Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

In einem der letzten Hefte wurde in der Titelstory darüber geklagt, dass Journalisten nur selten über Journalismus schreiben. Warum fragt ihr nicht mich? Was ich drollig finde, ist, dass fast alle Presseerzeugnisse regelmäßig einem Facelift oder Relaunch unterzogen werden, um sie optisch zu verjüngen, wie es heißt, während gleichzeitig in den gleichen Presseerzeugnissen die Überalterung der Gesellschaft in dramatischer Weise beschrieben wird. Man müsste, um Erfolg zu haben, die Magazine folglich nicht verjüngen, sondern veralten. Dieser Tipp ist gratis.

Da fällt mir ein, dass ich als Jugendlicher jahrelang regelmäßig die Neue Post gelesen habe, eine Frauenzeitschrift des Genres "Regenbogenpresse", die über Adelige und Prominente berichtet, vor allem über ihr Paarungsverhalten. Meine Großmutter war Abonnentin, und immer wenn wir sie besuchten, habe ich sofort nach der Neuen Post gesucht, weil sie dort oft Fotos von Caroline von Monaco brachten, die ich sehr gerne geheiratet hätte. Ich will mich nicht loben, ich habe auch meine Fehler. Aber mit mir wäre sie besser gefahren als mit ihrem jetzigen Ehemann.

In einem Medienmagazin habe ich eine Liste der erfolgreichsten Zeitschriften-Neugründungen seit dem Jahre 2005 gefunden. Zu den erfolgreichsten neuen Zeitschriften in Deutschland gehören demnach die Titel illu der frau, neues für die frau, von Frau zu Frau, aktuell für die Frau, Welt der Frau, Das Beste für die Frau und Frau im Blick. Zusammengenommen verkaufen diese neuen Publikationen 1,1 Millionen Exemplare pro Woche. Am Kiosk habe ich festgestellt, dass es immer noch die Neue Post gibt, außerdem gibt es, ich nenne nur einige, das Journal für die Frau, Alles für die Frau, Bild der Frau, Die Neue Frau, Echo der Frau, Frau Aktuell, Frau im Leben, Frau im Spiegel, Frau im Trend, Frau mit Herz, Frau von Heute, Woche der Frau und etliches mehr. Titelerfinder für Frauenzeitschriften – ein Beruf mit Zukunft.

Es ist, vom Titel abgesehen, nahezu unmöglich, zwischen den Zeitschriften zu unterscheiden, sie sehen sich alle total ähnlich, sie sind meistens lila, und für meine Begriffe steht in allen das Gleiche drin wie schon 1960, auch Anzeigen für Treppenaufzüge finden sich immer noch relativ oft. Ich glaube, dass es einer in langen Jahren gewachsenen Kennerschaft und extrem verfeinerter Sinnesorgane bedarf, um zwischen der aktuellen Ausgabe von Echo der Frau und Frau im Spiegel zu unterscheiden, das ist ähnlich wie bei den Weinkennern, die einen 1998er Kleinfischbacher Blocksberg sofort vom 1999er Jahrgang zu scheiden wissen.

Insgesamt werden in Deutschland pro Woche neun Millionen Regenbogenmagazine verkauft. Jedes Exemplar, das kann man angeblich beweisen, wird von drei bis vier Frauen gelesen. Mit anderen Worten, rund 30 Millionen deutsche Frauen lesen so etwas total Rückschrittliches, Antimodernes, im Grunde jede erwachsene Frau. Das ist bewiesen! Meine Großmutter war aber die einzige Person, bis heute, die ich jemals mit so einem Heft in der Hand gesehen habe. Wo sind die anderen 30 Millionen? Sie sitzen nicht im Café oder in der U-Bahn, ich treffe sie nicht im Wartezimmer beim Arzt, auch privat suchen sie nicht meine Nähe. Das findet offenbar alles im Geheimen statt, ähnlich wie die Lektüre von Herrenmagazinen durch junge Männer. Kann es sein, dass alle modernen Managerinnen in ihrer Wohnung ein Versteck haben, in dem sie ihre Frau mit Herz- Sammlung aufbewahren? Und in der Walpurgisnacht tauschen sie ihre Fotos von Prinz William.

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