Atomausstieg Boden gutgemachtSeite 2/2
Klimafreundliche Technik ist erst in vielen Jahren verfügbar
Tillich legt dabei nahe, Braunkohle sei längst keine Umweltsauerei mehr. »Es gibt bereits heute gute Möglichkeiten, sauberen Strom aus Braunkohle zu erzeugen«, sagt er. Man müsse saubere Umwelttechnik entwickeln, die Deutschland in Länder wie China und Indien exportieren könne.
Kohlebefürworter wie Kretschmer und Tillich werben dabei besonders für ein Verfahren: »Carbon Capture and Storage«, kurz CCS, eine Technik zur Abtrennung und unterirdischen Speicherung von CO₂. Das Treibhausgas wird gefiltert, im Erdreich gelagert, gelangt nicht mehr in die Atmosphäre. »CCS«, sagt Dominik Möst, Professor für Energiewirtschaft an der TU Dresden, »kann wichtig sein, um die CO₂-Emissionen zu mindern. Aber das geht nicht von jetzt auf gleich. Die Technik wird noch entwickelt, sie ist voraussichtlich nicht vor dem Jahr 2025 einsetzbar.« Bis heute sei zudem unklar, ob es in Sachsen überhaupt geeignete Lagerstätten für das Treibhausgas gebe. Möst glaubt ohnehin, dass mit der Braunkohle nicht kurzfristig ein Ausfall der Atomenergie kompensiert werden könne: »Kohleförderung ist dafür zu aufwendig«, sagt er. »Die Bergbauunternehmen müssten mit Planungsverbänden Braunkohlepläne aufstellen, zahlreiche Genehmigungen einholen.« Zudem liefen die Kraftwerke in Sachsen längst unter Volllast. »Das heißt«, sagt Möst, »sie können gegenwärtig gar nicht mehr Strom produzieren.«
Im Kraftwerk Lippendorf, etwa 15 Kilometer südlich von Leipzig, verfeuert der Konzern Vattenfall jährlich zehn Millionen Tonnen Braunkohle aus dem Tagebau Vereinigtes Schleenhain. »Bei der jetzigen Fördermenge«, sagt Peter Horler vom Sächsischen Oberbergamt in Freiberg, »würde die Kohle in Sachsen vermutlich noch 300 Jahre reichen.« Aber die Fördermenge, glaubt auch Horler, könne nicht einfach erhöht werden – »dafür müssten neue Kraftwerke gebaut werden. Dazu müssten Mibrag und Vattenfall erst mal investieren«.
CDU-Mann Kretschmer würde gerne einen neuen, modernen Kraftwerksblock im sächsischen Boxberg errichten lassen; doch könnten Jahre vergehen, ehe es so weit ist. Und kurzfristige Erhöhungen der Fördermenge versprechen nicht einmal die Konzerne. Es gehe ihnen, teilen Mibrag und Vattenfall mit, vorwiegend um die optimale Ausnutzung der aktuellen Förderstellen. Die Abbaggerung von Randgebieten wie Pödelwitz im Leipziger Südraum oder den Orten Schleife und Rohne in der Oberlausitz kann da durchaus inbegriffen sein.
»Umsiedlungen von Dörfern«, sagt hingegen Johannes Lichdi, energiepolitischer Sprecher der Grünen im Landtag, »sind Verbrechen.« Er fordert deshalb den Ausstieg aus beidem: Kernkraft und Kohle. »Ab wann wir auf erneuerbare Energien setzen«, meint Lichdi, »das ist eine Frage des politischen Willens.« Für klimaneutrale Kraftwerke gebe es keine Technik. »Braunkohle ist Dreck.« Zu DDR-Zeiten, sagt der Grüne, sei Kohleförderung begründbar gewesen. Heute sei sie ein Opfer, das die Gesellschaft nicht mehr bringen müsse.
In den Dörfern um die Tagebaue spitzen sich die Konflikte derweil zu. Schon gründen sich Bürgerinitiativen, protestiert Greenpeace gegen weitere Erschließungen. In Pödelwitz sind die Menschen gereizt, wenn man sie nach der Braunkohle fragt: Einwohner, die eben noch freundlich grüßten, suchen plötzlich das Weite, wenn die Sprache auf Umsiedlungen kommt. Man müsse sich, sagen sie, nur die Wunden anschauen, die der Tagebau in die Landschaft gerissen habe. Im 17. Jahrhundert begann im Leipziger Südraum die Braunkohleförderung. Mehr als drei Milliarden Tonnen sind gehoben worden, Bagger wühlten sich durch Dörfer und die Auenlandschaft – insgesamt 250 Quadratkilometer Land wurden dabei umgegraben.
Es ist eine Ironie, dass Leipzig diesem Umstand auch viel von seiner neuen Attraktivität verdankt: Bis 2050 sollen 17 Seen im Süden der Stadt entstanden sein, allesamt ausgebeutete Tagebau- Restlöcher, geflutet nach dem Kohle-Stopp. Schon heute baden Touristen im einstigen Tagebau Cospuden, der »Costa Cospuda«. Vielleicht wenden die Pödelwitzer den Rückbau ihres Ortes noch ab. Dass die Tagebau-Randlage sich eines Tages auszahlen und Pödelwitz vielleicht sogar zum Dorf am See machen könnte – das ist für die Bewohner nun wirklich kein Argument, das heute zählt.
- Datum 04.05.2011 - 11:27 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 5.5.2011 Nr. 19
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