Hans-Ulrich Obrist ist einer der mächtigsten Menschen des internationalen Kunstbetriebs. So sagt es die zwar umstrittene, aber vielzitierte Power 100 List des britischen Kunstmagazins Art Review. Auf der jüngsten Liste steht Obrist auf Platz zwei, im Jahr 2009 war er sogar auf Platz eins. Dass Obrist so weit oben landen konnte, ist ein Phänomen. Denn der Schweizer ist kein Künstler, kein Museumsdirektor, kein Galerist oder Sammler. Er ist Kurator. Hauptberuflich organisiert er Ausstellungen in der recht kleinen Serpentine Gallery in London, einer Institution ohne eigene Sammlung. Doch die meiste Zeit scheint er darauf zu verwenden, durch die Welt zu reisen und Kontakte zwischen Menschen herzustellen.

Der Kurator ist heute das, was vor langer Zeit einmal der Regisseur, der Poet oder der bildende Künstler selbst war: der Traumberuf der jugendlichen Avantgarde. Junge Menschen in großen Städten, die irgendwas mit Kultur machen und ganz vorne dabei sein wollen, stellen jetzt plötzlich Kunst aus oder studieren zumindest schon mal das Ausstellen. In Berlin, Frankfurt, Zürich, London, New York – in allen großen Metropolen der Kunstwelt wurden in den vergangenen Jahren Studiengänge für Kuratoren gegründet, die Nachfrage ist groß.

Es gibt inzwischen unzählige Preise und Stipendien für Kuratoren, auch das Goethe-Institut hat kürzlich ein Residency-Programm für Jungkuratoren in New York initiiert: Mit der Unterstützung eines großen Autokonzerns darf der Auserwählte ein Jahr lang den Goethe-Ausstellungsraum Ludlow Space in Manhattans Lower East Side bespielen. Erster Stipendiat ist Tobi Maier, der zuvor für den Frankfurter Kunstverein arbeitete.

Täglich gibt es neue Meldungen, die von der Karriere des Kuratorenberufs künden: In Berlin wird im Juni die als Leistungsschau angekündigte, von Klaus Wowereit initiierte Ausstellung Based in Berlin eröffnen. Kuratiert – ein Verb, das die meisten Rechtschreibprogramme noch rot unterkringeln – wird die Schau gleich von fünf Jungkuratoren , die wiederum von drei Superkuratoren beraten werden: dem allgegenwärtigen Hans-Ulrich Obrist aus London, dem PS1-Direktor und MoMA-Curator at large Klaus Biesenbach aus New York und Christine Macel vom Centre Georges Pompidou in Paris. Wozu braucht es so viele Kuratoren? Was macht diesen Beruf so anziehend? Was macht ein Kurator überhaupt?

Heute wird alles kuratiert, selbst Magazine oder Modeschauen

Aus der unendlichen Masse von Kunstwerken und Künstlern wählt der Kurator die Perlen aus und präsentiert sie uns in Ausstellungen. Der Kurator hat die Macht der Entscheidung, er hat die gleiche Funktion wie ein DJ, er sorgt für die richtige Mischung und entdeckt für uns die neuen heißen Trends. Er führt auch das Leben eines international erfolgreichen DJs (der Traumberuf der Hipster in den neunziger Jahren). Als müsste er die Theorien von den globalen Nomaden verifizieren, reist der Kurator ohne Unterlass um die Welt. Nicht umsonst heißt die monatliche Vielflieger-Kolumne von Klaus Biesenbach im Monopol -Kunstmagazin Erdkunde, es geht von einer Party beim Schauspieler James Franco in Hollywood zum Global Art Forum nach Doha, von Kiew nach Mexiko-Stadt. Kolumnen wie diese befeuern die Träume Tausender junger Menschen. Sie nennen sich Kuratoren, geben in ihren Lebensläufen mindestens zwei Wohnorte an – »lives and works in Stockholm and Berlin« –, sind des Englischen mächtig und haben wenigstens zwei Theoretiker oder Dichter gelesen, aus deren Schriften sie einzelne Sätze zitieren können. Nicht nur bei amerikanischen Kuratoren sind schon seit einer Weile W.G. Sebald und Michel de Certeau äußerst beliebt.

Gut 150 verschiedene Kunstbiennalen soll es inzwischen geben, aber weil es dennoch weitaus mehr Kuratoren als Ausstellungen gibt, wird heute alles mögliche kuratiert, von Magazinen über Filmabende, von Modenschauen bis zu Blogs, selbst Podiumsdiskussionen. Hans-Ulrich Obrist etwa ist besonders für das Kuratieren von Gesprächen berühmt, die er überall auf der Welt mit mehr oder minder bedeutenden Figuren nicht nur des Kunstbetriebs führt. In Düsseldorf sitzt er mit dem Künstler Hans-Peter Feldmann auf dem Podium, in New York im Rahmen eines Rolex Arts Weekend mit John Baldessari, und auf einer Kunstmesse in einem Luxushotel in Dubai spricht er mit seinem Kollegen Daniel Birnbaum über sein Buch A Brief History of Curating. Das Buch wiederum besteht aus einem knappen Dutzend Interviews, die Obrist mit bekannten Ausstellungsmachern wie Harald Szeemann, Werner Hofmann oder Pontus Hultén geführt hat. Wollte man das soziale Netzwerk des Kunstbetriebs auf ein Blatt Papier aufzeichnen, dann wäre Hans-Ulrich Obrist der wahrscheinlich dickste Knotenpunkt in diesem Netzwerk. Und Obrist spinnt immer weiter an dem Netz, reist unermüdlich um die Welt, schreibt pausenlos E-Mails und SMS und telefoniert sich mit Skype durch die Zeitzonen.