Vergangene Woche hat auf diesen Seiten Naci Özkan geschrieben , ein ehemaliger Gastarbeiter, der seit 44 Jahren in Deutschland lebt. Es war eine Premiere: Zum ersten Mal hat sich ein Türke ohne akademische Ausbildung an dieser Stelle in der ZEIT geäußert. Eigentlich ein schöner Moment – ein Einwanderer, der sich an der gesellschaftlichen Diskussion beteiligt.

Leider gab das, was Naci Özkan zu sagen hatte, keinen Anlass zur Freude. Denn der 68-Jährige erklärte in dieser Zeitung seinen Austritt aus der SPD, deren Mitglied er 36 Jahre lang gewesen ist. Der Grund: Thilo Sarrazin, genauer: die Entscheidung der SPD, den Bestsellerautor und ehemaligen Berliner Finanzsenator nun doch nicht aus der Partei auszuschließen. Viele andere türkischstämmige SPD-Mitglieder kündigten ebenfalls ihren Austritt an, türkische Zeitungen zitierten enttäuschte Funktionäre und Wähler, die nie wieder der SPD ihre Stimme geben wollen.

Man kann diese Reaktion durchaus menschlich finden. Nur wird sie dadurch nicht richtiger. Im Gegenteil: Es ist die denkbar falscheste Reaktion. Warum austreten? Wieso nicht eintreten? Gerade jetzt, nicht trotz Thilo Sarrazin – sondern seinetwegen.

Ja – Thilo Sarrazin und all jene, die ihm Beifall spenden, haben Menschen verletzt. Und ja – Sätze wie: »Auch im besten Bildungssystem wird die angeborene Ungleichheit der Menschen durch Bildung nicht verringert, sondern eher akzentuiert«, stehen schwarz auf weiß in Sarrazins Buch Deutschland schafft sich ab. Solche Sätze bedeuten: Der Mensch kann nicht aufsteigen – er ist zu Recht da, wo er ist, entweder »unten« oder eben von Anfang an »oben«. Jeder kann diese Sätze nachlesen, viele finden sie richtig.

Und nun? Ab in die Schmollecke, weil die deutsche Mehrheitsgesellschaft so gemein ist? Schon die doppelte Staatsbürgerschaft haben sie uns verwehrt – böse Deutsche! Unsere Verwandten müssen für jeden Besuch in Deutschland um ein Visum betteln – wie furchtbar! Unsere Kinder sind schlechter in der Schule, machen immer noch zu selten Abitur, klauen und prügeln sich häufiger als deutsche Kinder – was haben wir es schwer! Und wir werden trotz guter Qualifikation nie zu Bewerbungsgesprächen eingeladen, und wenn, dann kriegt am Ende doch der weiße Mittelschichtsdeutsche den Job – das ist nicht fair!

Ist es auch nicht. Das sind ernste Probleme, die die Gesellschaft entzweien. Aber sie werden nicht abnehmen, wenn man sich nicht an ihrer Lösung beteiligt. Wenn man beleidigt davonzieht. Das Einzige, was sich dadurch verfestigt, ist die Opfermentalität.

Damit kein Missverständnis entsteht: Die Wut vieler Migranten über den Verlauf der Sarrazin-Debatte ist verständlich. Nur: Warum sie so ungenutzt verpuffen lassen? Warum die Hoheit über die Debatte anderen überlassen? Viel effektiver wäre es doch, diese Energie in die richtigen Bahnen zu lenken. Als aktives Mitglied einer Partei, eines Vereins oder eines Verbands (und es müssen bitte nicht immer bloß Migrantenverbände sein) mitdenken, zu Diskussionsveranstaltungen gehen, selbst welche organisieren, für seine Sache streiten. Vielleicht sogar mit jemandem wie Thilo Sarrazin. Man könnte ihn ja einfach mal einladen. So wie »Aufbruch Neukölln«, ein Selbsthilfeverein für türkische Männer in Berlin. Leider kam Sarrazin der Einladung nicht nach.

Man könnte sich beispielsweise, viele tun das bereits, auch für andere einsetzen. Wie steht es eigentlich um die Solidarität erfolgreicher Migranten? Meist ziehen sie in einen schöneren Stadtteil mit weniger Ausländern und besseren Schulen. Wer es geschafft hat, könnte doch einmal im Monat in seinen alten Stadtteil zurückkehren und mit den Jungs und Mädels auf den Bolzplatz gehen, bei den Hausaufgaben helfen, selbst einen Verein gründen.

Oder in die SPD eintreten (oder in eine andere Partei) und dabei helfen, eine Integrationspolitik für das 21. Jahrhundert zu machen. Vielleicht könnte eine Migrantenquote, wie sie die SPD gerade gefordert hat , tatsächlich eine (Übergangs-)Lösung sein, denn gegen eine in vielen Jahren gewachsene Hausmacht von deutschen Parteifreunden kommt der beste qualifizierte Migrant nicht an. In keiner Partei. Nur: Warum kommt der Vorschlag ausgerechnet jetzt? Man wird den Verdacht nicht los, die SPD wolle den wegen Sarrazin vergrätzten Türken zum Trost ein Bonbon zustecken.

Auch darüber ließe sich ja streiten. Wie über die Quote selbst, über ihre Vorzüge und die Neigung der Parteiführung zum gnädigen Paternalismus. Aber der Streit muss in den Parteien geführt werden, dort, wo sich etwas verändern lässt. Abseits zu stehen ist keine Alternative.