Martenstein "Titelerfinder für Frauenzeitschriften – ein Beruf mit Zukunft"
Harald Martenstein über die Regenbogenpresse und ihre heimlichen Leserinnen
In einem der letzten Hefte wurde in der Titelstory darüber geklagt, dass Journalisten nur selten über Journalismus schreiben. Warum fragt ihr nicht mich? Was ich drollig finde, ist, dass fast alle Presseerzeugnisse regelmäßig einem Facelift oder Relaunch unterzogen werden, um sie optisch zu verjüngen, wie es heißt, während gleichzeitig in den gleichen Presseerzeugnissen die Überalterung der Gesellschaft in dramatischer Weise beschrieben wird. Man müsste, um Erfolg zu haben, die Magazine folglich nicht verjüngen, sondern veralten. Dieser Tipp ist gratis.
Da fällt mir ein, dass ich als Jugendlicher jahrelang regelmäßig die Neue Post gelesen habe, eine Frauenzeitschrift des Genres »Regenbogenpresse«, die über Adelige und Prominente berichtet, vor allem über ihr Paarungsverhalten. Meine Großmutter war Abonnentin, und immer wenn wir sie besuchten, habe ich sofort nach der Neuen Post gesucht, weil sie dort oft Fotos von Caroline von Monaco brachten, die ich sehr gerne geheiratet hätte. Ich will mich nicht loben, ich habe auch meine Fehler. Aber mit mir wäre sie besser gefahren als mit ihrem jetzigen Ehemann.
In einem Medienmagazin habe ich eine Liste der erfolgreichsten Zeitschriften-Neugründungen seit dem Jahre 2005 gefunden. Zu den erfolgreichsten neuen Zeitschriften in Deutschland gehören demnach die Titel illu der frau, neues für die frau, von Frau zu Frau, aktuell für die Frau, Welt der Frau, Das Beste für die Frau und Frau im Blick. Zusammengenommen verkaufen diese neuen Publikationen 1,1 Millionen Exemplare pro Woche. Am Kiosk habe ich festgestellt, dass es immer noch die Neue Post gibt, außerdem gibt es, ich nenne nur einige, das Journal für die Frau, Alles für die Frau, Bild der Frau, Die Neue Frau, Echo der Frau, Frau Aktuell, Frau im Leben, Frau im Spiegel, Frau im Trend, Frau mit Herz, Frau von Heute, Woche der Frau und etliches mehr. Titelerfinder für Frauenzeitschriften – ein Beruf mit Zukunft.
Es ist, vom Titel abgesehen, nahezu unmöglich, zwischen den Zeitschriften zu unterscheiden, sie sehen sich alle total ähnlich, sie sind meistens lila, und für meine Begriffe steht in allen das Gleiche drin wie schon 1960, auch Anzeigen für Treppenaufzüge finden sich immer noch relativ oft. Ich glaube, dass es einer in langen Jahren gewachsenen Kennerschaft und extrem verfeinerter Sinnesorgane bedarf, um zwischen der aktuellen Ausgabe von Echo der Frau und Frau im Spiegel zu unterscheiden, das ist ähnlich wie bei den Weinkennern, die einen 1998er Kleinfischbacher Blocksberg sofort vom 1999er Jahrgang zu scheiden wissen.
Insgesamt werden in Deutschland pro Woche neun Millionen Regenbogenmagazine verkauft. Jedes Exemplar, das kann man angeblich beweisen, wird von drei bis vier Frauen gelesen. Mit anderen Worten, rund 30 Millionen deutsche Frauen lesen so etwas total Rückschrittliches, Antimodernes, im Grunde jede erwachsene Frau. Das ist bewiesen! Meine Großmutter war aber die einzige Person, bis heute, die ich jemals mit so einem Heft in der Hand gesehen habe. Wo sind die anderen 30 Millionen? Sie sitzen nicht im Café oder in der U-Bahn, ich treffe sie nicht im Wartezimmer beim Arzt, auch privat suchen sie nicht meine Nähe. Das findet offenbar alles im Geheimen statt, ähnlich wie die Lektüre von Herrenmagazinen durch junge Männer. Kann es sein, dass alle modernen Managerinnen in ihrer Wohnung ein Versteck haben, in dem sie ihre Frau mit Herz- Sammlung aufbewahren? Und in der Walpurgisnacht tauschen sie ihre Fotos von Prinz William.
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- Datum 06.05.2011 - 06:31 Uhr
- Serie Martenstein
- Quelle ZEITmagazin, 5.5.2011 Nr. 19
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Ich möchte den begründeten Ulk hier nicht weiter stören, aber ab und an kann man Damen beobachten, wenn man Donnerstags Die Zeit beim Zeitschriften/Tabak-Händler kauft (auch so eine Spezies, die man mal beschreiben könnte), ...und da sieht man sie dann, zumindest eine der schon erwähnten Damen, die - und das wurde in der Beerechnung ("30 Millionen") nicht berücksichtigt, die Dame als, die kauft gleich mehrere-re-re dieser bunten Blätter, nicht etwa nur ihr ganz spezielles Lieblingsblatt. Und da ich das bereits mehrmals in meinem langen Leben (viel länger als H.M. - und deswegen käme auch die Caroline nicht... aber ich schweife ab) ...im langen Leben beobachtet habe, gilt diese Regel womöglich universell: Eine Käuferin x 8 verschiedene Hefte/Woche x 3 Leserinnen. Achja, und nicht zu vergessen die Zweitverwertung im Lesezirkel. ... Gibt's das auch noch?
Laßt doch die Mädels über die Mädels lesen.
Laßt die Mädels doch die Bilder über andere Mädels anschauen.
Diese Mädels haben doch Entspannung verdient.
Diese Mädels lachen und schmunzeln sehr oft über die dar-
gestellten Mädels.
Ob Echo der Frau ,Frau im Spiegel oder irgendeine
andere Publikation,ein anderes Erzeugnis der sogenannten
Regenbogenpresse ist nichts weiter als Entertainment welche
dies Mädels brauchen und gebrauchen damit zumindest temporär Abstand vom sogenannten Vorstand des Haushalts
erfolgt.
Sind die Geschichtenerfinder der Frauenzeitschriften eigentlich "vom Himmel herabgestiegene" Journalisten, die in guten Zeiten noch die Meldungen der Japanischen Kraftwerksbetreiber, den US-Regierungen und Rating-Agenturen vom Ticker abgeschrieben haben?
Die Neue Post, etc. kenne ich übrigens auch noch von Omma. Und so, wie der spitze Bube den Playboy angeblich nur wegen der tollen Berichte kauft, war Oma "nur" an den Kreuzworträtseln interessiert.
Ach ja ... im Bikini ....
Das waren noch Zeiten!
Ist doch ganz simpel: Genau so, wie in den Chefetagen noch die Männer aus vorigen Generationen mit ihren rückständigen Ansichten überdauern und Nachfolgegenerationen beim Durchbrechen der gläsernen Decke behindern, überdauern fern des Rampenlichts der Öffentlichkeit die Haus-Frauen aus vorigen Generationen, denen man genau diesen rückständigen Quatsch beigebracht hat (und die auch noch eine höhere Lebenserwartung haben). Dass sie in der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen werden, ist kein Wunder, denn so war das Ganze ja damals gedacht...
für diesen überflüssigen Mist, den die überflüssige Regenbogenpresse über diese Pseudopersonen, diese so genannten Prominenten und Adligen schreibt. Diese Pseudopersonen bringen doch im Leben nichts zu Stande als ihre Fassade zu polieren und sich fotografieren zu lassen, haben ihre Skandälchen und lassen sich dabei begaffen von den genauso hirnlosen, hohlen Regenbogen-Pseudojournalisten und deren hirnloser Leser(innen)schaft, die sich damit ein Pseudoleben schafft.
Aber dafür sterben ECHTE Bäume, und für die Herstellung werden ECHTE Chemikalien verbraucht und ECHTE Energie verwendet, und das in Massen!
Bitte achten Sie auf einen angemessenen Diskussionsstil. Danke. Die Redaktion/er
Wie bei den Anzeigenblättern ist es wohl so, dass es diese Publikationen gibt, weil sie von den Werbeträgern finanziert werden. Wo sonst könnten die Firmen für Schlankseife und Wirsingsuppenkapseln eine Plattform finden?
Die Kosten der redaktionellen Beiträge dürften gegen Null laufen, das ist ja alles (wie Martenstein darstellt) hundertfach verwursteter Bodensatz an Bild- und Textmaterial.
Und deshalb dürfte es auch keine Rolle spielen, wer wann wo diese Zeitung liest oder gar kauft. Der Lesezirkel ernährt sich davon und (nur) von ihm ernährt sich vermutlich die Statistik, dass jede dieser Zeitungen 3-4 mal gelesen werden soll.
Die paar Omas, die die Zeitungen noch kaufen, weil sie eben erschwinglich sind, tragen alleine wohl kaum dazu bei, dass sie überhaupt noch gedruckt werden....
Wie bei den Anzeigenblättern ist es wohl so, dass es diese Publikationen gibt, weil sie von den Werbeträgern finanziert werden. Wo sonst könnten die Firmen für Schlankseife und Wirsingsuppenkapseln eine Plattform finden?
Die Kosten der redaktionellen Beiträge dürften gegen Null laufen, das ist ja alles (wie Martenstein darstellt) hundertfach verwursteter Bodensatz an Bild- und Textmaterial.
Und deshalb dürfte es auch keine Rolle spielen, wer wann wo diese Zeitung liest oder gar kauft. Der Lesezirkel ernährt sich davon und (nur) von ihm ernährt sich vermutlich die Statistik, dass jede dieser Zeitungen 3-4 mal gelesen werden soll.
Die paar Omas, die die Zeitungen noch kaufen, weil sie eben erschwinglich sind, tragen alleine wohl kaum dazu bei, dass sie überhaupt noch gedruckt werden....
Sehr lustiger Artikel. Ich kann Ihnen meine Berliner Zahnärztin für Ihre Beobachtungen empfehlen. Da liegt die Bunte, die Gala......aus eigener Erfahrung weiss ich, dass das Lesen derselben so schön beruhigt vorher. Ich glaube nämlich das gehört dazu zum Betäubungs-Schmerzbekämpfungsprogramm.
Purer Voyeurismus + die neusten "Diätideen" (anstatt beweg dich mehr und iss weniger)
Die Leser(innen?) kommen meist aus dem "Präkariat" und decken sich gut mit der Zielgruppe, für die auch diese tollen Anzeigen für Treppenlifte, Hörgeräte oder Krautermischungen gedacht sind.
Klartext:
- Jüngere ungebildete Frauen die sich gerne vorstellen einen Prinzen zu heiraten, anstatt etwas richtiges im Leben zu vollbringen.
- Hausfrauen mit zu viel freier Zeit.
- Halbdemente Omas. (zur Ablenkung)
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