Kunstbetrieb Die Macht der Geschmacksverstärker
Für viele junge Menschen ist Kurator der neue Traumberuf. Die Folgen für die Kunstwelt sind gravierend.
© Andreas Rentz/Getty Images for Burda Media

Der Kurator Hans-Ulrich Obrist 2009 auf der DLD-Konferenz in München
Hans-Ulrich Obrist ist einer der mächtigsten Menschen des internationalen Kunstbetriebs. So sagt es die zwar umstrittene, aber vielzitierte Power 100 List des britischen Kunstmagazins Art Review. Auf der jüngsten Liste steht Obrist auf Platz zwei, im Jahr 2009 war er sogar auf Platz eins. Dass Obrist so weit oben landen konnte, ist ein Phänomen. Denn der Schweizer ist kein Künstler, kein Museumsdirektor, kein Galerist oder Sammler. Er ist Kurator. Hauptberuflich organisiert er Ausstellungen in der recht kleinen Serpentine Gallery in London, einer Institution ohne eigene Sammlung. Doch die meiste Zeit scheint er darauf zu verwenden, durch die Welt zu reisen und Kontakte zwischen Menschen herzustellen.
Der Kurator ist heute das, was vor langer Zeit einmal der Regisseur, der Poet oder der bildende Künstler selbst war: der Traumberuf der jugendlichen Avantgarde. Junge Menschen in großen Städten, die irgendwas mit Kultur machen und ganz vorne dabei sein wollen, stellen jetzt plötzlich Kunst aus oder studieren zumindest schon mal das Ausstellen. In Berlin, Frankfurt, Zürich, London, New York – in allen großen Metropolen der Kunstwelt wurden in den vergangenen Jahren Studiengänge für Kuratoren gegründet, die Nachfrage ist groß.
Es gibt inzwischen unzählige Preise und Stipendien für Kuratoren, auch das Goethe-Institut hat kürzlich ein Residency-Programm für Jungkuratoren in New York initiiert: Mit der Unterstützung eines großen Autokonzerns darf der Auserwählte ein Jahr lang den Goethe-Ausstellungsraum Ludlow Space in Manhattans Lower East Side bespielen. Erster Stipendiat ist Tobi Maier, der zuvor für den Frankfurter Kunstverein arbeitete.
Täglich gibt es neue Meldungen, die von der Karriere des Kuratorenberufs künden: In Berlin wird im Juni die als Leistungsschau angekündigte, von Klaus Wowereit initiierte Ausstellung Based in Berlin eröffnen. Kuratiert – ein Verb, das die meisten Rechtschreibprogramme noch rot unterkringeln – wird die Schau gleich von fünf Jungkuratoren, die wiederum von drei Superkuratoren beraten werden: dem allgegenwärtigen Hans-Ulrich Obrist aus London, dem PS1-Direktor und MoMA-Curator at large Klaus Biesenbach aus New York und Christine Macel vom Centre Georges Pompidou in Paris. Wozu braucht es so viele Kuratoren? Was macht diesen Beruf so anziehend? Was macht ein Kurator überhaupt?
Heute wird alles kuratiert, selbst Magazine oder Modeschauen
Aus der unendlichen Masse von Kunstwerken und Künstlern wählt der Kurator die Perlen aus und präsentiert sie uns in Ausstellungen. Der Kurator hat die Macht der Entscheidung, er hat die gleiche Funktion wie ein DJ, er sorgt für die richtige Mischung und entdeckt für uns die neuen heißen Trends. Er führt auch das Leben eines international erfolgreichen DJs (der Traumberuf der Hipster in den neunziger Jahren). Als müsste er die Theorien von den globalen Nomaden verifizieren, reist der Kurator ohne Unterlass um die Welt. Nicht umsonst heißt die monatliche Vielflieger-Kolumne von Klaus Biesenbach im Monopol -Kunstmagazin Erdkunde, es geht von einer Party beim Schauspieler James Franco in Hollywood zum Global Art Forum nach Doha, von Kiew nach Mexiko-Stadt. Kolumnen wie diese befeuern die Träume Tausender junger Menschen. Sie nennen sich Kuratoren, geben in ihren Lebensläufen mindestens zwei Wohnorte an – »lives and works in Stockholm and Berlin« –, sind des Englischen mächtig und haben wenigstens zwei Theoretiker oder Dichter gelesen, aus deren Schriften sie einzelne Sätze zitieren können. Nicht nur bei amerikanischen Kuratoren sind schon seit einer Weile W.G. Sebald und Michel de Certeau äußerst beliebt.
Gut 150 verschiedene Kunstbiennalen soll es inzwischen geben, aber weil es dennoch weitaus mehr Kuratoren als Ausstellungen gibt, wird heute alles mögliche kuratiert, von Magazinen über Filmabende, von Modenschauen bis zu Blogs, selbst Podiumsdiskussionen. Hans-Ulrich Obrist etwa ist besonders für das Kuratieren von Gesprächen berühmt, die er überall auf der Welt mit mehr oder minder bedeutenden Figuren nicht nur des Kunstbetriebs führt. In Düsseldorf sitzt er mit dem Künstler Hans-Peter Feldmann auf dem Podium, in New York im Rahmen eines Rolex Arts Weekend mit John Baldessari, und auf einer Kunstmesse in einem Luxushotel in Dubai spricht er mit seinem Kollegen Daniel Birnbaum über sein Buch A Brief History of Curating. Das Buch wiederum besteht aus einem knappen Dutzend Interviews, die Obrist mit bekannten Ausstellungsmachern wie Harald Szeemann, Werner Hofmann oder Pontus Hultén geführt hat. Wollte man das soziale Netzwerk des Kunstbetriebs auf ein Blatt Papier aufzeichnen, dann wäre Hans-Ulrich Obrist der wahrscheinlich dickste Knotenpunkt in diesem Netzwerk. Und Obrist spinnt immer weiter an dem Netz, reist unermüdlich um die Welt, schreibt pausenlos E-Mails und SMS und telefoniert sich mit Skype durch die Zeitzonen.
In dem Beruf des Kurators kulminieren also gleich mehrere Tendenzen des globalisierten Lebens und Arbeitens: Ein freier Kurator führt das durchflexibilisierte Leben eines globalen Nomaden; er ist ein großer sozialer Netzwerker; und er übernimmt die Funktion eines Siebs, mit dem man aus der Flut des Angebots das vermeintlich Wichtige herausfiltern kann. Die Karriere des Kuratorenberufs ist, das sagt auch Hans-Ulrich Obrist, ohne die Verbreitung des Internets und die damit wachsende Flut an Informationen nicht zu verstehen. Das Überangebot mache eine Selektion nötig, lasse die Bedeutung der Führer durch das immer größer werdende Dickicht steigen.
Und so speist sich die große Macht des Kurators aus seiner Funktion als Geschmacksverstärker. Ein bedeutender Kurator kann aus ein bisschen Leinwand Gold machen: Promoviert er einen unbekannten Künstler, dann vervielfacht sich nicht nur dessen sozialer, sondern auch der ökonomische Wert auf geradezu märchenhafte Weise. Anders als im Markt der Musik, des Filmes oder des Buches entscheidet letztlich nicht eine große Menge von Käufern über Erfolg und Scheitern, sondern eine relativ kleine Gruppe. Sie bestimmt, wie viel ein Kunstwerk von Jeff Koons oder Anselm Reyle wert ist. Und so werden die erfolgreichen Kuratoren hofiert, von den Sammlern, von den Galeristen, von den Künstlern.
Viele Künstler werden abhängig, sie beugen sich den Kuratorenregeln
Die Macht der Geschmacksverstärker zeigt sich auch in der großen Spannung, mit der Sammler, Händler und Kritiker die Listen der teilnehmenden Künstler für die großen Biennalen erwarten – die Biennalen und die Documenta, das sind die Loveparades der Kuratoren.
Selbstverständlich unterscheiden sich die Kuratoren, es gibt verschiedene Typen und Mischformen. Viele von ihnen sind Autodidakten – der klassische Kustos, der wissenschaftlich arbeitende Mitarbeiter eines Museums, macht nur einen geringen Prozentsatz aus. Verbreiteter ist der Tausendsassa, der möglichst viel kennenlernen und zeigen will, der selten aneckt und ein guter Netzwerker ist. Daneben gibt es auch den Politisch-Kritischen, der mit einem gewissen Pathos die Sache der Peripherie, der Randständigen vertritt, und den Inneneinrichter, der dem Reichen die passende Sammlung für die Wohnung in Chelsea zusammenstellt. Der historisch arbeitende Kurator wiederum gräbt die Vergessenen aus und will die Migration der Formen durch die Geschichte nachzeichnen. Und es gibt den Künstler-Kurator, also den Künstler, der seine Kollegen ausstellt. Doch nicht nur er, auch eine große Zahl der übrigen Kuratoren versteht sich mehr oder minder als Künstler. Schließlich wurde mit dem erweiterten Kunstbegriff zugleich die Ausstellung zum Medium, der Kurator also zum Mitautor eines Gesamtkunstwerks. Der Kurator ist, so das Selbstverständnis, Teil des Produktionsprozesses. Und so ist er – erst recht in einer Kunst, die sich um das sogenannte Prozessuale dreht – nicht nur Geschmacksverstärker, sondern heimlich auch Schöpfer.
Ob er will oder nicht, prägt und bestimmt er auch das, was als Kunst gehandelt und wertgeschätzt wird. Er wolle, sagt Obrist, den Künstlern keinesfalls Ideen aufzwängen, mit denen sie nichts anfangen könnten. Und doch hat man den Eindruck, als könne ein Künstler heute nur dann erfolgreich werden, wenn er sich den Regeln und Geschmäckern der Kuratoren anpasst, wenn er sich in ihren Netzwerken tummelt. Der Künstler muss sich entscheiden, ob er dem Kurator A den bombastischen Auftritt fürs nächste Jahr liefern oder aber sich in die Arkanwissenschaft des Kuratoren B hineinfuchsen will. Am Ende ist der Kurator immer mit im Bild – auch wenn man ihn auf den ersten Blick nicht sehen mag.
- Datum 12.05.2011 - 11:06 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 5.5.2011 Nr. 19
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So "märchenhaft" läuft es nicht wirklich. Die meisten Kuratoren können sich nur durch Nebenjobs über Wasser halten.
Ein armseliges Volk, das sich mit der Arbeit anderer schmückt.-ist nur meine Meinung.
...besteht mittlerweile die Hälfte der "arbeitenden" Bevölkerung, während die andere Hälfte wirklich arbeitet.
...besteht mittlerweile die Hälfte der "arbeitenden" Bevölkerung, während die andere Hälfte wirklich arbeitet.
Warum Traumberuf für "junge" Menschen?
Ich dachte das sind ältere Damen und Herren die aufgrund ihres in Jahrzenten angesammelten Wissens dazu berufen sind und werden.
Na ja möglicherweise gibt es ja jetzt schon an der Uni Seminare in den Themen Berufs- und Lebensrfahrung sowie "Soziale Kompetenz aufgrund lebenslangen Übens und Eintrainierens.
...besteht mittlerweile die Hälfte der "arbeitenden" Bevölkerung, während die andere Hälfte wirklich arbeitet.
für mich als Kind dieser Begriff zum ersten und einzigen
mal auf.
http://de.wikipedia.org/w...
Bis dann z.B. im 'Kunst Forum' seit ein paar Jahren
fast jeder ein Kurator ist.
http://www.kunstforum.de/
Wahrscheinlich werden noch in 100 Jahren die Ur Enkel dieser Netzwerker deren angehäufte Bonusmeilen abfliegen, während die Ur Enkel der Sammler den ganzen hochkuratierten Kram versehentlich bei Ur Opas Haushaltauflösung stehen lassen werden.
Ich denke, Kunsthandel - denn darum geht es hier ja letztendlich - ist eines der wenigen Felder wo Kulturwissenschaftler, außer sie sind hervorragende Akademiker, ein Auskommen verdienen können. Da es dank der Wirtschaftsordnung mehr Reiche gibt (und mehr Arme), ist ein wachsender Markt vorhanden.
darum ist die zeitgenössische kunst in "komplexer" banalität ersoffen
seit den frühen 90ern sind kuratoren die "eigentlichen künstler" geworden. kunst und künstler sind für sie lediglich material mit dem sie ihre eigene "kreativität" bzw ihre "thesen" über die welt und so... beweisen wollen.
obrist ist natürlich ein gutes beispiel für den aufstieg dieser art von kuratoren, aber mittlerweile nimmt das/ den keiner mehr ernst.
allerdings produzieren kuratoren-kurse und -programme diese art von creative administrators tausendfach. das kunst-system ist in deren händen, die griffigen oberflächen der kunstwelt von ihnen bestimmt.
diese oberflächen bestimmen das was in der kunstwelt als kunstwelt gilt.
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