Der Champ tänzelt an der Hand seines Reiters. Sein Kopf ist erhoben, auf den Flanken breitet sich dunkel der Schweiß aus. Als er das Rund des Führrings betritt, geht ein Raunen durch die Reihen der Zuschauer, die sich am Zaun drängen. 9000 sind zur Galopprennbahn Berlin-Hoppegarten gekommen, um ihn zu sehen. Adern überziehen seinen angespannten Körper, an seinem Maul bildet sich feiner Schaum. Acht Gegner fordern ihn heraus, um ihn auf seiner Distanz zu schlagen, auf der 1000-Meter-Geraden, auf der er fliegen konnte wie kein anderer. Der Champ habe Angst, flüstern sie am Zaun. Sein größter Gegner sei er selbst.

»Budapest Bullet«, das Geschoss von Budapest, nannten sie ihn, das schnellste Pferd der Welt. Doch das ist zwei Jahre her. Zwei Jahre lang litt er unter einer komplizierten Hufverletzung, eine halbe Ewigkeit für ein Rennpferd, und als er im letzten August ein Comeback versuchte, ließ er sich überrennen wie einer, dessen Wille gebrochen ist. Der komme niemals zurück, schrieben die Experten. Was für ein Irrsinn, dieses Pferd weiter zu trainieren! Doch auf seiner Internetseite beteten die Fans: »Gib nicht auf, Dozy, wir lieben dich abgöttisch, renne und gewinne!«

»Wir haben nur einen wie ihn«, sagte Zoltan Mikoczy, der Besitzer, am Tag zuvor in die Mikrofone der Journalisten im feinen Hotel du Rome in Berlin. »Ach, die Hufe!«, rief er, dann blies er die mächtigen Backen auf. »Overdose ist kerngesund. Die Frage ist: Wie geht es seiner Seele? Konnten wir ihm aus seiner Depression heraushelfen?«

Zoltan Mikoczy spricht wie einer, der sich der Last einer großen Verantwortung bewusst ist. Ein Stahlhändler mit beeindruckendem Bauch und einer spiegelnden Halbglatze – exzentrisch, nennt man ihn in der Heimat. Ein Mann, der nur schüchtern wird, wenn er plötzlich englisch reden muss. Von Weitem erinnert er an Tony Soprano, den Mafiaboss aus dem Fernsehen. Normalerweise verschiebt er Schrott in der slowakischen Provinz, doch dieses Pferd hat ihm eine Rolle in der ungarischen Geschichte zugedacht. Sechs Millionen Euro bot ihm ein arabischer Scheich einmal für den Hengst, aber er sagte nur: »Träume verkauft man nicht.«

Es war Ende 2008, das Jahr der Bankenkrise, nur knapp wurde der Staatsbankrott abgewendet, als die Ungarn Overdose zu ihrem Sportler des Jahres kürten. Menschen aus 21 Ländern traten seinem Fanclub bei, die New York Times hob ihn auf ihre Titelseite.

»Auf dieses Pferd konnten wir uns einigen«, sagt der bekannte ungarische Moderator Andras Kepes. »Overdose hat es den übermächtigen Deutschen, Engländern und Franzosen gezeigt, entgegen aller Wahrscheinlichkeit. Damit können wir uns identifizieren. Endlich hatten wir wieder etwas, worauf wir stolz sein können.«

Zoltan Mikoczy steht mit ernster Miene in der Mitte des Führrings. Sein schwarzer Anzug wirft keine Falte, den Glanz seiner Schuhe hat er sorgfältig geprüft. Ein Dutzend Fernsehkameras verfolgt jede seiner Regungen, ein ungarischer Sender überträgt live. Nur noch 17 Prozent der Ungarn glaubten, dass Overdose gewinnen könne, meldete das Racing Portal. Mikoczy atmet tief ein. Dieser Tag könnte ihn zum Gespött der Galoppwelt machen.

Seit 20 Jahren besitzt Mikoczy Rennpferde, aber in den Nächten zuvor hat er kaum geschlafen. Die Situation, die er sonst so liebt, foltert ihn jetzt: die Menschenmassen und die Kameras, die Fanfaren beim Aufgalopp, das Erklingen der ungarischen Hymne. Gleich werden die Pferde auf die Bahn geführt, dann werden die Boxentüren sich öffnen, 60 Sekunden später wird er endlich eine Antwort haben. Dann wird die Welt wissen, ob ein Märchen weitergeschrieben wird: das Märchen von einem krummbeinigen Hengst, der die Elite europäischer Rennpferde deklassiert, die Geschichte eines Stahlhändlers und seines belächelten Pferdes.

Im November 2010, fünf Monate zuvor, verhüllt ein diesiger Wintermorgen das weitläufige Trainingsgelände von Alag. 20 Minuten sind es mit dem Regionalzug von Budapest, dann steht man auf einem Vorstadtbahnhof, auf dem jeder Passant den Weg zu Overdose weisen kann. Alte Buchen säumen die Auffahrt zu den Stallungen, dampfende Pferde kehren im Pulk von der Trainingsbahn zurück, und vor dem kleinen Backsteinstall schlagen zwei Hunde an.

Der Champ hat dichtes Winterfell, mit wachen Augen registriert er seine Umgebung. Nur eine Runde ist er getrabt, dann ist er auf einen Stein getreten, jetzt führt Zoltan Mikoczy den Hengst prüfend aus der Box. Empfindlich wie Porzellan sind seine Hufe – und würde Mikoczy die Dinge nüchtern betrachten, müsste er sich eingestehen, dass er wie der Besitzer einer Aktie ist, deren Wert mit jedem Tag fällt. Doch immer noch kommt diese alte Frau aus der Nachbarschaft, um für Overdose zu beten.