Osama bin Laden Die Heimatfront

Barack Obama triumphiert – und muss erklären, wie es in Afghanistan weitergeht.

US-Präsident Barack Obama zu Besuch bei der US-Armee in der Bagram Air Base in Afghanistan, 3. Dezember 2010

US-Präsident Barack Obama zu Besuch bei der US-Armee in der Bagram Air Base in Afghanistan, 3. Dezember 2010

Washington, D. C. - Der Tag, an dem Geschichte geschrieben wurde, war noch nicht zu Ende, die Jubelrufe vor dem Weißen Haus waren noch nicht verhallt, als Parteifreunde Barack Obamas die nächste politische Front eröffneten. Nun, da Osama bin Laden tot sei, forderten sie, müsse der Präsident die amerikanischen Soldaten endlich aus Afghanistan abziehen. Und zwar sofort! Mit dem Tod des Al-Qaida-Führers, argumentierten sie, sei auch Amerikas Kriegsmission am Hindukusch erfüllt. Ab nach Hause, dort gebe es genug zu tun.

Obama hatte es geahnt. Geradezu nüchtern verkündete er darum am Sonntagabend kurz vor Mitternacht die Nachricht vom Erfolg im fernen Pakistan und appellierte an seine Landsleute, zur nationalen Einheit zurückzufinden, wie sie Amerika in den Wochen nach den Terroranschlägen vom 11.September 2001 erlebt habe.

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Obama wusste, dass der Tod bin Ladens ein politisches Risiko für seine Afghanistanstrategie birgt. Und dass sein eigenes Schicksal 2012 nicht von militärischen Siegen, sondern von einem Durchbruch an der Heimatfront entschieden wird. Die Amerikaner sind mehrheitlich kriegsmüde. Sie sorgen sich um die schwache Wirtschaft, die in die Höhe schnellenden Benzinpreise und die vielen Arbeitslosen. Der Präsident hat selbst eingestanden, dass sich sein Land im Angesicht der horrenden Staatsverschuldung eigentlich keine Kriege mehr leisten könne, weder neue noch alte.

In Afghanistan bricht der Frühling an, und sollten die Taliban zu einer Großoffensive gegen amerikanische Soldaten antreten, wird der Präsident unendlich viel Überzeugungsarbeit leisten müssen. Sein Volk will wissen, warum Amerika auch nach dem Tod des Al-Qaida-Chefs weiterkämpfen soll. Obamas Afghanistanstrategie muss nun, in der Ära nach bin Laden, neu begründet und neu beworben werden.

Bereits am Montagmorgen schickte der Präsident daher seine Außenministerin vor. Al Qaida bestehe nicht allein aus ihrem ehemaligen Führer, sagte Hillary Clinton, nichts werde sich darum so bald ändern, weder der Kampf gegen den Terrorismus noch die gemeinsame internationale Anstrengung, aus Afghanistan bis 2014 einen halbwegs stabilen Staat zu machen. Drohend rief sie den Taliban zu: »Ihr könnt uns nicht aussitzen. Ihr könnt uns nicht besiegen. Aber ihr habt jetzt die Wahl, euch von al-Qaida loszusagen und an einem friedlichen politischen Prozess zu beteiligen.«

Das gewaltige Bündel alter Probleme besteht fort. Afghanistan ist tief zerrüttet und seine Zukunft ungewiss. Die Verhältnisse in Pakistan, einer Atommacht, bleiben chaotisch und gefährlich; darum hat Amerika auch nicht eine Sekunde daran gedacht, die Regierung in Islamabad über den Angriff auf bin Laden zu informieren. Der Jemen zerfällt und bietet neue Rückzugsmöglichkeiten für Terroristen. Und niemand kann sagen, ob der Arabische Frühling tatsächlich die ersehnten Veränderungen im Nahen und Mittleren Osten bringt.

Trotzdem markiert der Tod bin Ladens einen Wendepunkt für die Region, für die Welt – und für Amerikas Präsidenten. Von einer Minute zur anderen verstummten die Kritiker, die Obama als führungsschwachen Präsidenten beschimpften, der ewig mit Entscheidungen ringe und sich nichts traue. Plötzlich offenbart das mit äußerster Präzision ausgeführte Attentat die Stärken dieses unaufgeregten, bedachten Regierungsstils. Obamas oft stoische Art und das Pokerface, das seine Gefühlslage niemals erkennen lässt, gelten auf einmal als Markenzeichen.

Wie viele liberale Demokraten musste sich auch Obama des Vorwurfs erwehren, ein nationales Sicherheitsrisiko zu sein. Gerade der ungediente, außenpolitisch unerfahrene Rechtsprofessor galt in diesem Punkt als besonders verwundbar. Als er nach seinem Wahlsieg die Folterpraxis bei Terrorverhören verbot, wütete George W. Bushs Vizepräsident Dick Cheney: Obama »trifft einige Maßnahmen, die meiner Meinung nach tatsächlich für Amerikaner die Gefahr eines erneuten Angriffs erhöhen«. Und nun hat ausgerechnet dieser Präsident Osama bin Laden gefasst.

Was für eine Woche! Obama legte den zermürbenden Streit um seine Geburtsurkunde bei und besuchte in Alabama die Opfer der Tornadoverwüstungen. Er besetzte sein gesamtes Sicherheitsteam neu und trieb inmitten beängstigend niedriger Zustimmungswerte Süendengelder für seinen Wahlkampf 2012 ein. Obendrein hielt er eine äußerst amüsante Rede vor dem Pressecorps des Weißen Hauses und nahm sich selbst auf die Schippe. Am Sonntagmorgen, wenige Stunden vor dem Angriff auf bin Laden, spielte er mit Freunden Golf.

Leser-Kommentare
  1. Bereits am 8.10.2009 meldete "Die Welt": "Taliban distanzieren sich von al-Qaida"! Was Hillary Clinton da verlangt, ist ein alter Gut! Wenn die US-Regierung ernsthaft Gespräche und Verhandlungen mit den Taliban will, dann muss sie auch ernsthaft auftreten!

  2. Es hat im Sommer 2010 Gespräche zwischen ISAF und Taliban gegeben mit bemerkenswerten Ergebnissen. Mehr dazu in einem Kommentar der heutigen "Aachener Nachrichten"

    http://www.aixpaix.de/aut...

    Eine Leser-Empfehlung
    • Harzer
    • 05.05.2011 um 17:04 Uhr

    ... können den USA zurufen: "Ihr könnt uns nicht aussitzen. Ihr könnt uns nicht besiegen." ... ... !

    Eine Leser-Empfehlung
  3. 1) Hubschraubetest misslungen

    2) Ungewissheit über Osamas Aufenhalt

    3) wenigstens ein Mann ohne ohne Gegenwehr erschossen

    4) nicht mal klammheimliche Freude bei Christen

    usw.

  4. will wegen Tötung des größten Feindes jetzt nicht mehr Krieg in Afghanistan führen?
    Aber wie sollen dann die gezielten Tötungen der AlQaida und Talibankader weiter gehen können?
    Die USA brauchen jetz Afghanistan um in Pakistan gezielt intervenieren zu können und unsere Rest-Bundeswehr soll das mit möglich machen.
    Also auf nach Pakistan; denn unsere Kanzlerin freut sich ja auch bereits unverhohlen auf die nächste Runde von "Gerechtigkeit schaffen" dort.

    • Harzer
    • 05.05.2011 um 17:22 Uhr

    Und wenn die USA gar nicht mehr an einer wirklichen Regelung in Afghanistan interessiert sind und ihnen der gegenwärtige instabile Schwebezustand sogar entgegen kommt, weil sie dann militärisch befestigte Stützpunkte in einem für das geostrategische Schachspiel wichtigen Gebiet auf Dauer aufrecht erhalten können ??

    Dann sollten wenigstens wir sehr gut überlegen, ob wir ihnen weiter in "unverbrüchlicher Dienstbotentreue" zur Seite stehen !

  5. Die Veröffentlichung von Bin Ladens letztem Aufenthaltsort zeigt, wie vergeblich der Einsatz in Afghanistan ist, solange man die ideologische und logistische Wurzel des Talibanismus nicht angeht. Diese Wurzel liegt in Pakistan, und wird im Verborgenen von den Verbündeten der USA - den pakistanischen Stellen - bewässert. De Blutzoll des Westens ist so nicht zu rechtfertigen.

  6. "herausschleichen" will (weil es inzwischen lukrativere
    Projekte gibt), ist es natürlich von Vorteil, wenn man den
    aktuellen Krieg halbwegs als Erfolg präsentieren kann.
    Zumindest einen symbolischen Erfolg.
    Sonst könnten ja die Bürger fragen, was das alles sollte...
    .
    Und einen "symbolischen" Erfolg kann man inszenieren....
    .
    Durch eine Show, ein Theaterstück, ein Medienspektakel.

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