Atomausstieg Boden gutgemacht
Das Ende der Kernkraft ermöglicht die Renaissance der sächsischen Braunkohle – dabei reißen alte Gräben wieder auf.
Es geht um viel Kohle. Frank-Udo Lohmann, Pfarrer von Pödelwitz, steht in seinem Dorf und sagt: »Die Verunsicherung ist groß.« Pödelwitz ist ein Kleinod südlich von Leipzig: schmale Straßen, weiß getünchte Fachwerkhäuser. Alle zwei Stunden hält der Bus. Auf einem Hügel steht Lohmanns sandgelbes Gotteshaus aus dem 13. Jahrhundert. Die Frage ist, wie lange noch? Denn nur drei Kilometer von Pödelwitz entfernt, weiter im Süden, liegt der Ort Heuersdorf wie ein mahnendes Beispiel. Oder besser: lag. Heuersdorf musste dem Braunkohletagebau weichen. Es ist die Siedlung, deren Kirche vor vier Jahren auf einen Schwerlasttransporter verladen wurde, im Ganzen. Die Kirche steht heute etwa sieben Kilometer weiter in Borna.
Wird auch Pödelwitz ein ähnliches Schicksal ereilen? Das Abbaufeld Peres, Teil des Großtagebaus Vereinigtes Schleenhain, grenzt ans Dorf. 17 Millionen Tonnen Rohkohle, schätzen Experten, liegen unter den Häusern der 136 Einwohner. Die Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft Mibrag spricht zwar nicht öffentlich über ihre Pläne, hat aber unlängst die Pödelwitzer befragen lassen: Was würden Sie tun, im Falle des Falles? Presseanfragen indes werden mit »einem freundlichen Glückauf« abgelehnt. Niemand soll nervös werden. Der Pfarrer zürnt, weil die Firma nichts sagt.
Selten hatte die Mibrag so gute Argumente für die Akzeptanz der Kohle und den Rückbau eines Dorfes. Denn Deutschland wird in absehbarer Zeit aus der Atomkraft aussteigen. Noch gelten erneuerbare Ressourcen dabei nur begrenzt als Alternative: Denn sie liefern nicht konstant die notwendige Menge Strom. Es kann passieren, dass der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint. Kohle aber brennt immer.
Die Sicht vieler Menschen auf die Kohle hat sich deshalb, zwei Monate nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima, grundlegend verändert. Die Furcht vor der Kernkraft, sie ist derzeit größer als die Sorge um kleine Dörfer. Und sogar größer als die Angst vor der Erderwärmung. Kohle fördern und verbrennen, dadurch Strom erzeugen. Löcher in Landschaften reißen, Orte abtragen für die Energieversorgung der Menschen: Das klingt nach Ideen von vorgestern. Doch sind nun die Menschen wieder bereit, auf fossile Energieträger zu setzen.
Sachsens CDU verkauft den Atomausstieg als regionalen Vorteil
Die Zahl der Befürworter des Kohleabbaus, so das Ergebnis einer aktuellen Studie des Leipziger Instituts für Marktforschung, hat sich in Ostdeutschland seit dem Unglück von Fukushima verdreifacht, ihr Anteil liegt nun bei 30 Prozent; Tendenz: steigend. Schon wittert Sachsens Staatsregierung, seit jeher eher braunkohlefreundlich, ihre Chance: Braunkohle, teilte Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) unlängst mit, sei nun eine wichtige Überbrückungstechnologie. »Die genehmigten Tagebaue«, sagte er, »bilden das Rückgrat der deutschen Energieversorgung.«
Das Rückgrat der deutschen Energieversorgung, darunter soll man wohl Sachsen verstehen. Zwei der wichtigsten Lagerstätten Deutschlands befinden sich zu großen Teilen auf dem Gebiet des Freistaats; das Lausitzer Revier an der Grenze zu Brandenburg und das Mitteldeutsche Revier, zu dem auch die Tagebaue im Leipziger Süden gehören. Die DDR war bis Ende der achtziger Jahre größter Braunkohle-Verstromer der Welt. Noch heute werden 80 Prozent des sächsischen Stroms aus Braunkohle gewonnen. Knapp die Hälfte der 169 Millionen Tonnen, die im Jahr 2009 deutschlandweit von dem Rohstoff gefördert wurden, stammt aus den Revieren der Lausitz und Mitteldeutschlands.
Während Politiker in Berlin die energiepolitische Wende propagieren, interpretieren das ihre Kollegen in Dresden auf ihre ganz eigene Weise. Sachsens Regierungspartei CDU fordert auch einen Wandel. Aber nicht nur etwa hin zur Solarenergie, sondern vor allem auch zurück zur Kohle. Beim Ausstieg aus der Atomenergie, sagt Ministerpräsident Tillich, gehe es nicht nur »um den Neubau von Windrädern«. »Auf Basis der Braunkohle«, erklärt er, »kann am günstigsten Strom erzeugt werden.« Und Michael Kretschmer, Generalsekretär der sächsischen Union, erklärte unlängst in einem Interview: »Unsere Braunkohle wird unverzichtbar.« Er könne sich gut vorstellen, künftig etwa Nordbayern mit sächsischem Braunkohlestrom zu versorgen. In ganz Deutschland ringt die CDU mit dem Atomausstieg. In Sachsen schafft sie es, ihn als regionalen Vorteil zu verkaufen.
Klimafreundliche Technik ist erst in vielen Jahren verfügbar
Tillich legt dabei nahe, Braunkohle sei längst keine Umweltsauerei mehr. »Es gibt bereits heute gute Möglichkeiten, sauberen Strom aus Braunkohle zu erzeugen«, sagt er. Man müsse saubere Umwelttechnik entwickeln, die Deutschland in Länder wie China und Indien exportieren könne.
Kohlebefürworter wie Kretschmer und Tillich werben dabei besonders für ein Verfahren: »Carbon Capture and Storage«, kurz CCS, eine Technik zur Abtrennung und unterirdischen Speicherung von CO₂. Das Treibhausgas wird gefiltert, im Erdreich gelagert, gelangt nicht mehr in die Atmosphäre. »CCS«, sagt Dominik Möst, Professor für Energiewirtschaft an der TU Dresden, »kann wichtig sein, um die CO₂-Emissionen zu mindern. Aber das geht nicht von jetzt auf gleich. Die Technik wird noch entwickelt, sie ist voraussichtlich nicht vor dem Jahr 2025 einsetzbar.« Bis heute sei zudem unklar, ob es in Sachsen überhaupt geeignete Lagerstätten für das Treibhausgas gebe. Möst glaubt ohnehin, dass mit der Braunkohle nicht kurzfristig ein Ausfall der Atomenergie kompensiert werden könne: »Kohleförderung ist dafür zu aufwendig«, sagt er. »Die Bergbauunternehmen müssten mit Planungsverbänden Braunkohlepläne aufstellen, zahlreiche Genehmigungen einholen.« Zudem liefen die Kraftwerke in Sachsen längst unter Volllast. »Das heißt«, sagt Möst, »sie können gegenwärtig gar nicht mehr Strom produzieren.«
Im Kraftwerk Lippendorf, etwa 15 Kilometer südlich von Leipzig, verfeuert der Konzern Vattenfall jährlich zehn Millionen Tonnen Braunkohle aus dem Tagebau Vereinigtes Schleenhain. »Bei der jetzigen Fördermenge«, sagt Peter Horler vom Sächsischen Oberbergamt in Freiberg, »würde die Kohle in Sachsen vermutlich noch 300 Jahre reichen.« Aber die Fördermenge, glaubt auch Horler, könne nicht einfach erhöht werden – »dafür müssten neue Kraftwerke gebaut werden. Dazu müssten Mibrag und Vattenfall erst mal investieren«.
CDU-Mann Kretschmer würde gerne einen neuen, modernen Kraftwerksblock im sächsischen Boxberg errichten lassen; doch könnten Jahre vergehen, ehe es so weit ist. Und kurzfristige Erhöhungen der Fördermenge versprechen nicht einmal die Konzerne. Es gehe ihnen, teilen Mibrag und Vattenfall mit, vorwiegend um die optimale Ausnutzung der aktuellen Förderstellen. Die Abbaggerung von Randgebieten wie Pödelwitz im Leipziger Südraum oder den Orten Schleife und Rohne in der Oberlausitz kann da durchaus inbegriffen sein.
»Umsiedlungen von Dörfern«, sagt hingegen Johannes Lichdi, energiepolitischer Sprecher der Grünen im Landtag, »sind Verbrechen.« Er fordert deshalb den Ausstieg aus beidem: Kernkraft und Kohle. »Ab wann wir auf erneuerbare Energien setzen«, meint Lichdi, »das ist eine Frage des politischen Willens.« Für klimaneutrale Kraftwerke gebe es keine Technik. »Braunkohle ist Dreck.« Zu DDR-Zeiten, sagt der Grüne, sei Kohleförderung begründbar gewesen. Heute sei sie ein Opfer, das die Gesellschaft nicht mehr bringen müsse.
In den Dörfern um die Tagebaue spitzen sich die Konflikte derweil zu. Schon gründen sich Bürgerinitiativen, protestiert Greenpeace gegen weitere Erschließungen. In Pödelwitz sind die Menschen gereizt, wenn man sie nach der Braunkohle fragt: Einwohner, die eben noch freundlich grüßten, suchen plötzlich das Weite, wenn die Sprache auf Umsiedlungen kommt. Man müsse sich, sagen sie, nur die Wunden anschauen, die der Tagebau in die Landschaft gerissen habe. Im 17. Jahrhundert begann im Leipziger Südraum die Braunkohleförderung. Mehr als drei Milliarden Tonnen sind gehoben worden, Bagger wühlten sich durch Dörfer und die Auenlandschaft – insgesamt 250 Quadratkilometer Land wurden dabei umgegraben.
Es ist eine Ironie, dass Leipzig diesem Umstand auch viel von seiner neuen Attraktivität verdankt: Bis 2050 sollen 17 Seen im Süden der Stadt entstanden sein, allesamt ausgebeutete Tagebau- Restlöcher, geflutet nach dem Kohle-Stopp. Schon heute baden Touristen im einstigen Tagebau Cospuden, der »Costa Cospuda«. Vielleicht wenden die Pödelwitzer den Rückbau ihres Ortes noch ab. Dass die Tagebau-Randlage sich eines Tages auszahlen und Pödelwitz vielleicht sogar zum Dorf am See machen könnte – das ist für die Bewohner nun wirklich kein Argument, das heute zählt.
- Datum 04.05.2011 - 11:27 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 5.5.2011 Nr. 19
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