Als die beiden Vertreter des spanischen Baukonzerns ACS Anfang Oktober zu einer Sitzung des Aufsichtsrats von Hochtief nach Essen kommen, müssen ihnen Sicherheitsleute den Weg durch die aufgebrachte Menge bahnen. Rund 500 Mitarbeiter des deutschen Bauunternehmens protestieren gegen das Übernahmeangebot der hoch verschuldeten ACS-Gruppe . Sie fürchten, ACS wolle Hochtief nach der Übernahme zerschlagen.

Wirtschaftstheoretische Modelle veranschaulichen die Angst vor dem Ausverkauf: Ein internationaler Konzern könnte Jobs für Geringqualifizierte in ein Land mit niedrigerem Lohnniveau verlagern. Um Synergieeffekte zu erreichen, könnten die neuen Eigner die Entwicklungs- und Forschungsabteilung in die Konzernzentrale verlegen. So gingen in Deutschland auch hochkarätige Jobs verloren.

Es ist nicht egal, wer eine Firma besitzt. Das verdeutlicht ein Begriff, den die US-Ökonomen George Akerlof und Rachel Kranton in ihrem Buch Identity Economics erläutern: Identität. In einer gut geführten Firma identifizieren sich die Angestellten mit dem Unternehmen und fühlen sich für den Erfolg verantwortlich. Tradition und lokale Beziehungen bilden einen wichtigen Teil dieses Gefühls. Fehlen sie, schwächt das die Bindung und das Verantwortungsbewusstsein der Mitarbeiter.

Tatsächlich erreichen ausländische Unternehmen bei knapp der Hälfte der Übernahmen nicht den erwarteten Ertrag, fanden Unternehmensberater von Deloitte heraus. Schuld sind kulturelle Unterschiede und die Unzufriedenheit vieler Mitarbeiter mit den neuen Eignern. Nach Nobelpreisträger Akerlof und Mitautorin Kranton büßen die Angestellten auch hier einen Teil ihrer Identität ein – und einen Teil des Nutzens, den sie aus ihrem Job ziehen. Die beiden Forscher zeigen damit eine Schwäche des gängigen Ökonomiemodells auf, das den Menschen als rationales Wesen beschreibt: Das verfolge nur seine eigennützigen ökonomischen Ziele. Kranton und Akerlof aber sagen, nicht nur finanzielle Anreize bestimmten das Handeln eines Menschen, sondern auch seine Identität. Diese kann Verhalten erklären, das – wirtschaftlich betrachtet – schädlich erscheint. Identität bezeichnet auch, wie Menschen über sich selbst denken. Sie hängt vom sozialen Umfeld ab. Die Gruppe bestimmt, welche Verhaltensregeln gelten, diesen zu entsprechen wird zum zentralen Ziel eines Menschen. Nur auf diese Weise kann der Einzelne seine Identität wahren: als Mann, als Frau, als Akademiker oder als Arbeiter.

Kritiker monieren, Identität sei keine wissenschaftlich verwertbare Kategorie. Doch schon der Ökonom Vilfredo Pareto ging Anfang des 20. Jahrhunderts davon aus, dass Menschen sich nicht nur für Wirtschaftliches interessieren, sondern auch dafür, wie andere ihr Verhalten bewerten.

Akerlofs und Krantons Forschung überzeugt und veranschaulicht zugleich einen negativen Aspekt der Identität. An bestimmten Berufen kleben in Deutschland noch immer Geschlechteretiketten: Krankenschwestern sind weiblich, Vorstandsvorsitzende männlich. Und nicht (nur) Arbeitgeber halten an den Vorstellungen fest. Oft denken Frauen, Mitarbeiter erwarteten von einer Chefin »männliches« Verhalten. Das würde aber ihre weibliche Identität schmälern und damit ihren Nutzen. Viele entscheiden sich gegen eine Führungsposition.

Laut Bildungsbericht 2010 waren bei knapp der Hälfte der Jugendlichen, die höchstens die Hauptschule abschließen, auch die Eltern zu keinem höheren Abschluss gelangt. Hauptschüler finden aber seltener eine Vollzeitanstellung als Höherqualifizierte. Nun soll das Bildungspaket Kindern aus einkommensschwachen Familien etwa den Zugang zu Nachhilfe erleichtern, um ihre Berufschancen zu erhöhen. Die Regierung übersieht, dass nicht für alle der spätere finanzielle Nutzen im Vordergrund steht. Wer nach einem besseren Job und einem anderen Leben strebt, riskiert, von seiner Gruppe verstoßen zu werden.

Doch Identity Economics offenbart auch, dass Identität durchaus beeinflusst werden kann: Vor 50 Jahren war es für eine junge Mutter ungleich schwieriger, berufstätig zu sein, als heute. Es dauert lange, das Verhalten von Gruppen zu verändern – aber es geht.