Sachbuch : "Und Sie?"

Die Rückkehr deutscher Juden nach 1945.
Jüdische Flüchtlinge in Großbritannien, 1938 © Hulton Archive/Getty Images

Wie kann man als Jude im Deutschland der Nachnazizeit leben? Die Frage hat den französischen Journalisten Olivier Guez nicht losgelassen. Von 2005 bis 2009 hat er in Berlin gelebt und sich mit deutscher Geschichte befasst. Er hat über den Mauerfall geschrieben und über eine »unmögliche Rückkehr«, wie das neue Buch im Original heißt: Eine Geschichte der Juden in Deutschland nach 1945. Wie ist das Land mit den Überlebenden des Massenmords und ihren Nachkommen umgegangen?

Es ist ein großes, auch peinigendes Thema, politisch wie historisch und psychologisch, das Guez eher pragmatisch als reflexiv anpackt. Und mit kluger Neugier. Er will keine neuen Theorien entwickeln, keine Thesen aufstellen, sondern faktenreich informieren. Und er tut genau das. Er ist durch die Stadt gewandert, hat geschaut, gefragt, Antworten gesucht und Ratlosigkeit zugelassen. Hat in New York, Paris oder Brüssel recherchiert und ist immer wieder in Berlin gelandet. Denn Berlin, schreibt er, sei das Laboratorium, »wo das deutsch-jüdische Sein des beginnenden 21. Jahrhunderts Gestalt annimmt«.

Er hat Gespräche geführt, mit Henryk M. Broder und Fritz Stern, mit Edgar Hilsenrath und Maxim Biller, mit Beate Klarsfeld, Imre Kertész, Ralph Giordano, Micha Brumlik, Cilly Kugelmann, Michael Wolffsohn und Wladimir Kaminer – um nur einige von sehr vielen zu nennen. Er hat unendlich viel gelesen. Hat Zitate, Lebensläufe, Stimmen und Statistiken gesammelt – und ist tief eingedrungen in die Geschichte der überlebenden Juden und in die Geschichte der Deutschen nach dem Ende des Nationalsozialismus. Denn um zu zeigen, was es bedeutete, nach Deutschland zurückzukehren, musste er beschreiben, wie dieses Deutschland war und wie es sich entwickelte. Wie sich der Wandel der politischen und kulturellen Identität der Deutschen vollzog, wie sie den Weg gingen – und noch gehen – von der sogenannten Vergangenheitsbewältigung (was für ein missglücktes Wort) zur »Vergangenheitsbewahrung«, wie Aleida Assmann es nennt.

Olivier Guez erzählt vom jüdischen Leben in den Displaced-Persons-Camps, vom deutschen Schweigen der Nachkriegszeit, vom Aufbruch der 68er, vom Durchbruch, den die amerikanische Fernsehserie Holocaust schaffte, von der berüchtigten Rede Martin Walsers und der Goldhagen-Debatte. Er schreibt über die neu erwachende Lust der Deutschen auf Deutsches, über den Umgang mit der Vergangenheit in der DDR und auch über die Vereinigung der beiden deutschen Staaten und die darauf folgende unvermutet große Einwanderung russischer Juden, die die jüdischen Gemeinden so belebte wie belastete.

Das sind für deutsche Leser meist nicht wirklich neue Themen. Das Buch wurde ja auch ursprünglich für ein französisches Publikum verfasst. Und doch ist die so akribisch recherchierte wie lebendig geschriebene und ungemein detailreiche Zusammenschau der Entwicklung eine geglückte Geschichtserzählung und eine spannende Lektüre. Sie handelt von dem Land, in dem überlebende Juden nach dem Massenmord blieben – oft aus Schwäche, Verzweiflung, Mutlosigkeit – und in das andere, teils schon Anfang der fünfziger Jahre, zurückkehrten. Obgleich nicht eine der Nachkriegsregierungen die Courage und den Anstand hatte – Guez erwähnt das nicht–, offiziell die in alle Welt verstreuten überlebenden Juden zu bitten und einzuladen, zurückzukehren.

Die, die kamen, fühlten sich natürlich oft nicht wohl. Sie lebten abgeschottet von der deutschen Umwelt, mit nagendem Argwohn. Der Satz von den gepackten Koffern, auf denen die Juden Jahrzehnte saßen in diesem Land, sagt viel aus über ihre Gefühle und Ängste, die sie übertrugen auf ihre Kinder. Sie hofften, jene würden stellvertretend tun, was sie nicht geschafft hatten – wegzugehen aus dem Land der Mörder.

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Kommentare

28 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Fragestellung2

Nein, AWWWWA, das sollte es explizit nicht heißen! Die Glaubensrichtung hat nichts mit der ethnischen Herkunft zu tun. So war der in dem Artikel erwähnte Fritz Stern z.B. Protestant. Viele Deutsche sind ja erst durch die Rassengesetze zu Juden gemacht worden. Religion hat für Hitler selbst nie eine Rolle gespielt.

Fern der Realität!

Zitat: "Endlich schienen die Jahre der Adenauer-Restauration mit den Globkes und Oberländers in der Regierung endgültig zu Ende. Doch dann kam der Schock, kam der Rückfall der radikalen Linken in alte Schablonen."

In welche alten Schablonen fielen die radikalen Linken zurück und wer waren die radikalen Linken? Ich kann mich jedenfalls nicht an Antisemitismus der "Linken" erinnern. Oder setzt der Autor Kritik an Israel automatisch mit Antisemitismus gleich?

Zitat: "Ganz gleich, welcher Generation die Juden angehören, die hier leben, ob sie die Deutschen hassen, das Land verachten ....."

[...]

Gekürzt. Bitte diskutieren Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/er

So nicht richtig

1. Linker Antisemitismus
Es gibt - leider - eine linke Variante des Antisemitismus, dh eine Variante, die sich etwa an den angeblichen jüdischen Kapitalisten ergeht, etc... und nach den 60er Jahren hat es in Deutschland und in anderen Ländern einen bedenklichen linken Antisemitismus gegeben, der sich etwa in dem nachfolgenden Projekt zeigte:
http://buecher.hagalil.co...
Auch bestimmte Formen der Kapiatismuskritik sind nur vor dem Hintergrund des Antisemitismus zu verstehen. Und - ja - bestimmte Formen der Israelkritik sind nichts anderes als Antisemitismus.

2. Juden in D.land nach 1945
Ich finde es ehrlich gesagt ein starkes Stück, dass Sie es hier schaffen, das Wort "Sippenhaft" in den Mund zu nehmen. Machen Sie sich doch mal klar, was es für einen Juden bedeuten muss, in Deutschland zu leben nach 1945. Und natürlich kann es so etwas wie Zerrissenheit geben, dass man auf der einen Seite ein Land zu schätzen weiß, auf der anderen Seite es einen aber auch gruselt. Denken Sie mal an Reich-Ranicki, dessen Eltern und Bruder ermordet wurden. Wie war das wohl, ab den 50er Jahren in Deutschland zu leben? Wie war es wohl, als Joachim Fest ihm Albert Speer vorstellen wollte?

Fazit: ich denke, es wäre etwas (!) mehr Sensibilität mit den Opfern deutscher Politik angebracht. So viel Anstand sollte doch möglich sein....

Noch immer Haß?

"Auch bestimmte Formen der Kapiatismuskritik sind nur vor dem Hintergrund des Antisemitismus zu verstehen."

Können Sie etwas genauer ausführen, was Sie damit meinen?

Zum Thema "Sippenhaft": In diesem Zusammenhang sicher ein geschmacklos gewählter Begriff, wenngleich die Sippenhaft im Naziregime ja eher als Vorgehensweise gegen Widerstandskämpfer und politische Gegner Anwendung fand. Dennoch eine unnötige Provokation.

Ob es in Deutschland viele Juden gibt, die die Deutschen hassen weiß ich nicht. Was ist Ihre Meinung? Falls es so sein sollte, wäre es nicht weniger unwürdig, mich dafür zu hassen, daß ich Deutscher bin, als wenn ich jemanden dafür haßte, daß er Jude ist. Ein gewisses, auch unreflektiertes, Mißtrauen "allem deutschen gegenüber" muß ich allerdings auch unter jüngeren Generationen den Juden in Deutschland geschichtsbedingt zugestehen. Schade natürlich, aber wohl nur durch die Zeit zu überwinden.

Anstand heißt auch: Keine Pauschalverurteilungen!

1. Vielen Dank für den Link. Aber was soll er sagen? Dass es unter tausenden junger Leute, die sich gegen die Untätigkeit der Justiz gegenüber Naziverbrechern wandten, auch einen Rabehl, Mahler und Kunzelmann gab, die antisemitisch eingestellt waren. Aus der Existenz dieser 3 Personen "die linken Antisemiten" abzuleiten ist abenteuerlich.

Ihre übrigen Ausführungen zu diesem Punkt sind zu diffus um darauf eingehen zu können. Was sind "bestimmte Formen der Kapitalismuskritik" und "bestimmte Formen der Israelkritik" in Ihrem Sinne.

2. Juden in D.land nach 1945.
Nach 1945 war der Zwang gegenüber Juden in Deutschland vorbei. Wer überlebt hatte und Deutschland verlassen wollte, konnte es tun. Zu bleiben und gleichzeitig "die Deutschen hassen" und "das Land verachten" ist in meinen Augen nicht normal. Ich zumindest möchte nicht in einem Land leben das ich verachte und dessen Bevölkerungsmehrheit ich hasse.

Auf die 90% der Deutschen, die nach 1945 geboren wurden gehen Sie leider gar nicht ein. Die werden moralisch in "Sippenhaft" genommen, in dem man ihnen Taten zuschreibt, die sie nicht begangen haben.

Wir sollten nicht die Schlachten der Vergangenheit schlagen, sondern uns lieber für ein normales Zusammenleben aller in Deutschland lebenden Menschen einsetzen - auch mit unseren jüdischen Mitbürgern.

Anmerkung 1

1. Zu den Formen der Kapitalismuskritik: es gibt eine Art der Kapitalismuskritik, die sich antisemitischer Klischees bedient. Das ist "das Geld", das "raffende Kapital" das Gegenteil des braven, schaffendenden "deutschen" Kaufmanns, der sich mit seiner ehrlichen Hände Arbeit sein Brot verdient. Da gibt es eine lange Tradition (siehe etwa: G. Freytag...neben anderen). Und diese Tradition wurde und wird bei Teilen (!) der Linken wiederaufgenommen und mit antisemitischen Tönen untermauert. Wir wissen alle, was gemeint ist, wenn es um "die Ostküste" geht, um - angeblich - "seelenlosen" Kapitalismus.
2. Israelkritik: Teile (!) dieser Kritik schliessen sich an Klischees an, etwa, wenn im Umfeld der RAF vom "Judenknacks" gefaselt wurde oder wenn man in den Terroristen der PLO (als diese noch terroristisch tätig war) romantische Wilhelm Tells im Kampf gegen den "Weltzionismus" sah. Man müsste scjon sehr blind sein, um hier nicht Kontinuitäten zu sehen.
3. Zu Juden in D. nach 1945: Ihre Aussagen beweisen mir, wie unsensibel über dieses Thema gesprochen wird. Das zeitlich erste ist doch der Verrat Deutschlands an seinen jüdischen Bürgern. Und wenn Sie jetzt sagen: wem's hier nicht gefällt, sollte gehen: bürgern Sie damit nicht wieder aus?
Denken Sie doch mal an dieses hier: nicht wenige Juden werden nach 1945 zunächst aus Zufall geblieben sein: etwa, weil sie in einem DP Lager unterkamen, weil sie keine andere Möglichkeite hatten, etc...

Anmnerkung 2

Und dann stellen Sie sich bitte vor, wie es ist, in diesem Land zu leben. Heute (!) mag das ja einfacher sein (obwohl...), aber in den 50ern, 60ern Jahre? Als in Deutschland eifrig moralisch demonstriert wurde (wie heute bei Bin Laden?), weil hochschuldige SS-Männer ihrer Strafe zugeführt wurden?:
http://www.buergervereini...
Wie war das wohl, sich bei so ungefähr allen Menschen in der Straße fragen zu müssen: was haben die gemacht?
Oder auch heute:
http://www.welt.de/kultur...
Die Festgabe für Schirach?
Versuchen Sie doch einmal (!), sich in das Leben eines Menschen hereinzufühlen, der Opfer der Nazis geworden ist, dessen Familie ermordet wurde. Nazi-Musik in Berlin - und das Publikum klatscht?
Fazit: bei einem "normalen" Mord kann es so etwas wie (unvollkommene) Gerechtigkeit geben - bei einem Völkermord siegen immer die Täter, denn die Opfer sind einfach weg. In Deutschland, in Europa gab es einmal eine jüdische Gemeinde: heute sind diese Menschen woanders. Und auf die kümmerlichen Reste kann man anscheinend herabblicken und sie beleidigen ("Sippenhaft")....

Richtigstellung!

Zitat, Artikel: "Olivier Guez erzählt eher kursorisch als tiefgründig. Und doch ist sein Buch erhellend, allemal für jene, die sich dem Thema nur widerborstig nähern. Ganz gleich, welcher Generation die Juden angehören, die hier LEBEN, ob sie die Deutschen hassen, das Land verachten ..."

Sie schreiben: ".... aber "normal" dürfte keiner der vorrangigen Begriffe sein, die auf die Situation der deutschen Juden in den Jahren nach 1945 anwendbar wären."

Bezogen auf die Juden, die nach 1945 in Deutschland lebten, stimme ich Ihnen zu. Der Artikel bezieht sich aber auf die Juden die hier LEBEN, also heute und nicht 1945. Da sollte man sich schon entscheiden können und nicht mit Menschen leben, die man hasst und das in einem Land, das man verachtet!

Realität

Also, fassen wir die Geschichte mal zusammen:
eine deutsche Regierung wird aus Verbrechern gebildet und entrechtet - vor aller Augen - eine Minderheit, enteignet sie, zwingt sie zur Auswanderung. Im Laufe eines Weltkieges, den diese Regierung vom Zaum bricht, wird ein Programm verwirklicht, nach dem mehrere Millionen Menschen industriell getötet werden sollen, nämlich alle Juden Europas: jedes Kind, jeder Greis, jeder Mann, jede Frau - alle.
Diese Programm gelingt zu einem weiten Teil; zehntausende Menschen morden im Auftrag des deutschen Staates mit. Die Opfer werden beraubt, ihnen wird das Zahngold herausgebrochen zur Verwertung durch die deutsche Reichsbank, aus dem Haar der Frauen wird Bekleidung und Decken gemacht.
Nach dem Verbrechen wird nur eine ganz kleine Gruppe von Tätern verurteilt. Im Gegenteil: die meisten Täter können sich einfach wieder "integrieren", wie etwa Globke, der "rechtswissenschaftlich" die Nürnberger Gesetzes kommentierte. Carl Schmitt, der Starjurist des Regimes, steigt zu einem der meistzitierten Autoren in den Entscheidungen des BVerfG auf. Eine Entschädigung wird geleistet - allerdings nur begrenzt. Bis heute sind viele Kunstwerke nicht zurück gegeben. Versucht jemand, eine solche Rückgabe zu erreichen, wird er schnell als "raffgierig" beschrieben - "man" weiß dann schon, was das heisst.
Und was ist der Rat an die Juden, die trotzdem in unserem Lande leben - und sich dabei manchmal unwohl fühlen? Man rät Ihnen an, das Land zu verlassen....

Herzlichen Glückwunsch!

Sie sind ein Meister im Verdrehen.

Ich habe geschrieben: "Außerdem sollten sich diese Leute vor Augen führen, dass sie mit ihrem Hass und ihrer Verachtung auch die 90% der Deutschen treffen, die erst nach dem Krieg geboren wurden. Sippenhaft?"

Der Hinweis auf Sippenhaft bezog sich auf die zuvor erwähnten 90% der heutigen Deutschen, denen dem Artikel nach der Hass gilt. Das sollten Sie eigentlich meinem Text entnehmen können.

Ihr Text: "Und auf die kümmerlichen Reste kann man anscheinend herabblicken und sie beleidigen ("Sippenhaft")...." ist eine Verdrehung dessen was ich geschrieben habe. Entweder Sie haben meinen Text nicht verstanden, dann wäre Schweigen besser oder Sie verdrehen böswillig, das spräche auch nicht für Sie.

Auch an Sie der Hinweis: Der Autor schreibt über die, welche heute in Deutschland leben und deren Hass auf Deutsche und deren Verachtung des Landes. Es geht hier nicht um 1945!

Hinsichtlich Ihrer Gleichsetzung von Kapitalismuskritik mit Antisemitismus, darf ich Sie an einen gewissen Karl Marx erinnern. Der war sicherlich alles andere als ein Antisemit!

Was man sollte wissen die anderen stets am besten...

Ich bezog mich auch nicht auf den Artikel, sondern auf Sie.

Abgesehen davon: Ich weiß nicht, welche Beziehung Sie zu Ihren Eltern und Großeltern hatten. Meine Ansichten, Einstellungen und Befindlichkeiten wurden fraglos von meiner Familie deutlich mitgeprägt. Und da von den Juden, die heute in Deutschland leben, die wenigsten plötzlich vom Himmel gefallen sein dürften, ist es wohl verständlich, wenn auch bei diesen die Lebensumstände Ihrer Eltern- und Großelterngenerationen noch eine gewisse Präsenz besitzen.

Inwieweit sich das tatsächlich in Haß und Verachtung niederschlägt, kann ich nicht beurteilen. Vielleicht hat jemand tieferen Einblick diesbezüglich. Interessieren würde es mich.

Sie verdrehen schon wieder!

Ich habe geschrieben: "Den hier genannten Gruppen kann man nur die Auswanderung empfehlen. In einem Land zu leben, dessen Bevölkerung man hasst oder verachtet, dass deformiert einen selbst und man sollte es sich nicht antun. Außerdem sollten sich diese Leute vor Augen führen, dass sie mit ihrem Hass und ihrer Verachtung auch die 90% der Deutschen treffen, die erst nach dem Krieg geboren wurden. Sippenhaft?"

Um es noch einmal ganz deutlich zu schreiben:

Wer als in Deutschland lebender Jude die deutsche (nichtjüdische) Bevölkerung hasst und Deutschland verachtet, der sollte besser auswandern! Das ist nicht unsensibel, sondern ein gut gemeinter Ratschlag. Den würde ich auch einem Afrikaner geben, der sich in England oder Frankreich nicht wohl fühlt.

"Außerdem (schrieb ich) sollten sich diese Leute vor Augen führen, dass sie mit ihrem Hass und ihrer Verachtung auch die 90% der Deutschen treffen, die erst nach dem Krieg geboren wurden. Sippenhaft?"

Wenn ich hätte behaupten wollen, dass es Sippenhaft sei, hätte ich ein Ausrufezeichen hinter das Wort Sippenhaft gestellt und kein Fragezeichen.

Wenn Sie an einer ernsthaften Diskussion mit mir interessiert sind, gehen Sie bitte auf das ein, was ich schreibe. Andernfalls schreiben wir nur aneinander vorbei.

Auch die Ausweitung des Themas auf alle Verbrechen der Nazis ist in diesem Zusammenhang nicht hilfreich.

"Vergangenheitsbewältigung" war das richtige Wort

Vielen Dank für diese Besprechung!

Hier aber ein Wort der Kritik: Der Artikel schreibt, "Vergangenheitsbewältigung (was für ein missglücktes Wort)..." und schlägt stattdessen "Vergangenheitsbewahrung" vor.

Das zeigt ein deutliches Unverständnis der Situation. Denn in der Nachkriegs- und Nachnazizeit ging es nicht einfach um Erinnerung, es ging um die Frage, was *tun* mit dem Wissen, dass die Eltern und Großeltern, oder zumindest die Eltern- und Großelterngeneration Schwerverbrecher waren. Wie wird ein Mensch und eine Gesellschaft damit fertig, dass die gleichen Menschen und Institutionen, denen man vertraut, die man teilweise liebt und denen man zwangsweise angehört, abrundtiefe Schuld auf sich geladen haben? Denn ganz annehmen kann man sie nach diesem Wissen nicht mehr, aber einfach umbringen kann man sie auch nicht. Was also tun (oder was nicht tun) angesichts dieser tiefen Wunde in der Seele? Das ist nun erheblich mehr als "Vergangenheitsbewahrung".

Dieses nicht zu verstehen ist vermutlich einer der Irrtümer der Spätgeborenen, die sich nicht wirklich vorstellen können, was sie nicht selbst erlebt haben.

Ein Missverständnis.

WolfHai, Sie sind einem Missverständnis aufgesessen. Die Autorin schlägt mitnichten die Verwendung des Begriffes “Vergangenheitsbewahrung” anstelle des unschönen “Vergangenheitsbewältigung” vor…

“[…| wie sie den Weg gingen – und noch gehen – von der sogenannten Vergangenheitsbewältigung (was für ein missglücktes Wort) zur »Vergangenheitsbewahrung«, wie Aleida Assmann es nennt.”

… sondern beschreibt vielmehr den Wandel des vorherrschenden Gefühls, der vorherrschenden Politik, des vorherrschenden Umgangs mit diesem Thema im Laufe der Jahrzehnte. Denn tatsächlich ist es auch so, daß heutzutage eine wahre Erinnerungskultur — jemand sprach da in einem ähnlichen Zusammenhang wohl auch von der Holocaust-Industrie — gepflegt wird, zum Teil eben auch mit befremdlichen Auswüchsen. Ob diese mehr oder minder von oben und durch die Institutionen dekretierte Erinnerungskultur nicht aber mehr Schaden anrichtet denn Gutes tut, wird erst die Zeit zeigen.