ZEITmagazin: Herr Meine, was hat Sie eigentlich zur Musik gebracht?

Klaus Meine: Es war der Sound der Beatles Anfang der Sechziger, Songs wie Please Please Me oder Love Me Do. Das hat einen Nerv getroffen.

ZEITmagazin: Was hat diese Musik in Ihnen ausgelöst?

Meine: Die Beatles haben die Tür zu einem neuen Universum aufgemacht. Für mich als Fünfzehnjährigen bedeutete es, zusammen mit Freunden Musik machen. Der Weg führte dann direkt in die Übungskeller.

ZEITmagazin: Wie haben Ihre Eltern darauf reagiert?

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Meine: Als ich ernsthafte Ambitionen zeigte, fand mein Vater, der selbst an den Wochenenden Hausmusik machte, das sei zwar sehr schön, er hatte aber gehofft, dass sein Sohn die Lehre zum Dekorateur abschließen würde. Seine Sorge war, dass ich auf Abwege gerate.

ZEITmagazin: Und was tat er, als Sie von der Musik nicht lassen wollten?

Meine: Er hat meine einfache Akustikgitarre, sagen wir mal, aus dem Verkehr gezogen.

ZEITmagazin: Und? Haben Sie ihm dann gesagt, gib mir die Gitarre wieder?

Meine: Ja! Es gab sogar einen Moment, wo ich aus lauter Empörung und Protest nach Australien auswandern wollte. Mich hat nicht nur das Gitarrespielen fasziniert, es lag damals einfach Rebellion in der Luft, das zeigte sich auch an unserem Look, die Haare wurden länger.

ZEITmagazin: Aus der Rebellion wurde eine Erfolgsstory. Gab es auch Schattenseiten?

Meine: Sicher, Tragödie und Triumph liegen sehr eng beieinander. Die Schattenseite erlebte ich 1982, als ich meine Stimme voll getrasht hatte. Sie war einfach weg. Damals arbeiteten wir an dem Album Blackout, der Titel war sehr treffend. Richtig kritisch wurde es, als ich zwei Monate nach der ersten OP wieder unters Messer musste. Es sah für mich so aus, als wäre meine Karriere damit zu Ende.

ZEITmagazin: Wollten Sie aufgeben?

Meine: Ich habe Rudolf Schenker, unserem Gitarristen, damals gesagt, sucht euch einen neuen Sänger, weil ich wirklich nicht mehr dran geglaubt habe, diesen Berg noch einmal erklimmen zu können.

ZEITmagazin: Was hat Sie gerettet?

Meine: Meine Frau Gabi. Wenn sie mich nicht so unterstützt hätte in all den Jahren, und in dieser Situation besonders, wer weiß, ob wir dreißig Jahre später noch auf der Bühne stehen würden. Es wäre viel einfacher gewesen, zu sagen, du hast doch eine Superzeit gehabt. Sie aber bestärkte mich, mach weiter! Sie hat meinen Traum bedingungslos unterstützt. Diese Zeit zu überstehen war ein unvorstellbarer mentaler Kraftakt, ich habe bei Konzerten den Sängern zugeschaut und mir gesagt, genau das hast du auch einmal gemacht. Ich hatte damit eigentlich abgeschlossen. Okay, das Leben geht weiter, aber wenn man seinen Traum leben durfte, gibt es dafür keine wirklichen Alternativen.

ZEITmagazin: Und Ihre Band?

Meine: Rudolf wollte mich nicht gehen lassen. Die Reaktion war einmalig: »Egal, was auch passiert, wir warten auf dich.« Ich musste also Wege suchen, wie ich diese Krise überwinde. Das war ein wahrer Akt der Freundschaft, die bis heute gehalten hat. Das habe ich auch bis heute nicht vergessen.

ZEITmagazin: Was hat letztlich die Band dazu bewogen, jetzt auf Welttournee zu gehen und endgültig Farewell zu sagen?

Meine: Für eine Hardrockband, die auf die Bühne geht und Bad Boys Running Wild singt, haben wir das Limit erreicht. Wir wollen nicht eines Tages als Karikatur unterwegs sein, bis die Fans sagen: Was war das mal für eine geile Band, aber warum tun die sich das noch an? Der Augenblick ist gekommen, langsam in die Zielgerade einzubiegen, solange dieser Hurrikan noch ein Hurrikan ist und nicht irgendwann zum Tropical Storm heruntergestuft wird.

ZEITmagazin: Auf Ihrem aktuellen Album lautet ein Song »The Best Is Yet to Come«.

Meine: Ja, gerade dieser Titel kommt auf dieser Tour extrem gut an. Jeder versteht, was wir damit sagen wollen. Wir werden, wenn wir nach so vielen Jahren dieses letzte Kapitel der Scorpions irgendwann beenden werden, eine neue Seite im Buch des Lebens aufschlagen, es wird neue Herausforderungen geben, und diesen sehen wir freudig entgegen.

ZEITmagazin: Kurz vor der Zielgeraden, im Rückblick betrachtet, wie sehen Ihre Eltern heute Ihre damalige Rebellion?

Meine: Viele Jahre später, als wir in New York im Madison Square Garden zwei ausverkaufte Shows gespielt haben, haben Matthias Jabs, unser Leadgitarrist, und ich unsere Eltern einfliegen lassen. Wir wollten sie teilhaben lassen an diesem ganz besonderen Moment. Und mein Vater war sehr, sehr glücklich, dass aus seinem Sohn doch noch etwas geworden ist.