DIE ZEIT: In England haben Sie vor drei Jahren Ihre Schule The Natural Navigator gegründet, in der Sie die Orientierung ohne GPS, Kompass und Karte lehren. Nun ist gerade Ihr Buch Der natürliche Kompass in deutscher Übersetzung beim Piper Verlag erschienen. Nur der Sonne, dem Mond und den Sternen nach? Wer hat das noch nötig?

Gooley: Ich verstehe es als eine Art Rettungsaktion. Die Geschichte der Menschheit ist eine Geschichte ihrer Wanderungen – und eine Geschichte der Orientierungsfähigkeit. Schon der Steinzeitmensch schaffte es, nach der Jagd in seine schützende Höhle zurückzufinden. Das ist eine Kunst, die von der modernen Navigationslehre als völlig unbedeutend abgetan wird. In tausend Büchern zum Thema gibt es kaum jemals einen Hinweis auf natürliche Navigation.

Die ZEIT: Sie haben aber selbst computergestützte Methoden angewandt, als Sie ganz allein auf fünf Kontinenten unterwegs waren und mit dem Einhandsegler den Atlantik überquert haben.

Gooley: Ich wäre auch ein Trottel, ein lebensmüder dazu, wenn ich in riskanten Situationen GPS und anderes nicht nutzen würde. Ich würde auch in kein Flugzeug einsteigen, dessen Pilot sich an den Sternen orientiert. Moderne Navigation ist eine wunderbare Errungenschaft, sie erlaubt sicheres Reisen. Und doch: Wie immer bringt der Fortschritt auch Verluste mit sich.

Die ZEIT: Welche?

Gooley: Als mich meine Instrumente auf dem Atlantik sicher nach St. Lucia geführt hatten, roch ich den süßen, leicht würzigen Geruch der Karibikinsel schon, bevor ich sie sah. Ich werde das nie vergessen. Wenn man wochenlang nur das Meer um sich hatte, und dann kommt diese Geruchswelle tropischer Erde – das ist ein sehr emotionaler Moment. Plötzlich empfand ich den Unterschied zwischen sicherem und glücklichem Reisen ganz deutlich. Die ganze Technik hatte mich ferngesteuert, hatte mich fast schon wie bei Harry Potter von A nach B teleportiert. Ständig drängt sie sich zwischen uns und die Natur. Obwohl wir uns draußen, im Wald oder am Strand, bewegen, nehmen wir die Natur nicht mehr mit all unseren Sinnen wahr.

Die ZEIT: Was entgeht uns?

Gooley: Wir spüren den Wind nicht mehr, der den Geruch von Tang mit sich bringt. Würden wir ihn wahrnehmen, wüssten wir, in welcher Richtung das Meer liegt und dass dort gerade Ebbe ist. Denn Tang riecht ja nur, wenn er der Luft ausgesetzt ist. Auch den Wechsel von Blau zu Grün auf dem Meer können wir nicht erklären, weil wir nicht wissen, dass die Farbveränderung durch abnehmenden Salzgehalt zustande kommt. Und das passiert, wenn das Land nicht mehr weit ist. Uns sagt die Gestalt von Bäumen nichts mehr, die nach Süden, zur Sonne hin, dichteres Laub und abknickende Äste haben. Wir sind noch immer eine Spezies des Tierreiches und haben deshalb wesentlich mehr navigatorische Fähigkeiten, als wir glauben. Aber wir können die Natur nicht mehr lesen. Das ist auch ein kultureller Verlust.

Die ZEIT: Wie kann man ihn überwinden?

Gooley: Ich bin mit den Tuareg durch die libysche Sahara gezogen, um ihre Orientierungsmethoden zu lernen. Ich habe die Berichte der antiken Schriftsteller durchstöbert, die von erstaunlichen Expeditionen berichten. Ich habe nach jedem Buch und Aufsatz zu diesem Thema gesucht und Berichte etwa über Südsee-Navigatoren gelesen, die sich auf dem Ozean zurechtfinden, indem sie mittags ins Wasser blicken: Dann erscheinen die Sonnenstrahlen unterschiedlich lang, und die kürzesten deuten zur Küste hin. Es gibt unzählige Orientierungsmethoden. Mit einer Skipperin habe ich über die beste Route von England in die Karibik diskutiert. Sie schlug mir glatt vor: »Segle nach Süden, bis die Butter schmilzt, dann bieg nach rechts ab.«

Die ZEIT: Interessiert sich noch jemand außer Ihnen für diese Art des Reisens?

Gooley: Ich hatte solch einen missionarischen Drang, dass ich auf die Idee kam, meine Schule zu gründen. Am Anfang fand ich den Plan etwas verrückt und habe mit keinem darüber gesprochen. Aber dann waren die Reaktionen ganz fantastisch. Und jetzt kann ich gar nicht alle Interessenten aufnehmen, weil ich auf Monate hin ausgebucht bin. Ich ermuntere jetzt andere, auch natürliche Navigation zu lehren, damit sich diese Kunst wieder verbreitet.