Als Osama bin Laden in den siebziger Jahren mit seinem Bruder durch Schweden kurvte, blieb kein Auge trocken. Die reichen Araber, so wird berichtet, hatten Geld wie Heu und fielen überall auf. Ihre Dior-Hemden warfen sie nach einmaligem Gebrauch in den Mülleimer oder verschenkten sie an die Zimmermädchen.

Osama bin Laden, das wird oft vergessen, war der Sohn eines reichen saudischen Bauunternehmers, und er kannte sich aus mit dem American Way of Life. Während seines Studiums in Beirut führte er sich auf wie ein Mitglied der hedonistischen Internationale, und mit seinem kanariengelben Mercedes SL war er bekannt wie ein bunter Hund. Doch dann, nach der Rückkehr in seine Heimat, erinnert sich bin Laden plötzlich an seinen Koranunterricht und gerät unter den Einfluss radikaler Islamisten. Aus dem aufstrebenden Mitglied der saudischen Business-Class wird innerhalb kurzer Zeit ein militanter Gotteskrieger. Als im Dezember 1979 sowjetische Truppen in Afghanistan einmarschieren, kämpft Osama bin Laden – unterstützt von der CIA – mit 20.000 Mudschahedin gegen die Rote Armee. Im Jahr 1991 erklärt er den USA den Heiligen Krieg, zehn Jahre später kommandiert er den Anschlag auf das World Trade Center in New York. Osama bin Laden ist der Weltfeind.

Ein »Wiedergänger des Mittelalters«, ein »Bote der Finsternis«, das »Böse schlechthin« – so haben die westlichen Leitbeobachter den Massenmörder immer wieder beschrieben. Und doch ist diese Deutung nicht hilfreich. Denn wer Osama bin Laden zum archaischen Finsterling erklärt, der verkennt, dass der Fundamentalismus trotz seiner religiösen Sprache ein durch und durch modernes Phänomen ist. Das Teuflische an bin Laden lag gerade darin, dass er die Spielregeln der modernen Gesellschaft und ihrer Medienindustrie perfekt beherrschte. Er war unheimlich, weil er die Moderne nur zu genau kannte, weil er mit ihren kulturellen Fantasien und sozialen Verhältnissen vertraut war – und sie genau deshalb zugrunde richten wollte.

Aus diesem Grund sollte man sich von der Inszenierung seiner Droh- und Lockbotschaften nicht täuschen lassen. In seinen Videos schmückte sich bin Laden mit allen Insignien der Gegenmoderne, er trat auf als Prophet und Inhaber der Weltweisheit , er zelebrierte in seiner locker sitzenden Tunika Sanftmut und Güte – wenngleich die mörderische Sanftmut des Herrenmenschen, der wissen lässt, dass er jederzeit auch anders kann. Seine geschmeidigen Gesten und die sonore Modulation der Stimme, das vornehme Hocharabisch, überhaupt die Prätention von Demut und Bescheidenheit – all das war kalkulierte Anmut, eine demonstrative Gegeninszenierung zum waffenstarrenden Westen und zur martialischen »mission accomplished«- Rhetorik des kriegführenden US-Präsidenten George W. Bush.

In solchen Videos konnte man die Mixtur der fundamentalistischen Droge gut studieren, ihr demagogisches Schema. Der islamistische Killer denunzierte den Diskurs der westlichen Werte, indem er sie einfach auf den Kopf stellte. Auf bin Ladens Lippen verwandelte sich die liberale Freiheit in »gottlose Dekadenz« und die Demokratie in eine Tyrannei. Aus God’s Own Country Amerika wurde in seinem Munde der »Große Satan« und aus den Menschenrechten ein universeller Betrug. Er beklagte das Elend der Armen und Ausgebeuteten, der Hungerleider und Opfer der »amerikanischen Weltherrschaft«. So gab es in der »Leere der westlichen Kultur« immer nur einen Erlöser – nämlich Osama bin Laden, der das Leiden der sinnsuchenden Seele scheinbar besser kannte als diese sich selbst.

Mit einem Wort: Bin Laden war nicht deshalb modern, weil er Satellitentelefone benutzte, verschlüsselte Webseiten – das ganze Arsenal der elektronischen Kommunikation und Waffentechnologie. Er war modern, weil seine Botschaften sich komplementär verhielten zum Kernbestand der westlichen Überzeugungen, zu den stolzen Pathosformeln von Demokratie und Markt, zu Recht und Freiheit. Bin Laden inszenierte sich als Gegenfigur zur Moderne und spielte doch mit diabolischem Geschick auf der Klaviatur ihrer Wünsche und Selbstzweifel. Seine Verheißung hieß »Ordnung statt Chaos«, er versprach Heil statt Unsicherheit und Wahrheit statt Relativismus.

Wer sich daran erinnert, dass bin Laden von Muhammad Qutb ideologisch geprägt wurde, den wird sein moderner Antimodernismus nicht überraschen. Muhammad war nämlich der Bruder von Said Qutb, dem von Gamal Abdel Nasser 1966 hingerichteten intellektuellen Ziehvater des islamischen Fundamentalismus. Zwar war Muhammad gemäßigter als sein Bruder, aber er teilte dessen Grundüberzeugung von der Verworfenheit des Liberalismus und dessen spiritueller Verarmung. »Die Seele hat für Amerikaner keinen Wert.«