Ich habe drei Töchter. 10, 11 und 13 Jahre alt. Wenn ich sie morgens aus dem Haus rasen sehe mit ihren Chucks und ihrem Gekicher, dann finde ich sie eigentlich ziemlich gut gelungen. Trotzdem verfolgt mich seit 13 Jahren, in wechselnder Gestalt und Dringlichkeit, eine Frage oft bis in den Schlaf: Bin ich eine gute Mutter ?

Was ich mir darunter vorstelle, hat sich im Laufe der Jahre verblüffend verändert. Würde ich heute Mama Lau von 1997 begegnen, dem Jahr, in dem unsere erste Tochter Emily geboren wurde, hätte ich wohl das Gefühl, dass diese Frau nicht ganz sauber tickt.

Ich war so eine Art »jiddische Mame«, überbehütend und 150-prozentig im Muttersein aufgehend. Ich habe sogar gestrickt! Eine Kreuzberger Hebamme hatte uns eingeredet, Dezember-Kinder litten an Unterkühlung, wenn man sie nicht in drei Lagen Wolle plus Plumeau hülle. Emily muss gedacht haben, wir wollten sie dünsten. Man durfte weder Vollkornbrot noch Spinat und Joghurt essen, weil all dies »das Baby blähen« könnte. Die Hebamme war Muttermilch-Fanatikerin. Muttermilch sollte das Kind nicht nur ernähren, sondern auch Entzündungen heilen, die Haut pflegen und zum Einschlafen aufs Kissen geträufelt werden. Nur dass ich meine Fenster mit Muttermilch geputzt hätte, fehlte zum totalen Irrsinn. Gestillt wurde nach Bedarf, also praktisch immer. Wenn Emily in ihrer Wiege weinte, setzte ich mich stundenlang daneben und sang Guten Abend, gut Nacht, auch wenn Freunde zu Besuch waren, die sich fragten, was nur aus der Mariam geworden war, die sie mal gekannt hatten.

Anders gesagt: Ich hatte Angst. Ich wusste nicht, wie es geht. Nur eines wusste ich ganz sicher: Ich wollte um keinen Preis eine Achtundsechziger-Mutter werden. Darunter verstand ich eine Frau, die in erster Linie an ihre Selbstverwirklichung denkt. Die nicht stillt, weil es den Busen ruiniert und einen zum Sklaven des Säuglings macht. Die Tiefkühlkost liebt und Babysitter oder Tragetaschen, in denen man das Kindchen überall mit hinschleppt. Achtundsechziger, so dachte ich in dieser Renegaten-Phase, hielten die Kleinfamilie aus Vater, Mutter, Kind für die Keimzelle des Faschismus. Biologie war Faschismus. Dass Frauen und nur Frauen Kinder bekommen können, dass es da eine spezielle Bindung gibt, die im günstigsten und gewöhnlichsten Fall etwas mit Glück zu tun hat – das alles ist bis heute in linken Kreisen ein schmutziges Geheimnis. Das Zusammenleben mit ihren Kindern stellten sich die Bewohner der Kommune I als Großexperiment, als WG vor, in der Freunde mit Freunden lebten, nur dass eben manche Freunde noch gewickelt werden mussten. Damit hatte man sich auch der Verantwortung weitgehend entledigt: Wie komme ich dazu, einen Freund um acht ins Bett zu legen?

Ich dagegen wandelte mich zum »Schlaf-Nazi«, wie ich mich mit dem letzten Quäntchen Selbstironie nannte, das mir verblieben war: Das Kind sollte immer zur selben Zeit am selben Platz mit demselben Schlaflied verabschiedet werden. Ich hatte gelernt: Wer Babys nachts ständig hochnimmt oder hochgenommene, satte und gewickelte Babies ins eigene Bett legt, der hat mit Schlafstörungen nicht unter acht Jahren zu rechnen. Es handelt sich also um Selbstschutz, eine Trotzphase der Eltern, die ihre Rechte gegenüber dem Kind behaupten: Hey! Wir waren zuerst da!

Meine persönliche Trotzphase hatte nach einem halben Jahr »jiddische Mame« begonnen: Ich war am Ende, und mein Mann auch. Es gibt ein Foto von uns, aufgenommen an einem Julimorgen um vier Uhr in der Küche. Wir sehen aus, als hätten wir versucht, Der Schrei von Edvard Munch nachzustellen. Fünf Wochen später wurde ich wieder schwanger.

Damals dämmerte mir so langsam, was ich heute weiß: Eine gute Mutter ist eine einigermaßen glückliche Mutter . Damit meine ich nicht permanenten Dauerfrohsinn. Ohne gelegentliche Migräne, Depression, Muffigkeit und Midlife-Crisis wäre man keine ernst zu nehmende Person, die wählen gehen und Mietwagen ausleihen darf. Nur kann es eben nicht sein, dass sich alles nur um Kinder dreht. Die haben übrigens auch nicht wirklich was von einer Mutter, die auf sie angewiesen ist für ihr Seelenheil wie Mutter Livia aus der Mafia-Serie The Sopranos, die immer seufzt: »Ich hab euch mein Leben auf einem Silbertablett serviert« – und ein paar Killer auf ihren Sohn Tony ansetzt.

Eine erwachsene Frau braucht die Gesellschaft anderer Erwachsener. Sehr schön ist ein Mann. Die Funktion können auch Freundinnen, Saunabesuche, Lippenstift, Cocktails, Priester, Parteifreunde übernehmen. Hauptsache, es gibt Momente, in denen die Kinder nichts verloren haben. Sie sollen dann bitte WEGGEHEN und woanders spielen. Mein Lieblings-Erziehungsberater ist Christie Mellors The Three Martini Playdate . Er enthält Kapitel wie »Kinderarbeit: Nicht nur gut für die Dritte Welt!« und »Schlafengehen: Ist 17.30 Uhr zu früh?« und fordert alle Eltern auf, sich ihr Leben zurückzuholen. Es sei kein Problem, schon kleinen Kindern beizubringen, wie man ein höfliches Gespräch mit einem Erwachsenen führt, einen köstlichen Martini für die Großen mixt und sich dann zurückzieht. »Die Kinder«, schreibt Mellor, »leben in eurem Haus, essen euer Essen, beanspruchen eure Zeit und eure Bücher. Diese einfachen Fakten haben wir vergessen.« Wann hat es angefangen, dass man ganze Nachmittage damit verbringt, die Kinder zu bespaßen und herumzukutschieren, sich ihren Launen zu fügen und den Nachmittag mit langweiligen Leuten zu verbringen, nur weil sie die Eltern von Rosita sind? »Ihr habt das Recht auf ein bisschen Zeit für euch selbst.«

Es geht nicht um den schuldbewusst herausgeschlagenen Moment, in dem man kurz die Schlagzeilen überfliegt und sich dabei die Lippen an der heißen Tasse Kaffee verbrennt. Nein, »es ist Zeit, die Eiswürfel vorzuwärmen, sich auf die Couch zu fläzen und den kleinen Spencer in sein Zimmer zu schicken. Mama und Papa brauchen eine Pause.«

Und da kommen wir zu einem heiklen Kapitel. Die Frage: Wen liebst du mehr, deinen Mann oder deine Kinder – mag für die meisten von uns idiotisch klingen, schließlich stehen wir meistens nicht vor einem brennenden Haus und müssen entscheiden, wen wir retten wollen. Aber ein Sturm der Entrüstung brach kürzlich über die amerikanische Autorin Ayelet Waldman herein, als sie in der New York Times beschrieb, wie sie in Müttergruppen ständig auf die gleiche Situation traf: »Innerhalb von drei Minuten ging es darum, wie oft Mami sich verpflichtet fühlt, Sex zu haben. Jeder will sich versichern, dass auch die anderen es möglichst selten tun.« Der Grund dafür ist, dass sich die Leidenschaft der Frau auf ihre Kinder verlagert hat. »Nur bei mir«, schreibt Waldman, »war es anders. Ich liebe meinen Mann mehr als meine Kinder. Wenn ich ihn ansehe, fühle ich dieselben Sehnsuchtsattacken wie damals vor zwölf Jahren, als ich ihn das erste Mal sah.« Sie fragt sich natürlich, wie sich auch ihre Leserinnen fragten, was wohl ihre vier Kinder bei der Lektüre des Artikels empfinden werden. Zumal, wenn sie schreibt, dass der Tod eines dieser Kinder sie entsetzen würde, aber irgendwie verkraftbar wäre, denn sie hat ja noch drei andere; der Tod ihres Mannes aber könnte sie völlig vernichten. Wie will sie diese Passage ihren Kindern erklären? »Ich würde ihnen sagen, dass ich ihnen eine Liebe wünsche wie die, die ich für ihren Vater empfinde.«