Auf der Vulkaninsel La Réunion im Indischen Ozean lässt sich studieren, wie Lebewesen sich der Umwelt anpassen. Hier beobachtet ein Mann die Eruption des Piton de la Fournaise im April 2007. © Richard Bouhet/AFP/Getty Images

Wenn nur alle Versuchsteilnehmer so pünktlich wären wie Oryctes borbonicus . Alles ist für ihn vorbereitet: Das weiße Bettlaken aufgespannt, der kleine Generator summt in der Ferne, die Quecksilberdampflampe strahlt blendend hell. Fünf vor acht, jetzt müsste er kommen. Und tatsächlich, mit einem tiefen Brummen wie von einem Propellerflugzeug kündigt er sich an, lässt sich unbeholfen mit einem »togg« auf das Laken fallen und taumelt dem Licht entgegen. Ruck, zuck steckt Ralf Sommer den schwarz glänzenden Blatthornkäfer in ein Plastikröhrchen, in der nächsten Stunde folgen 42 Artgenossen. Fette Beute. Für ihre anderen Probanden werden Sommer und seine Kollegen weit mehr Geduld brauchen.

Kühe auf saftigen Weiden, eine ordentlich gezimmerte Grillhütte inmitten von Nadelbäumen – man könnte denken, die vier Tübinger Forscher wären nur mal kurz in den benachbarten Schwarzwald gefahren. Doch ihre Käferlandebahn haben sie 9.000 Kilometer vom Max-Planck-Institut (MPI) für Entwicklungsbiologie entfernt aufgeschlagen, auf der Île de la Réunion im Indischen Ozean, der »Insel der Zusammenkunft«.

»Für uns spiegelt diese Insel die ganze Welt wider«, sagt Ralf Sommer, Direktor am MPI und Expeditionsleiter. Die Wissenschaftler interessieren sich allerdings gar nicht direkt für die Käfer, sondern für den blinden Passagier, der in den Mulden und Nischen ihrer Panzer reist: Pristionchus pacificus , ein Fadenwurm (wissenschaftlich: Nematode), kaum einen Millimeter lang. Der kommt zwar überall auf der Welt vor, alle vier großen Gruppen treffen aber nur hier zusammen, auf La Réunion.

Im Kampf zwischen Feuer und Wasser ist die Insel vor mehr als zwei Millionen Jahren aus dem Ozean aufgetaucht. Ausströmende Lava hatte sich unter dem Meeresspiegel aufgetürmt und stieg weiter empor, begleitet von heftigen Explosionen, wo Wasser in die heiße Masse drang. Heute ist der 2.632 Meter hohe Piton de la Fournaise der zweitaktivste Vulkan der Welt – nach dem Kilauea auf Hawaii. Eine spektakuläre Eruption ließ 2007 den Hauptkrater einbrechen, der Lavastrom wälzte sich quer über die Küstenstraße N2 ins Meer. Sein Nachbar, der Piton des Neiges, ist indes erloschen. Flüsse, die an den Vulkanflanken entspringen, haben tiefe Schluchten in das Basaltgestein gegraben; nur an wenigen Stellen macht das schroffe Ufer Platz für ein wenig groben Sandstrand.

Jahrhunderttausende vor den Kolonisatoren aus Europa begann das Leben den Basalthaufen im Indischen Ozean zu erobern. Erst landeten salzresistente Samen an, der Wind blies Farn- und Moossporen an Land, dazu kleine wirbellose Tiere. Ein paar Vögel und Fledermäuse verschlug es auf das karge Eiland, sie brachten in ihren Federn, ihrem Fell und ihren Bäuchen weitere Samen mit. Auch die Käfer mitsamt ihrer Nematodenfracht mag es so aus allen Himmelsrichtungen nach La Réunion verschlagen haben. Als schließlich die menschlichen Siedler ab dem 16. Jahrhundert aus Portugal, England, den Niederlanden und Frankreich ankamen, beschrieben sie das Eiland als »Garten Eden«.

Inseln sind wie geschaffen dafür, auf ihnen die Entwicklung des Lebens zu erkunden. Viele haben Karriere gemacht in der Evolutionsforschung: die Galapagosinseln mit Charles Darwin, Borneo mit dessen Konkurrenten Alfred Russel Wallace, auch Madagaskar, der westliche Nachbar La Réunions. Jetzt will Ralf Sommer auf der Insel, die als Überseedepartement zu Frankreich gehört, der Evolution noch genauer auf die Schliche kommen: Wie passt sich ein Lebewesen an seine Umwelt an? Was passiert dabei in seinem Genom? Wie bildet sich eine neue Art? »Mich interessiert, wie Vielfalt entsteht«, sagt Sommer, »und was diese Unterschiede über die Evolution verraten.«

P. pacificus soll helfen, diese Fragen zu beantworten. Aus dem Labor kennt Sommer ihn schon lange und so gut wie kaum ein anderer – er hat die Art als Erster beschrieben. Entwicklungsbiologen wie er mögen Fadenwürmer: Sie sind leicht zu vermehren, wenig wählerisch beim Futter und – weil durchsichtig – einfacher zu durchschauen als anderes Getier. Zudem liegt das gentechnische Handwerkszeug parat, um noch tiefer in den Wurm zu blicken, in seine DNA. Jahrelang hat Sommer die Entwicklung der Vulva, der Geschlechtsöffnung des zwittrigen Wurms, untersucht. Denn vor allem Veränderungen in der Entwicklung vom Embryo zum erwachsenen Tier treiben die Evolution voran, vermutet Sommer. Mit seinen Kollegen forscht er in einem Feld, das vor 20 Jahren erst entstand: Evo-Devo (Kurzform von evolutionary developmental biology), einer Synthese aus Evolutionstheorie und Entwicklungsbiologie.