Wie kann man als Jude im Deutschland der Nachnazizeit leben? Die Frage hat den französischen Journalisten Olivier Guez nicht losgelassen. Von 2005 bis 2009 hat er in Berlin gelebt und sich mit deutscher Geschichte befasst. Er hat über den Mauerfall geschrieben und über eine "unmögliche Rückkehr", wie das neue Buch im Original heißt: Eine Geschichte der Juden in Deutschland nach 1945. Wie ist das Land mit den Überlebenden des Massenmords und ihren Nachkommen umgegangen?

Es ist ein großes, auch peinigendes Thema, politisch wie historisch und psychologisch, das Guez eher pragmatisch als reflexiv anpackt. Und mit kluger Neugier. Er will keine neuen Theorien entwickeln, keine Thesen aufstellen, sondern faktenreich informieren. Und er tut genau das. Er ist durch die Stadt gewandert, hat geschaut, gefragt, Antworten gesucht und Ratlosigkeit zugelassen. Hat in New York, Paris oder Brüssel recherchiert und ist immer wieder in Berlin gelandet. Denn Berlin, schreibt er, sei das Laboratorium, "wo das deutsch-jüdische Sein des beginnenden 21. Jahrhunderts Gestalt annimmt".

Er hat Gespräche geführt, mit Henryk M. Broder und Fritz Stern, mit Edgar Hilsenrath und Maxim Biller, mit Beate Klarsfeld, Imre Kertész, Ralph Giordano, Micha Brumlik, Cilly Kugelmann, Michael Wolffsohn und Wladimir Kaminer – um nur einige von sehr vielen zu nennen. Er hat unendlich viel gelesen. Hat Zitate, Lebensläufe, Stimmen und Statistiken gesammelt – und ist tief eingedrungen in die Geschichte der überlebenden Juden und in die Geschichte der Deutschen nach dem Ende des Nationalsozialismus. Denn um zu zeigen, was es bedeutete, nach Deutschland zurückzukehren, musste er beschreiben, wie dieses Deutschland war und wie es sich entwickelte. Wie sich der Wandel der politischen und kulturellen Identität der Deutschen vollzog, wie sie den Weg gingen – und noch gehen – von der sogenannten Vergangenheitsbewältigung (was für ein missglücktes Wort) zur "Vergangenheitsbewahrung", wie Aleida Assmann es nennt.

Olivier Guez erzählt vom jüdischen Leben in den Displaced-Persons-Camps, vom deutschen Schweigen der Nachkriegszeit, vom Aufbruch der 68er, vom Durchbruch, den die amerikanische Fernsehserie Holocaust schaffte, von der berüchtigten Rede Martin Walsers und der Goldhagen-Debatte. Er schreibt über die neu erwachende Lust der Deutschen auf Deutsches, über den Umgang mit der Vergangenheit in der DDR und auch über die Vereinigung der beiden deutschen Staaten und die darauf folgende unvermutet große Einwanderung russischer Juden, die die jüdischen Gemeinden so belebte wie belastete.

Das sind für deutsche Leser meist nicht wirklich neue Themen. Das Buch wurde ja auch ursprünglich für ein französisches Publikum verfasst. Und doch ist die so akribisch recherchierte wie lebendig geschriebene und ungemein detailreiche Zusammenschau der Entwicklung eine geglückte Geschichtserzählung und eine spannende Lektüre. Sie handelt von dem Land, in dem überlebende Juden nach dem Massenmord blieben – oft aus Schwäche, Verzweiflung, Mutlosigkeit – und in das andere, teils schon Anfang der fünfziger Jahre, zurückkehrten. Obgleich nicht eine der Nachkriegsregierungen die Courage und den Anstand hatte – Guez erwähnt das nicht–, offiziell die in alle Welt verstreuten überlebenden Juden zu bitten und einzuladen, zurückzukehren.

Die, die kamen, fühlten sich natürlich oft nicht wohl. Sie lebten abgeschottet von der deutschen Umwelt, mit nagendem Argwohn. Der Satz von den gepackten Koffern, auf denen die Juden Jahrzehnte saßen in diesem Land, sagt viel aus über ihre Gefühle und Ängste, die sie übertrugen auf ihre Kinder. Sie hofften, jene würden stellvertretend tun, was sie nicht geschafft hatten – wegzugehen aus dem Land der Mörder.