Einer dieser toll sonnigen Tage im April. Er tritt aus dem Haus in Berlin-Wilmersdorf, in dem er seit vier Jahrzehnten wohnt. Erster Eindruck: sensationeller Mantel. Es ist ein schwarzer, matt changierender, in weiten Schößen bis zu den Knöcheln herabfallender Staubmantel.

Otto Sander: Er ist der mit dem roten Schnurrbart und den hellen Wimpern, groß geworden im Theater, bekannt geworden durch Film und Fernsehen. Spricht man in diesem Land von einem großen Schauspieler, dann meint man Otto Sander. Er wird am 30. Juni siebzig. In den letzten Jahren war immer auch von seiner Krebserkrankung die Rede. Die ist nun niedergerungen. »Machen Sie sich keine Sorgen, es ist alles in Ordnung«, verkündete er kürzlich.

Und nun dreht er wieder. Ein Auto wird ihn abholen und zum zwölften Drehtag an den Set chauffieren, gut eine Stunde vor Berlin, in das Dorf Blankensee bei Templin. In der Kinoproduktion Bis zum Horizont und dann links (Regie: Bernd Böhlich) gibt Sander einen Rentner, der die Bewohner eines Altersheims, besetzt mit einem All-Star-Team in Würde gealterter Schauspieler (Herbert Feuerstein, Ralf Wolter, Herbert Köfer, Angelica Domröse), dazu aufhetzt, gegen die Tristesse des geruhsamen Lebensabends zu rebellieren. Am Abend möchte Sander die Lulu- Premiere seines alten Freundes Robert Wilson im Berliner Ensemble besuchen. Aber das wird knapp, denn Drehtage enden selten pünktlich.

Dastehen, Hände in den Manteltaschen. Das Auto verspätet sich zwei Minuten. Er raucht erst mal eine. Es liegt in der Art, wie er dasteht und die Zigarette hält, eine tolle Ruhe, Konzentration, Gefasstheit. Da hat man gleich Lust, noch ein bisschen genauer hinzugucken. Und den Betrachter durchfährt es: Wie man von Menschen, die einfach nur dastehen, schon gequält war, weil es ein absichtsvolles, bedeutungsheischendes Dastehen war! Er macht es anders. Er steht einfach nur da. Dastehen, denkt der Mensch, Otto Sander betrachtend, kann nicht jeder.

Der Schauspieler macht mit ein, zwei Blicken klar, dass er am heutigen Drehtag nicht einen Satz zu viel sagen wird. Wir wollen auch nicht viel von ihm, wir wollen ihm nur ein wenig bei der Arbeit zugucken und dabei unsererseits möglichst keine großen Sätze denken (was nicht einfach wird, da dieser Schauspieler das Große-Sätze-Denken ja unentwegt in seinem Betrachter auslöst). Kann man ihn, den großen Sander, nach seinem Mantel fragen?

Der Schauspieler spricht: Den Mantel hat ihm der Modemacher Yohji Yamamoto vor zwanzig Jahren bei einer Prêt-à-porter-Schau in Paris geschenkt, bei der Sander als Model gelaufen war. Ein Einzelstück. Die Otto-Sander-Stimme, bekannt durch Lesungen und Hörbücher: wunderbar müde, matt, warm, weich, singend. Des Schauspielers Ding ist es natürlich, dass er immer ein bisschen zu leise spricht, damit man ihm noch lieber zuhört. Der Betrachter bemerkt, dass im Mantel vorne Brandlöcher sind und an der Leiste Knöpfe fehlen, was dem Kleidungsstück natürlich noch mehr Wert, Geschichte, Aura gibt. Otto holt zwei Knöpfe aus den Manteltaschen hervor: »Die Frauen in der Garderobe haben mir versprochen, dass sie mir die heute annähen. Wollen mal sehen.« Das berühmte lakonische Lächeln des Schauspielers. Was passiert da noch mal genau, wenn ein Mensch lakonisch ist? Die Lakonie Otto Sanders besteht in einer treffenden Kürze des Ausdrucks; sie geht davon aus, dass die wirklich wichtigen Dinge zwar zu benennen, aber nicht zu erklären sind.