Franz LisztGespenstisches Flämmchen

Eine neue Liszt-Biografie sucht den "Superstar" – nicht den Komponisten. von Volker Hagedorn

Franz Liszt auf einer undatierten Kopie eines Lehmann-Gemäldes

Franz Liszt auf einer undatierten Kopie eines Lehmann-Gemäldes  |  © dpa

Er muss die Leute wirklich umgehauen haben. Nicht nur die ungarischen Gräfinnen, die sich in Konzerten um ein Schnupftuch des Pianisten schlugen, sondern auch kritische Kollegen wie die achtzehnjährige Clara Wieck und ihren Vater. Sie erlebten, wie Franz Liszt in Wien in einem Konzert drei Flügel kaputt spielte. »Aber alles genial – der Beifall ungeheuer – der Künstler ungeniert und liebenswürdig, – alles neu, unerhört – nur Liszt.« Der bleiche Mittzwanziger mit langem dunklem Haar sprengte Saiten und Grenzen und riss alle mit, selbst wenn sie sich sträubten. »Wenn du dein Publikum nicht gewinnst«, schrieb ihm sein Freund Frédéric Chopin, den große Auditorien lähmten, »bist du imstande, es dir zu unterwerfen.« Man kann da auch ein bisschen Skepsis heraushören.

Die ist seit Liszts Tod vor 125 Jahren gewachsen. Als Klavierlöwen des 19. Jahrhunderts sehen ihn die meisten, als eitlen Womanizer, der sich im Alter als Priester verkleidet, als Schwiegervater Richard Wagners, als schillernde Figur. Den Komponisten Liszt, der weit in die Zukunft schreibt, Tristanharmonik und Zwölftonreihe vorwegnimmt und neue Formen schafft, bewundert von Bartók, Busoni und Schönberg, nimmt man eher am Rande wahr. Dass sein Werkverzeichnis im großen Musiklexikon »Grove« ganze 86 Seiten füllt, der Konzertbetrieb aber nur eine Handvoll Klavierstücke und sinfonischer Dichtungen herunterdonnert, ohne den Rest zu kennen, bezeichnet einen blinden Fleck in der Rezeption. Die Romanfigur Liszt scheint dem Künstler im Weg zu stehen – es könnte einen Biografen reizen, beide neu zu beleuchten.

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Dazu müsste er aber ein paar Partituren unter die Lupe nehmen und hätte weniger Platz für die herrlichen, wahren Geschichten von Sex und Ruhm, Intrigen und Katastrophen. So heißt denn das Buch von Oliver Hilmes im Untertitel Biographie eines Superstars und versorgt uns reichlich mit dem entsprechenden Stoff. Man liest es ja auch gern, wie Liszt sich Chopins Pariser Wohnung ausborgt, um dort die Frau des Klavierfabrikanten Pleyel flachzulegen, die früher mit Hector Berlioz verlobt war. Oder wie es sich nachts auf der Terrasse von George Sand plaudert. Oder wie Liszt von einer neurotischen Adligen zur andern gerät, von Marie d’Agoult zu Carolyne von Sayn-Wittgenstein, ganz zu schweigen von seinen Klavierschülerinnen...

Näheres zur Musik steht auf vielleicht fünf von 432 Seiten. In der legendären h-Moll-Sonate, so erfahren wir, »schimmert die traditionelle Mehrsätzigkeit noch durch«, wird aber »zu einem einzigen meisterhaften Satz von rund 30 Minuten Spieldauer verdichtet«. Das war’s auch schon. Ohne bahnbrechende Werke wie dieses würde Liszt zwar nicht noch 200 Jahre nach seiner Geburt den Rang behaupten, der einer Biografie überhaupt Leser verheißt – aber es genügt offenbar, die Qualität seiner Kompositionen einfach vorauszusetzen, ab und an von »meisterhafter Instrumentierung« zu reden und, wenn es mal genau werden soll, dem Leipziger Bach eine Kantate zuzuschreiben, die schon in Weimar entstand – wo Liszt ja gleichsam Bachs später Nachbar wurde.

Etwas unterfordert fühlt man sich auch, wenn Hilmes in Jargon macht: »Tout Paris war geradezu berauscht« vom »Sohnemann« des wackeren Adam List, über den sich auch die englischen Hoheiten »highly amused zeigten«. Aber das sind nur Triller auf einer Klaviatur, die der Autor sonst moderat und lesbar bedient – und auf der Basis einer Recherche, die jenseits der Musik sehr gründlich ausgefallen ist und weit mehr als eine Sammlung pikanter Episoden entfaltet. Dass Liszt und seine beiden wichtigsten Frauen wahre Monstren der Selbstverwirklichung waren und ihre Kinder geradezu auf der Strecke blieben, wirft ein Licht auf die grauenhafte Distanz, mit der Cosima ihrem Vater am Ende begegnete. Man gewinnt den Eindruck, dass sie in Richard Wagner, nur zwei Jahre jünger als Liszt, den Vater fand, der ihr gefehlt hatte.

Da Liszt den unverzeihlichen Fehler beging, Wagner zu überleben, schob sie ihn schon zu Lebzeiten ab und erst recht danach. Mit Liszts Ächtung in Bayreuth beginnt die Demontage eines großen Neuerers, die unser Bild von ihm bis heute prägt. Oliver Hilmes hat zwar nicht den blinden Fleck der Rezeption erhellt, umso genauer aber seine Ursachen. Und übersichtlich verbindet er das Material dieses europäischen, romanhaften Lebens, dem von Affären bis Staatsaffären, von Papst bis Zar, von Groteske bis Drama so wenig fehlt, dass man sich fragt, wie ein Einzelner das verkraften konnte. Schon vom 51-Jährigen hieß es, »er wäre ausgebrannt, und nur noch die Wände ständen von ihm, worin ein gespenstisches Flämmchen herumzüngelte«. Es ist auch ein schönes Bild für das bisschen Musik, das die Diffamierung dieses Genies überstanden hat.

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Leserkommentare
    • Buono
    • 04. Juni 2011 17:42 Uhr

    und eine gelungene Rezension. Bravo.

    Liszts Werke in eine Art "Ranking" zu bringen, bedeutet musikalisch betrachtet, es kommt sowieso zuerst Liszt,
    danach Liszt, danach gar nichts, dann eine lange Pause und dann einige der bekannten Anderen...

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  • Schlagworte Franz Liszt | Biografie | George Sand | Konzert | Bayreuth | Paris
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