Peking - Man muss schon ein bisschen wahnsinnig sein, um nach Peking zu ziehen. Über 22 Millionen Einwohner drängen sich hier , fünf Millionen Autos verstopfen die Straßen, Peking rauscht, brüllt, pfeift, kocht und stinkt. Aber dann: der Glücksgriff bei der Wohnungssuche, ein wundervolles Haus mitten in einem Altstadtviertel. Das einzige Problem ist: Man weiß nie, ob der Abrissbagger kommt.

Ich war gerade eingezogen, hatte die erste Januarnacht trotz Mütze, Schal, Jacke, drei Pullis und zwei Hosen schlotternd im Bett verbracht, als morgens eine Freundin vor der Tür stand, das Frühstück in der Hand. »Weißt du schon?«, fragte sie. »Das Viertel soll jetzt doch abgerissen werden.«

Zwei Monate zuvor hatten wir bei der Stadtverwaltung angerufen. »Ein Jahr lang passiert hier erst mal nichts«, hatte man uns bescheinigt. Ein Jahr ist nach Pekinger Maßstäben eine Ewigkeit. Nun gibt es anscheinend einen neuen Plan, genauer gesagt, es gibt nicht einen, sondern viele. Mal lese ich in der Zeitung, die Regierung plane eine Massenumsiedelung, weil sie sich mit der historischen Achse, auf der das Viertel liegt, um den Weltkulturerbestatus bewerben wolle und in der Nähe eines Kulturerbes keine Menschen leben dürften. Ein abenteuerliches Konzept, demzufolge man Städte wie Regensburg oder Leipzig komplett entvölkern müsste. Dann wiederum heißt es, man wolle die Häuser am Platz abreißen, um sie pseudohistorisch neu aufzubauen – als Fassade für Luxusuhrengeschäfte. Ein »Untergrundmuseum« war auch schon mal geplant, aber wieder verworfen worden, wobei »Museum« hier nicht wörtlich zu nehmen ist: Es sollte im Namen der Bewahrung der Kultur vor allem Restaurants, Shoppingmalls und Parkhäuser beherbergen. Die Pläne tragen ehrgeizige Namen, »Time Cultural City« oder »Time Cultural Square«, sie klingen eher nach Themenpark denn nach Kulturbewahrung. Ruft man bei den Behörden an, verweist ein Amt an das nächste. Unter den Nachbarn zirkulieren Gerüchte, keiner aber weiß wirklich Bescheid. Inzwischen mache ich es wie meine Nachbarn: Ich lebe von Tag zu Tag. Und hoffe, dass sich am Ende alle Pläne zerschlagen werden.

Das Viertel, ein Gewirr aus Gässchen, manche so schmal, dass kein Auto hindurchpasst, befindet sich auch ohne amtliche Eingriffe in rasantem Wandel . Alle paar Tage eröffnet ein neues Café, eine neue Bar. Kann sein, dass die Zukunft hübsch, konsumentenfreundlich und ein bisschen langweilig sein wird. In diesem kurzen Moment, wo das Alte noch nicht ganz vertrieben und das Neue schon ankommt, lebt es sich hier wunderbar.

Mein neues Heim ist ein Hofhaus im chinesischen Stil, graue Ziegel und rote Holzstreben, der Dattelbaum des Nachbarn ragt in den Hof hinein. Eine Dachterrasse. Der Blick schweift über den Glocken- und den Trommelturm, über Baumwipfel, ein Meer aus geschwungenen Dächern. Mein Viertel klingt nach etwas, was man in Peking selten hört. Es klingt nach Langsamkeit. Nach den Nachbarn, die sich an Sonnentagen Stühle und Sofas vors Haus schieben, um stundenlang zu ratschen, zu schauen und zu dösen. Mein Viertel, das Trommelturmviertel, ist uralt, Teile davon stammen noch aus der Yuan-Dynastie, aus dem 13. und 14. Jahrhundert. Einst wurde hier die Zeit des chinesischen Reiches gemessen. Der Glockenturm läutete den Morgen in der Kaiserstadt ein, die Schläge aus dem Trommelturm verkündeten die Nacht. Die Türme liegen mitten in der Stadt, auf jener historischen Achse, die Peking von Norden nach Süden durchzieht. Wir leben, sagen die Nachbarn, auf der Wirbelsäule des Drachen.

Oder auf einer Bühne, auf der zwei Stücke aufgeführt werden. Tagsüber haben die Touristen ihren Auftritt, herangekarrt mit Reisebussen, um den Glocken- und den Trommelturm zu besuchen. Rikschafahrer kutschieren dann die Besucher, meist Angehörige der chinesischen Mittelschicht, umher, die oft in Hochhäusern aufgewachsen sind. Die Rikschafahrer erklären eine Stadt, die sie selbst kaum kennen, denn sie sind Wanderarbeiter vom Land. Sind keine Touristen da, dösen sie wie müde Kater auf ihren Rikschasitzen, spielen Schach oder kommentieren alles, was auf dem Platz geschieht. Sie sind der Chor unseres Viertels. Besucht ein hoher Kader das Viertel, wissen die Bewohner schon Tage vorher Bescheid, dann nämlich sind die Rikschas mit einem Mal verschwunden.

Abends, wenn die Touristen bei der Pekingoper sitzen, erobern die Bewohner den Platz zurück. Sie stellen einen Kassettenrekorder auf und tanzen, sie führen pummelige Hunde aus und spielen Ball. Die alteingesessenen Bewohner nehmen die 22-Millionen-Stadt wie das, was sie einmal war: ein großes Dorf. Sie hängen ihre Wäsche vor die Tür, laufen in Schlappen über die Straßen und strecken im Sommer ihre nackten Bäuche in die Sonne. Morgen für Morgen stürzen sich gestählte Alte unter markigen Schreien ins Wasser des benachbarten Sees, im Winter schlagen sie ein Loch ins meterdicke Eis. Herr Bai, der pensionierte Arbeiter, lässt an sonnigen Tagen seine Vögel fliegen. Er wirft ein wenig Futter in die Luft, sein Freund, den er »Zweiten Bruder« nennt, tut es ihm nach, der Vogel fliegt eine formvollendete Schleife, bis er sich wieder auf die Hand von Herrn Bai setzt. Die beiden haben das schon als Kinder gespielt, in einer Stadt, die eine ganz andere war, in der man als Kind kilometerweit rennen konnte, in der es fast keine Autos gab. »Zweiter Bruder« zeigt manchmal ein Foto seines Großvaters herum, voller Stolz. Darauf ist ein eleganter Mann mit seiner Frau zu sehen, deren winzige gewickelte Füße in Lederschuhen stecken. »Lederschuhe«, sagt der »Zweite Bruder« und macht große Augen. »Zu der Zeit! Kannst dir ja vorstellen, wie reich die waren!« Der Großvater war Imam, er kaufte ein Haus, gleich hier am Glockenturm, und machte es zu einer prachtvollen Moschee, bis in der Kulturrevolution die Roten Garden kamen und alles zerstörten. »Meine Güte«, sagt »Zweiter Bruder«, »der Großvater Rechtsabweichler, der Vater Soldat der Kuomintang, der Erzfeinde der Kommunisten. Da war was los!« In Peking wütete die Kulturrevolution besonders schlimm. Jetzt leben in meiner Gasse die Opfer neben den Tätern, den ehemaligen Rotgardisten.

Fragt man nach jener Zeit, verlieren sich die Antworten im Ungefähren, »lang ist das her, ich erinnere mich nicht genau«. »Zweiter Bruder« wurde nach der Kulturrevolution aufs Land verschickt, so wie viele aus dem Viertel. 30 Jahre lang lebte er in der Provinz Xinjiang, dann erst durfte er nach Peking zurückkehren. Inzwischen ist er ein gemachter Mann, besitzt Restaurants in der ganzen Stadt. Viele der Alteingesessenen aber sind bitterarm. Manchmal lassen meine neuen Nachbarn die Sojamilch an der Kasse des Einkaufsladens zurück, weil der Preis um umgerechnet einen Cent angehoben worden ist. Sie leben dicht gedrängt in den alten Hofhäusern, direkt nebenan scharen sich elf Menschen um einen kleinen Hof. Früher gab es in Peking Platz, viel Platz, zu Zeiten der Republik hatte die Stadt 700.000 Einwohner, in den achtziger Jahren waren es drei bis vier Millionen, dann wurden es jährlich mehr und mehr. In den ehemals geräumigen Hofhäusern wurden Zimmer um Zimmer dazugebaut, in der Nachbarschaft haben sie viele kleine Häuschen auf die Dächer gesetzt, legal ist das nicht, doch was soll man machen? Viele meiner Nachbarn haben kein eigenes Klo. Morgens schlurfen sie zur öffentlichen Toilette, das Klopapier in der Hand. Manchmal treffen sie dort Touristen, die Kamera im Anschlag, immer auf der Suche nach dem »authentischen Peking«.