Das Institut für Zeitgeschichte in München © Alexander Markus Klotz

Düster wirkt sie, diese Trutzburg an der breiten Leonrodstraße in München, etwas abseits vom Zentrum gelegen. In dem kantigen Betonkasten residiert seit 1972 das Institut für Zeitgeschichte – in einem Bau, der selbst zu einem sprechenden Monument der Zeitgeschichte geworden ist: So sahen Fortschritt, Vision und Innovation in den siebziger Jahren aus.

Damals war das Institut längst zu einer allseits geachteten Festung der Wissenschaft geworden. Es stand wie keine andere historische Forschungseinrichtung der Bundesrepublik für den geistigen Bruch mit der NS-Vergangenheit. 1949 als außeruniversitäres Zentrum gegründet, widmete man sich hier der »Epoche der Mitlebenden« seit 1917, wie der Historiker Hans Rothfels damals das Wort »Zeitgeschichte« so griffig definierte.

Die Erforschung des Nationalsozialismus wurde dabei zur wichtigsten Aufgabe. Man sammelte Dokumente, lieferte Gutachten für Gerichtsprozesse gegen die Täter und erforschte die Struktur des »Dritten Reichs« – übrigens lange bevor das an deutschen Universitäten üblich wurde. Unter den Direktoren Helmut Krausnick (1959 bis 1972) und Martin Broszat (1972 bis 1989) entstanden bahnbrechende Studien und Editionen, wuchs das Institut für Zeitgeschichte, seit 1975 eine von Bund und Ländern gemeinsam finanzierte öffentliche Stiftung, zu einer Institution mit beträchtlicher internationaler Ausstrahlung.

Nach 1989 änderte sich die Lage. Die universitäre Zeitgeschichtsforschung hatte aufgeholt. Der lange selbstverständliche Fokus auf den Nationalsozialismus erhielt Konkurrenz: DDR und Bundesrepublik waren immer stärker »Epoche der Mitlebenden«. Zunehmend aufgeregte geschichtspolitische Debatten in der Öffentlichkeit störten die bislang von solchen Belästigungen unangefochtenen Kreise der Forscher in der Leonrodstraße.

Das IfZ erhielt zwar neue Abteilungen in Berlin: für die Erforschung der DDR-Geschichte zum einen, zum anderen für die Edition der Akten zur Auswärtigen Politik beim Auswärtigen Amt; auch kam 1999 ein NS-Dokumentationszentrum auf dem Obersalzberg bei Berchtesgaden dazu. Doch das zeitgeschichtliche Konzert ist in den letzten zwanzig Jahren vielstimmiger geworden. In Potsdam gibt es jetzt das Zentrum für Zeithistorische Forschung unter Martin Sabrow, in Hamburg das Institut für Sozialforschung, an der Universität Jena Norbert Freis Jena Center zur Geschichte des 20. Jahrhunderts und in Freiburg im Breisgau Ulrich Herberts School of History am Institute for Advanced Studies – nicht zu vergessen die Deutschen Historischen Institute im Ausland.

Das methodisch traditionelle IfZ verlor an Boden, weil innovative Impulse für die Wissenschaft sich eher andernorts entwickelten. Hinzu kam das Problem Horst Möller. Der seit 1992 amtierende Direktor geriet immer wieder in die öffentliche Kritik, was nicht mit dem branchenüblichen Futterneid zu erklären ist. »Seine größte Stärke« sei es, »in vielen Gremien und mit vielen Vorträgen zu gastieren und zu glänzen, am liebsten in Frankreich«, urteilte 2009 die FAZ.

In besondere Nöte brachte Möller das IfZ 2000 mit seiner Laudatio auf den nach rechts außen gedrifteten Historikerkollegen Ernst Nolte anlässlich der Verleihung des Adenauer-Preises. Der Berliner Historiker Heinrich August Winkler forderte den Rücktritt; die einstigen IfZ-Mitarbeiter Frei, Wolfgang Benz, Klaus-Dietmar Henke und Ludolf Herbst äußerten sich »tief besorgt«. 2003 gab es zu alldem auch noch eine äußerst kritische Evaluation des Instituts durch die Leibniz-Gemeinschaft.

Inzwischen scheint das IfZ wieder in der Spur zu sein. So schreitet die Arbeit an der auf 16 Bände angelegten Dokumentenedition zur Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden voran, und 2015 soll – ein nicht unumstrittenes Projekt – die kommentierte Version von Hitlers Mein Kampf erscheinen. Forscherkompetenz zeigt das Institut sowohl in den renommierten Vierteljahrsheften für Zeitgeschichte als auch in vielen Monografien.

Dass das Haus dennoch frischen Wind braucht, steht außer Frage. Seit Anfang April nun hat es einen neuen Chef: Möllers langjähriger Assistent und »Meisterschüler« Andreas Wirsching folgte seinem Mentor im Amt. Doch wer daraus auf Nepotismus schließt, urteilt vorschnell. Der neue Direktor, Jahrgang 1959, gehört zu den kreativsten Forschern seiner Generation. Promoviert wurde er mit einer Arbeit zur englischen Geschichte im frühen 19. Jahrhundert; habilitiert hat er sich mit einer Studie über Extremismus in Paris und Berlin zwischen 1918 und 1933/39. Seit 1998 lehrte Wirsching an der Universität Augsburg, wo sein bislang bedeutendstes Werk entstand: Abschied vom Provisorium, eine analytisch starke wie kritische Darstellung der Bundesrepublik zwischen 1982 und 1990. Momentan beendet er eine Geschichte Europas seit 1989.