Erziehung Jetzt lasst Mama mal in Ruhe
Was ist eine gute Mutter? Die 68er sagten: Sie muss eine Freundin sein. Heute soll sie ein Coach sein. Aber hat je einer daran gedacht, wie es den Müttern geht?
© Olivia Bee

Die 16-jährige amerikanische Fotografin Olivia Bee im Selbstporträt
Ich habe drei Töchter. 10, 11 und 13 Jahre alt. Wenn ich sie morgens aus dem Haus rasen sehe mit ihren Chucks und ihrem Gekicher, dann finde ich sie eigentlich ziemlich gut gelungen. Trotzdem verfolgt mich seit 13 Jahren, in wechselnder Gestalt und Dringlichkeit, eine Frage oft bis in den Schlaf: Bin ich eine gute Mutter?
Was ich mir darunter vorstelle, hat sich im Laufe der Jahre verblüffend verändert. Würde ich heute Mama Lau von 1997 begegnen, dem Jahr, in dem unsere erste Tochter Emily geboren wurde, hätte ich wohl das Gefühl, dass diese Frau nicht ganz sauber tickt.
Ich war so eine Art »jiddische Mame«, überbehütend und 150-prozentig im Muttersein aufgehend. Ich habe sogar gestrickt! Eine Kreuzberger Hebamme hatte uns eingeredet, Dezember-Kinder litten an Unterkühlung, wenn man sie nicht in drei Lagen Wolle plus Plumeau hülle. Emily muss gedacht haben, wir wollten sie dünsten. Man durfte weder Vollkornbrot noch Spinat und Joghurt essen, weil all dies »das Baby blähen« könnte. Die Hebamme war Muttermilch-Fanatikerin. Muttermilch sollte das Kind nicht nur ernähren, sondern auch Entzündungen heilen, die Haut pflegen und zum Einschlafen aufs Kissen geträufelt werden. Nur dass ich meine Fenster mit Muttermilch geputzt hätte, fehlte zum totalen Irrsinn. Gestillt wurde nach Bedarf, also praktisch immer. Wenn Emily in ihrer Wiege weinte, setzte ich mich stundenlang daneben und sang Guten Abend, gut Nacht, auch wenn Freunde zu Besuch waren, die sich fragten, was nur aus der Mariam geworden war, die sie mal gekannt hatten.
Anders gesagt: Ich hatte Angst. Ich wusste nicht, wie es geht. Nur eines wusste ich ganz sicher: Ich wollte um keinen Preis eine Achtundsechziger-Mutter werden. Darunter verstand ich eine Frau, die in erster Linie an ihre Selbstverwirklichung denkt. Die nicht stillt, weil es den Busen ruiniert und einen zum Sklaven des Säuglings macht. Die Tiefkühlkost liebt und Babysitter oder Tragetaschen, in denen man das Kindchen überall mit hinschleppt. Achtundsechziger, so dachte ich in dieser Renegaten-Phase, hielten die Kleinfamilie aus Vater, Mutter, Kind für die Keimzelle des Faschismus. Biologie war Faschismus. Dass Frauen und nur Frauen Kinder bekommen können, dass es da eine spezielle Bindung gibt, die im günstigsten und gewöhnlichsten Fall etwas mit Glück zu tun hat – das alles ist bis heute in linken Kreisen ein schmutziges Geheimnis. Das Zusammenleben mit ihren Kindern stellten sich die Bewohner der Kommune I als Großexperiment, als WG vor, in der Freunde mit Freunden lebten, nur dass eben manche Freunde noch gewickelt werden mussten. Damit hatte man sich auch der Verantwortung weitgehend entledigt: Wie komme ich dazu, einen Freund um acht ins Bett zu legen?
Ich dagegen wandelte mich zum »Schlaf-Nazi«, wie ich mich mit dem letzten Quäntchen Selbstironie nannte, das mir verblieben war: Das Kind sollte immer zur selben Zeit am selben Platz mit demselben Schlaflied verabschiedet werden. Ich hatte gelernt: Wer Babys nachts ständig hochnimmt oder hochgenommene, satte und gewickelte Babies ins eigene Bett legt, der hat mit Schlafstörungen nicht unter acht Jahren zu rechnen. Es handelt sich also um Selbstschutz, eine Trotzphase der Eltern, die ihre Rechte gegenüber dem Kind behaupten: Hey! Wir waren zuerst da!
Meine persönliche Trotzphase hatte nach einem halben Jahr »jiddische Mame« begonnen: Ich war am Ende, und mein Mann auch. Es gibt ein Foto von uns, aufgenommen an einem Julimorgen um vier Uhr in der Küche. Wir sehen aus, als hätten wir versucht, Der Schrei von Edvard Munch nachzustellen. Fünf Wochen später wurde ich wieder schwanger.
Damals dämmerte mir so langsam, was ich heute weiß: Eine gute Mutter ist eine einigermaßen glückliche Mutter. Damit meine ich nicht permanenten Dauerfrohsinn. Ohne gelegentliche Migräne, Depression, Muffigkeit und Midlife-Crisis wäre man keine ernst zu nehmende Person, die wählen gehen und Mietwagen ausleihen darf. Nur kann es eben nicht sein, dass sich alles nur um Kinder dreht. Die haben übrigens auch nicht wirklich was von einer Mutter, die auf sie angewiesen ist für ihr Seelenheil wie Mutter Livia aus der Mafia-Serie The Sopranos, die immer seufzt: »Ich hab euch mein Leben auf einem Silbertablett serviert« – und ein paar Killer auf ihren Sohn Tony ansetzt.
Eine erwachsene Frau braucht die Gesellschaft anderer Erwachsener. Sehr schön ist ein Mann. Die Funktion können auch Freundinnen, Saunabesuche, Lippenstift, Cocktails, Priester, Parteifreunde übernehmen. Hauptsache, es gibt Momente, in denen die Kinder nichts verloren haben. Sie sollen dann bitte WEGGEHEN und woanders spielen. Mein Lieblings-Erziehungsberater ist Christie Mellors The Three Martini Playdate . Er enthält Kapitel wie »Kinderarbeit: Nicht nur gut für die Dritte Welt!« und »Schlafengehen: Ist 17.30 Uhr zu früh?« und fordert alle Eltern auf, sich ihr Leben zurückzuholen. Es sei kein Problem, schon kleinen Kindern beizubringen, wie man ein höfliches Gespräch mit einem Erwachsenen führt, einen köstlichen Martini für die Großen mixt und sich dann zurückzieht. »Die Kinder«, schreibt Mellor, »leben in eurem Haus, essen euer Essen, beanspruchen eure Zeit und eure Bücher. Diese einfachen Fakten haben wir vergessen.« Wann hat es angefangen, dass man ganze Nachmittage damit verbringt, die Kinder zu bespaßen und herumzukutschieren, sich ihren Launen zu fügen und den Nachmittag mit langweiligen Leuten zu verbringen, nur weil sie die Eltern von Rosita sind? »Ihr habt das Recht auf ein bisschen Zeit für euch selbst.«
Es geht nicht um den schuldbewusst herausgeschlagenen Moment, in dem man kurz die Schlagzeilen überfliegt und sich dabei die Lippen an der heißen Tasse Kaffee verbrennt. Nein, »es ist Zeit, die Eiswürfel vorzuwärmen, sich auf die Couch zu fläzen und den kleinen Spencer in sein Zimmer zu schicken. Mama und Papa brauchen eine Pause.«
Und da kommen wir zu einem heiklen Kapitel. Die Frage: Wen liebst du mehr, deinen Mann oder deine Kinder – mag für die meisten von uns idiotisch klingen, schließlich stehen wir meistens nicht vor einem brennenden Haus und müssen entscheiden, wen wir retten wollen. Aber ein Sturm der Entrüstung brach kürzlich über die amerikanische Autorin Ayelet Waldman herein, als sie in der New York Times beschrieb, wie sie in Müttergruppen ständig auf die gleiche Situation traf: »Innerhalb von drei Minuten ging es darum, wie oft Mami sich verpflichtet fühlt, Sex zu haben. Jeder will sich versichern, dass auch die anderen es möglichst selten tun.« Der Grund dafür ist, dass sich die Leidenschaft der Frau auf ihre Kinder verlagert hat. »Nur bei mir«, schreibt Waldman, »war es anders. Ich liebe meinen Mann mehr als meine Kinder. Wenn ich ihn ansehe, fühle ich dieselben Sehnsuchtsattacken wie damals vor zwölf Jahren, als ich ihn das erste Mal sah.« Sie fragt sich natürlich, wie sich auch ihre Leserinnen fragten, was wohl ihre vier Kinder bei der Lektüre des Artikels empfinden werden. Zumal, wenn sie schreibt, dass der Tod eines dieser Kinder sie entsetzen würde, aber irgendwie verkraftbar wäre, denn sie hat ja noch drei andere; der Tod ihres Mannes aber könnte sie völlig vernichten. Wie will sie diese Passage ihren Kindern erklären? »Ich würde ihnen sagen, dass ich ihnen eine Liebe wünsche wie die, die ich für ihren Vater empfinde.«
- Datum 07.05.2011 - 08:33 Uhr
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- Quelle ZEITmagazin, 5.5.2011 Nr. 19
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Danke für diesen wunderbaren Artikel, in dem ich mich zu 100% wiederfinden konnte. Am besten gefiel mir der Satz: Hauptsache, es gibt Momente, in denen die Kinder nichts verloren haben. Sie sollen dann bitte WEGGEHEN und woanders spielen.
Ich bin nämlich auch fest davon überzeugt, dass nur glückliche Mütter gute Mütter sein können.
Ach wie schön! Endlich mal ein Dogma-freier Artikel zu diesem Thema.
Endlich mal ein Artikel über Mütter, der nicht immer gleich klingt. Ich persönlich finde Ihre Sichtweise, Frau Lau, sehr gut.
Dieses ganze "Kinder in den Mittelpunkt", "Gecoache" und "Eltern als Dauerspielzeug für die Kinder" erzielt nämlich nur eine Wirkung: Eine Generation von fantasielosen, unselbstständigen, verwöhnten Nichtskönnern.
Wenn man nämlich alles für die Kinder macht, kommt es am Ende soweit, dass das eigene Kind zwar schon studiert/arbeitet, aber immer noch die Eltern anruft um das Fahrrad reparieren zu lassen oder Versicherung, Steuern und so weiter abzuklären.
Aber dieser Effekt wurde auch schon mal in einem Artikel über "Helikopter-Eltern" hier in der ZEIT beschrieben.
vor allem auch fuer die Kinder wichtig.
Sowohl die ueberbehueteten Kinder als auch die alleingelsassenen haben es nach meiner Erfahrung schwer im Leben.
Liebe Frau Lau,
auch ich finde mich in diesem Artikel wieder, in allen Müttertypen, die sie beschrieben haben, von der 68er Mutter bis zur Glucke.
Auch unsere vier Kinder sind großartige Erwachsene geworden, mit denen man gerne zusammen ist.
Es geht sich um das Glücklichsein als Mutter, das ist das Geheimnis. Ich denke nicht, dass die Kinder erwarten, dass man "die perfekte Mutter" ist, sondern einfach nur ein Mensch mit Ecken, Kanten und auch Fehlern - aber auch mit eigenem Beruf, mit eigenem Streß, mit einem eigenen Leben - solange man denn für sie da ist, wenn das Leben hart und teuer wird. Kommt aber nicht so oft vor, wie befürchtet.
Sicher, wenn man Teenager im Haus hat, zweifelt man an den eigenen Erziehungsmethoden. Sobald sich die Teenager aber in Erwachsene verwandelt haben, sieht man, dass man das Rollenmodell ist.
Mein Mann und ich sind nun seit etwas über einem Jahr ohne Kinder, und es wäre sicherlich eine andere Situation, wenn wir nicht die Partnerschaft neben der Elternschaft gepflegt hätten. So genießen wir unsere Zeit miteinander, und ja - verliebt sind wir nach Jahrzehnten der Kindererziehung auch noch.
Danke für den freien Blick,
und die kritische Distanz zum Erbe der 68er.
Mal am Rande gefragt -
sind die Koalitionäre in Stuttgart eigentlich auf der Höhe der Zeit (mit dem hier angeführten "Modell" innerfamiliärer Beziehungen),
oder wird da jetzt "Staat gemacht" von verbohrten Altachtundsechzigern samt ihrer Epigonen?
Bei der "jiddische Mame" habe ich zum ersten Mal verdutzt auf meinen Monitor geglotzt...
habe daraufhin einige Zeilel übersprungen und beim "Schlaf-Nazi«" da war es dann für mich vorbei mit dem höchst-interessanten Thema.
Aber doch schön, dass der Artikel so vielen Menschen gefällt.
Die "jiddische Mutter" stammt aus dem wunderbaren Buch "Anleitung zum Unglücklich sein", von Paul Watzlawick. Der schreibt zu dem Begriff:
"Zur Vermeidung von Mißverständnissen sei hier des Autor [des zitierten Buches, Dan Greenburg] einleitende Feststellung zitiert, wonach "eine judische Mutter weder jüdisch noch Mutter zu sein braucht. Auch eine irische Kellnerin oder ein italienischer Friseur kann eine jüdische Mutter sein."
mit reflexhaften abwehrreaktionen auf bestimmte schlagworte kann man es sich auch einfach machen. besser gesagt mit vorurteilen.
der artikel gefällt mir auch. und es ist nichts dabei, klischees als humorvolles rhetorisches stilmittel zu verwenden.
Die "jiddische Mutter" stammt aus dem wunderbaren Buch "Anleitung zum Unglücklich sein", von Paul Watzlawick. Der schreibt zu dem Begriff:
"Zur Vermeidung von Mißverständnissen sei hier des Autor [des zitierten Buches, Dan Greenburg] einleitende Feststellung zitiert, wonach "eine judische Mutter weder jüdisch noch Mutter zu sein braucht. Auch eine irische Kellnerin oder ein italienischer Friseur kann eine jüdische Mutter sein."
mit reflexhaften abwehrreaktionen auf bestimmte schlagworte kann man es sich auch einfach machen. besser gesagt mit vorurteilen.
der artikel gefällt mir auch. und es ist nichts dabei, klischees als humorvolles rhetorisches stilmittel zu verwenden.
Ist eine Mutter wirklich glücklich, spürt das zweifellos auch das Kind und kommt ihm zugute, daher sind "Auszeiten vom Kind" nicht nur für eine Mutter mit Sicherheit manchmal sinnvoll. Wie oft man als Mutter mal nur Zeit für sich bzw. für den Partner oder Freunde braucht, ist individuell sicherlich ganz verschieden. Ein schlechtes Gewissen braucht man, so glaube ich, bei der ein oder anderen Auszeit nicht zu haben, solange man sich in der Zeit zusammen dann umso intensiver und liebevoller mit dem Kind beschäftigt.
Nur eines kann meiner Meinung nach fatale Folgen haben: Sich als Mutter, sobald die Tochter ein entsprechendes Alter erreicht hat, ihre Kleidungsstücke zu borgen, Teile ihres Wortschatzes zu übernehmen, den gleichen Musik- und/oder Seriengeschmack zu entwickeln, über die Probleme mit neuen Männern bei ihr auszuweinen o.ä. Jugendliche brauchen emotional-stabile Vorbilder, die ihnen Fleiß und Vernunft vorleben, natürlich immer ein offenes Ohr für ihre Kinder haben, Interesse an ihnen zeigen, bedingungslos an sie glauben und sich jederzeit für sie einsetzen würden und keine selbst desorientierten, labilen Freunde als Eltern, die sich auch noch ihre sich erst ausbildende, noch instabile Teile ihrer Identität zu eigen machen in einer Phase, in der man sich als Jugendliche/r naturgemäß eigentlich nichts mehr wünscht, als anders als die Eltern zu sein.
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