Kunstbetrieb Die Macht der GeschmacksverstärkerSeite 2/2
In dem Beruf des Kurators kulminieren also gleich mehrere Tendenzen des globalisierten Lebens und Arbeitens: Ein freier Kurator führt das durchflexibilisierte Leben eines globalen Nomaden; er ist ein großer sozialer Netzwerker; und er übernimmt die Funktion eines Siebs, mit dem man aus der Flut des Angebots das vermeintlich Wichtige herausfiltern kann. Die Karriere des Kuratorenberufs ist, das sagt auch Hans-Ulrich Obrist, ohne die Verbreitung des Internets und die damit wachsende Flut an Informationen nicht zu verstehen. Das Überangebot mache eine Selektion nötig, lasse die Bedeutung der Führer durch das immer größer werdende Dickicht steigen.
Und so speist sich die große Macht des Kurators aus seiner Funktion als Geschmacksverstärker. Ein bedeutender Kurator kann aus ein bisschen Leinwand Gold machen: Promoviert er einen unbekannten Künstler, dann vervielfacht sich nicht nur dessen sozialer, sondern auch der ökonomische Wert auf geradezu märchenhafte Weise. Anders als im Markt der Musik, des Filmes oder des Buches entscheidet letztlich nicht eine große Menge von Käufern über Erfolg und Scheitern, sondern eine relativ kleine Gruppe. Sie bestimmt, wie viel ein Kunstwerk von Jeff Koons oder Anselm Reyle wert ist. Und so werden die erfolgreichen Kuratoren hofiert, von den Sammlern, von den Galeristen, von den Künstlern.
Viele Künstler werden abhängig, sie beugen sich den Kuratorenregeln
Die Macht der Geschmacksverstärker zeigt sich auch in der großen Spannung, mit der Sammler, Händler und Kritiker die Listen der teilnehmenden Künstler für die großen Biennalen erwarten – die Biennalen und die Documenta, das sind die Loveparades der Kuratoren.
Selbstverständlich unterscheiden sich die Kuratoren, es gibt verschiedene Typen und Mischformen. Viele von ihnen sind Autodidakten – der klassische Kustos, der wissenschaftlich arbeitende Mitarbeiter eines Museums, macht nur einen geringen Prozentsatz aus. Verbreiteter ist der Tausendsassa, der möglichst viel kennenlernen und zeigen will, der selten aneckt und ein guter Netzwerker ist. Daneben gibt es auch den Politisch-Kritischen, der mit einem gewissen Pathos die Sache der Peripherie, der Randständigen vertritt, und den Inneneinrichter, der dem Reichen die passende Sammlung für die Wohnung in Chelsea zusammenstellt. Der historisch arbeitende Kurator wiederum gräbt die Vergessenen aus und will die Migration der Formen durch die Geschichte nachzeichnen. Und es gibt den Künstler-Kurator, also den Künstler, der seine Kollegen ausstellt. Doch nicht nur er, auch eine große Zahl der übrigen Kuratoren versteht sich mehr oder minder als Künstler. Schließlich wurde mit dem erweiterten Kunstbegriff zugleich die Ausstellung zum Medium, der Kurator also zum Mitautor eines Gesamtkunstwerks. Der Kurator ist, so das Selbstverständnis, Teil des Produktionsprozesses. Und so ist er – erst recht in einer Kunst, die sich um das sogenannte Prozessuale dreht – nicht nur Geschmacksverstärker, sondern heimlich auch Schöpfer.
Ob er will oder nicht, prägt und bestimmt er auch das, was als Kunst gehandelt und wertgeschätzt wird. Er wolle, sagt Obrist, den Künstlern keinesfalls Ideen aufzwängen, mit denen sie nichts anfangen könnten. Und doch hat man den Eindruck, als könne ein Künstler heute nur dann erfolgreich werden, wenn er sich den Regeln und Geschmäckern der Kuratoren anpasst, wenn er sich in ihren Netzwerken tummelt. Der Künstler muss sich entscheiden, ob er dem Kurator A den bombastischen Auftritt fürs nächste Jahr liefern oder aber sich in die Arkanwissenschaft des Kuratoren B hineinfuchsen will. Am Ende ist der Kurator immer mit im Bild – auch wenn man ihn auf den ersten Blick nicht sehen mag.
- Datum 12.05.2011 - 11:06 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 5.5.2011 Nr. 19
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So "märchenhaft" läuft es nicht wirklich. Die meisten Kuratoren können sich nur durch Nebenjobs über Wasser halten.
Ein armseliges Volk, das sich mit der Arbeit anderer schmückt.-ist nur meine Meinung.
...besteht mittlerweile die Hälfte der "arbeitenden" Bevölkerung, während die andere Hälfte wirklich arbeitet.
...besteht mittlerweile die Hälfte der "arbeitenden" Bevölkerung, während die andere Hälfte wirklich arbeitet.
Warum Traumberuf für "junge" Menschen?
Ich dachte das sind ältere Damen und Herren die aufgrund ihres in Jahrzenten angesammelten Wissens dazu berufen sind und werden.
Na ja möglicherweise gibt es ja jetzt schon an der Uni Seminare in den Themen Berufs- und Lebensrfahrung sowie "Soziale Kompetenz aufgrund lebenslangen Übens und Eintrainierens.
...besteht mittlerweile die Hälfte der "arbeitenden" Bevölkerung, während die andere Hälfte wirklich arbeitet.
für mich als Kind dieser Begriff zum ersten und einzigen
mal auf.
http://de.wikipedia.org/w...
Bis dann z.B. im 'Kunst Forum' seit ein paar Jahren
fast jeder ein Kurator ist.
http://www.kunstforum.de/
Wahrscheinlich werden noch in 100 Jahren die Ur Enkel dieser Netzwerker deren angehäufte Bonusmeilen abfliegen, während die Ur Enkel der Sammler den ganzen hochkuratierten Kram versehentlich bei Ur Opas Haushaltauflösung stehen lassen werden.
Ich denke, Kunsthandel - denn darum geht es hier ja letztendlich - ist eines der wenigen Felder wo Kulturwissenschaftler, außer sie sind hervorragende Akademiker, ein Auskommen verdienen können. Da es dank der Wirtschaftsordnung mehr Reiche gibt (und mehr Arme), ist ein wachsender Markt vorhanden.
darum ist die zeitgenössische kunst in "komplexer" banalität ersoffen
seit den frühen 90ern sind kuratoren die "eigentlichen künstler" geworden. kunst und künstler sind für sie lediglich material mit dem sie ihre eigene "kreativität" bzw ihre "thesen" über die welt und so... beweisen wollen.
obrist ist natürlich ein gutes beispiel für den aufstieg dieser art von kuratoren, aber mittlerweile nimmt das/ den keiner mehr ernst.
allerdings produzieren kuratoren-kurse und -programme diese art von creative administrators tausendfach. das kunst-system ist in deren händen, die griffigen oberflächen der kunstwelt von ihnen bestimmt.
diese oberflächen bestimmen das was in der kunstwelt als kunstwelt gilt.
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