DIE ZEIT: Frau Ahnert, was macht eine gute Mutter aus Sicht einer Entwicklungspsychologin aus?

Lieselotte Ahnert: Einer guten Mutter gelingt es, sich in die Bedürfnisse eines Kindes hineinzuversetzen, sich quasi in dessen Schuhe hineinzustellen, um aus seiner Perspektive die nächsten Schritte zu entwickeln. Sie sollte das Kind leiten, ihm Orientierung geben und Grenzen setzen, wo es nötig ist. Aber es gibt kein Idealbild einer guten Mutter. Sie muss nicht perfekt sein, es reicht, wenn sie hinreichend gut ist.

DIE ZEIT: Und wie würden Sie eine schlechte Mutter definieren?

Ahnert: Eine schlechte Mutter geht davon aus, dass das Kind sich nimmt, was es braucht. Sie lässt alles laufen. Wir sehen das beispielsweise bei ganz jungen Müttern, die oft glauben, dass sich die Entwicklung eines Kindes irgendwie von allein vollzieht. Das trifft ja auf die motorische Entwicklung tatsächlich zu – fast jedes Kind beginnt nach dem ersten Geburtstag zu laufen, unabhängig von der Art der Familie, in der es aufwächst. Aber dies gilt eben nicht für viele anspruchsvolle Entwicklungsbereiche. Den Umgang mit Emotionen etwa muss man schon unterstützend fördern. Doch man kann ebenso übers Ziel hinausschießen: Das andere Extrem ist die Mutter, die zu viel fordert. Die sich an Zielgrößen orientiert, die sie vielleicht in ihrem eigenen Leben nicht verwirklicht hat. Das Kind erlebt sich selbst dann eher als unvermögend und fremdbestimmt und verliert seine Anstrengungsbereitschaft, eigene Ziele zu verfolgen.

DIE ZEIT: Es geht also um die rechte Balance ?

Ahnert: Sensitivität und Feinfühligkeit sind die Grundvoraussetzungen. Es geht nicht nur darum, die Leistungsfähigkeit des Denkens zu fördern –etwa das Kind dafür zu loben, dass es gut spricht oder eine Aufgabe gut gelöst hat. Wichtig sind langfristig die emotionalen Dinge, die mitschwingen: Das Kind soll erleben, dass es etwas geschafft hat – und dass es sich gut anfühlt, etwas zu schaffen. Wir sprechen in diesem Zusammenhang von Selbstwirksamkeit: Wenn Kinder verinnerlichen, dass sie mit ihrem Tun etwas erreichen, wirkt sich das auf ihre Motivation aus, etwas Neues auszuprobieren – lebenslang. Eine gute Mutter rahmt dieses Geschehen emotional ein. Sie schafft es, das Kind trotz seiner Defizite immer positiv entlang der eigenen Entwicklungskurve zu führen.

DIE ZEIT: Amy Chua, die umstrittene und viel diskutierte chinesische »Tigermom« , definiert eine gute Mutter als jemanden, der bedingungslose Liebe mit hohen Anforderungen kombiniert. Wie stehen Sie dazu?

Ahnert: An diesem Satz stört mich zweierlei. Das eine: Wenn sich die Anforderungen nicht darauf beziehen, was das Kind gerade bewältigen kann, sondern auf irgendwelche abstrakten Zielgrößen, überfordert man es schnell. Man sollte das Kind stets dort abholen, wo es gerade steht. Das andere: Was heißt denn bedingungslos? Das hört sich doch sehr nach Über-Mutterung an; nach Frauen, die sich völlig aufgeben und eigene Ansprüche an Lebensgefühl und Partnerschaft unterdrücken. Das ist ein Missverständnis: Kindererziehung kann nur dann gelingen, wenn Mütter parallel auch ihren nicht mütterlichen Teil entwickeln.

DIE ZEIT: Hat sich das Mutterbild in den letzten zwanzig Jahren verändert?

Ahnert: Ganz sicher. Die Frauen haben mehr denn je begriffen, dass sie die Mutterrolle nur in einem bestimmten Zeitfenster ihrer Biografie intensiv spielen. Dass sie nur eine vergleichsweise kurze Zeit damit in hohem Maße beansprucht werden und danach eine Lebensphase mit neuen Zielen ebenso intensiv gestalten müssen.

DIE ZEIT: Wer ist die bessere Mutter, die Haus- oder die Karrierefrau?

Ahnert: Ich glaube, es geht heute nicht mehr darum, die Rolle der Hausfrau gegen die der Karrierefrau auszuspielen – sondern um die Frage, wie viel in welchem Zeitfenster. Eine gute Mutter wird darüber nachdenken, welchen Teil ihrer weiblichen Biografie sie auch während des Mutterseins weiter stärken will.

DIE ZEIT: Früher hieß es, eine gute Mutter gehöre zu ihrem Kind.

Ahnert: Es gibt Situationen, in denen eine Mutter wirklich dringend nötig ist. Etwa, wenn ein Kind kränkelt oder plötzlich Ängste entwickelt. Selbst wenn die Oma oder der Vater in der Nähe sind, ist hier die Mutter als Sicherheitsbasis gefragt. Andererseits muss sich eine gute Mutter auch mal zurücknehmen können. Wenn Kinder beispielsweise mit Geschwistern streiten, ist es gut, sich nicht gleich einzumischen, sondern abzuwarten, wie der Fall untereinander ausgehandelt wird. Kompromissfähigkeit lernen Kinder eher in solchen Situationen als im Kontext mit der Mutter.