpfte – "müsse dieses Unangenehme angenehm und Gegend und See vergessen machen".

Auf der Wiese liegt die Heimat von Croatzbeere und Schweizer Hose

Mit Verlaub, Majestät, da folgt man Ihnen als Nachgeborener nicht. Im Gegenteil, zum Entweichen in "dieses Unangenehme" hat sich die Besucherin in Prien ein Pedelec gemietet, ein Rad mit acht Gängen und bei Bedarf etwas wohltätigem Anschub aus dem Elektro-Akku. Rückenwind heißt das Chiemgauer Fahrradverleih-System und trägt seinen Namen zu Recht. Noch nie hat man die Ratzinger Höhe, einen aussichtsreichen Moränenrücken im Nordwesten des Chiemsees, so kinderleicht und ohne Geschnaufe bewältigt. Und trotzdem sind die Beine in Bewegung, strampelt man sich munter voran, durch lockere Streuobstwiesen an den Hängen, wo Apfelraritäten wie Damason Renette oder der Nathusius Taubenapfel, die Birnensorten Gänskragen, Croatzbeere oder Schweizer Hose gedeihen. 300 seltene Obstsorten wurden auf diesen Höhen gepflanzt, zwischen kleinen Kirchturmdörfern und einem historischen "Itakerhof", benannt nach italienischen Handwerkertrupps aus dem 19. Jahrhundert. Riesig und prachtvoll steht er da mit seinen unverputzten Feldsteinmauern und den typischen Bogenfenstern vorm Getreidespeicher. Gleich gegenüber, im Fritznhof, bietet Familie Rappl naturreine Erzeugnisse ihrer Obstwiesen an: Quitten- oder Pflaumenessig, aromatischen Birnenbrand oder Walnusslikör. Aber dick einwickeln lassen muss man die Flaschen, sonst scheppern sie im Fahrradkorb, wenn man weitergondelt zu den Fernsichtkanzeln beim Weiler Osterhofen, zum Herrgottswinkel bei Berg. Ganz winzig nimmt sich von hier oben Ludwigs Inselschloss im Chiemseeblau aus, und von der westlichen Kammseite blitzt schon das nächste größere Wasser, der silbrige Simssee, herauf. Die Abfahrt über Ulperting nach Antwort ist dann die reinste Sause: Haare verblasen, die Jacke windgebläht, flitzt man durchs grasgrüne Buckelland wie ein Derwisch.