TerrorismusBin Ladens Vermächtnis

Als politische Bewegung hat al-Qaida keine Zukunft. Doch der Terror geht weiter. von  und

Überreste eines Autos, das von al-Qaida im Jemen zerstört wurde. (Archivbild)

Überreste eines Autos, das von al-Qaida im Jemen zerstört wurde. (Archivbild)  |  © Khaled Fazaa/AFP/Getty Images

Der Nachwuchs des Dschihad sitzt in der Woche vor dem Tod des »Emirs« in der Küche eines Mietshauses in der Düsseldorfer Witzelstraße beisammen. Die drei jungen Männer planen einen Anschlag in Deutschland . Aus Grillanzündern, Wasserstoffperoxid und Zitronensäure wollen sie den Zünder für eine Splitterbombe basteln, die Bombe soll mit Metallteilen versetzt werden. Sie sprechen von einem »Feuerkopf«, von der »großen Kraft«, die ihr Sprengsatz auslösen soll, wenn er inmitten einer Menschenmenge detoniert. Sie planen einen Test. Und sie jubeln, als sie von dem Terroranschlag in Marrakesch hören, bei dem 16 Menschen ums Leben kommen.

Abdeladim el-K., der Anführer der drei, hat sein todbringendes Handwerk in einem Ausbildungslager von Osama bin Ladens al-Qaida im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet gelernt. Dort habe er von einem Mitglied der Al-Qaida-Führungsriege einen Auftrag bekommen, glauben deutsche Ermittler. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland sucht sich der 29-Jährige zwei Komplizen. Abdeladim el-K., sagt die Bundesanwaltschaft, bildet die erste Zelle von al-Qaida in Deutschland seit den Terrorpiloten des 11. September 2001, die in Hamburg studierten.

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Die Männer in der Küche ahnen nicht, dass ihnen das Bundeskriminalamt seit mehr als einem halben Jahr auf der Spur ist, dass die Zelle noch vor dem Ende der Woche auffliegen wird. Sie ahnen auch nicht, dass der »Emir«, den sie nie gesehen haben, doch in dessen Namen sie zu handeln glauben, wenige Tage später tot sein wird.

Und nun? Was bleibt von al-Qaida nach dem Tod bin Ladens? Wie gefährlich ist das Netzwerk noch? Um diese Fragen beantworten zu können, muss man zurückschauen auf die Anfänge der al-Qaida , auf ihren rasanten Aufstieg und ihren sich bereits seit Längerem abzeichnenden Fall. Fünf Phasen lassen sich in der Geschichte des Terrornetzwerks unterscheiden.

Am Anfang stand eine wirkmächtige Ideologie aus Religion und Politik. Osama bin Laden träumte von einem armeehaft strukturierten Bund von Kampfgefährten, deren Taten einer global ausgerichteten Strategie folgen sollten. Der Westen, so lehrte er, führe einen Weltbürgerkrieg gegen die Umma, die Nation der Muslime, er besetze ihre heiligen Stätten und raube ihnen Rohstoffe, Würde und Hoffnung. Deswegen sei es die Pflicht jedes Muslims, »Amerikaner und ihre Verbündeten – Zivilisten und Soldaten – in jedem möglichen Land zu töten«, wie bin Ladens berühmter Aufruf im Gründungsdokument der Islamischen Weltfront für den Dschihad gegen Kreuzzügler und Juden von 1998 lautete. Der Emir machte es vor. Erst, im August 1998, in den US-Botschaften in Nairobi und Daressalam, drei Jahre später in Manhattan selbst. Ground Zero wurde zum Monument der Verletzlichkeit der Supermacht.

Nach den Jahrhundertanschlägen vom 11. September 2001 begann Phase zwei der Al-Qaida-Entwicklung. Paranoide Weltsicht hier und panische Weltpolitik dort verstärkten sich wie in einer Echokammer. Die Kriege in Afghanistan und Irak, die Folterungen in Abu Ghraib und Guantánamo und die Kreuzzugsrhetorik von George W. Bush nährten allesamt den Wahn eines Unterdrückungsfeldzuges gegen die islamische Welt, ja eines Kampfes der Kulturen. Al-Qaida-Terroristen schlugen mit ihren Mitteln gegen die, wie sie es sahen, Koalition der Neo-Kolonialisten zurück: 2002 gegen Touristen auf Dscherba. 2004 gegen Pendler in Madrid.

In Phase drei erreichte der Dschihadismus seinen Höhepunkt. »Eure demokratisch gewählten Regierungen unterdrücken mein Volk auf der ganzen Welt«, erklärte im Juli 2005 der junge Brite Mohammed Sidique Khan. »Solange ihr nicht aufhört, mein Volk zu bombardieren, einzusperren und zu foltern, werden wir diesen Kampf fortsetzen«. Zwei Tage später sprengte er sich mit drei Gefolgsleuten im Londoner Berufsverkehr in die Luft, 52 Unschuldige starben. Die beiden Sätze von Mohammed Khan übertrugen die Lehre der al-Qaida buchstäblich in den englischen Arbeiterakzent. Bin Ladens Vision einer nach politischen Mustern zuschlagenden Terrorinternationalen schien greifbar nahe zu sein.

Leserkommentare
  1. Die Wunschvorstellung der Terroristen nach einer Umgestaltung der Welt in eine Gesellschaft nach ihren Glaubensvorstellungen wird sich nicht erfüllen! Das hatten wir schon einmal unter den Begriff "Endsieg".
    Aber es wird noch eine ganze Menge Blut fließen und viele Menschen werden noch viel Leid erleben, bis sich diese Art der "Weltverbessserung" überlebt haben wird. Was aber einmal geschehen ist, bleibt für immer als Möglichkeit bestehen!

    • dbx
    • 06. Mai 2011 20:13 Uhr

    "»Eure demokratisch gewählten Regierungen unterdrücken mein Volk auf der ganzen Welt«, erklärte im Juli 2005 der junge Brite Mohammed Sidique Khan."

    Vielleicht sollte eine ehrlich gemeinte Terrorismusbekämpfung mal an dieser Stelle ansetzen.

    • dbx
    • 06. Mai 2011 20:22 Uhr

    "Stärker denn je wird al-Qaida in Zukunft ein loser Verbund regionaler Ableger sein, ein Franchise-System mit mehr oder weniger enger Bindung.

    »Es gibt bei al-Qaida keinen König, den es zu fällen gilt.«"

    Aha. In meinem Kommentar vor zwei Tagen hieß es dazu von Seiten der Redaktion/Zensoren noch "unsachliche Spekulation".

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    da sollte die Zeit mal in ihren Archiven blättern - soweit ich weiß, gab es vor ein paar Jahren einen Artikel über Al-Kaida als LAbel für regionale muslimische Terrororganisationen.

    • dbx
    • 06. Mai 2011 20:28 Uhr
    4. Prima

    "»Die Ägypter auf dem Tahrir-Platz haben in 15 Tagen das geschafft, was al-Qaida in fünfzehn Jahren nicht geschafft hat«, sagt Richard Barrett. Hat der Arabische Frühling der Lehre bin Ladens also den Todesstoß versetzt, zufällig und treffend synchron mit dem Tod des Emirs selbst?"

    Womit die Al-Qaida-Truppe nun also wieder genau an dem gleichen Punkt wäre, wo sie Ende der 90er und vor dem 11.9.2001 auch schon war, und da wohl auch geblieben wäre, wenn die Regierung Bush sie nicht zu "Godzilla" stilisiert hätte.

    • dbx
    • 06. Mai 2011 20:40 Uhr

    ...und bei der anschließenden Bekämpfung desselben Monsters nicht (wortwörtlich) über Leichen gegangen wäre

  2. Die Hydra AlQaida stirbt nicht dadurch, dass man ihr einen Kopf abschlaegt, da bekanntermassen fuer jeden aztchlagenen Kopf zwei neue nachwachsen. Sie wird ganz einfach daran zugrundegehen, dass ihr der Nachwuchs nach und nach versiegen wird. Je mehr sich die arabischen Diktaturen in Demokratien verwandeln, desto weniger werden deren Menschen die Anwendung von Gewalt als einzige Moeglichkeit zur Herbeifuehrung von Aenderungen verstehen. Deshalb sollte die sogenannte westliche Welt die Demokratisierungsbewegungen gezielt unterstuetzen.
    Es ist allerdings zu erwarten, dass die Hydra AlQaida in ihren letzten Lebensmomenten versuchen wird, noch einmal so viel Schaden wie nur moeglich anzurichten.

  3. dezenten Hinweis darauf, daß schon 1993 ein gewisser Samuel Phillips Huntington einen Beitrag in Foreign Affairs geschrieben hat, der sich mit dem Kampf der Zivilisationen bzw. dem Kampf der Kulturen auseinandersetzte. Nach Beendigung des kalten Krieges fehlte der Feind; also mußte ein neuer heraufbeschworen werden.
    "Diese Kommission (Commission on Integrated Long Term Strategy ) empfahl der US-Regierung, sich von dem alten „Hauptfeind Kommunismus“ zu lösen und den Konflikten in der so genannten Dritten Welt mehr Bedeutung beizumessen, da diese Konflikte einen kumulativ negativen Effekt auf den Zugang der Vereinigten Staaten zu kritischen Regionen besitzen und auch zukünftig besitzen werden."
    Vorrangig ging es also darum, daß von westlicher Seite (Huntington) der Zugang der vereinigten Staaten zu kritischen Regionen gefördert werden sollte; als Feind wurden somit quasi alle Völker ausgemacht, die den Einfluß der USA auf ihre eigenen Geschicke ablehnten.
    Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Einteilung der Welt lt. Huntingdon; sie beruht nicht nur auf Religionen, sondern eindeutig auf unabhängigen Staaten, die die USA früher als Nebenkriegsschauplatz ausgemacht hatten.
    Interessant sind auch die Nachfolger von Huntingdon, die sich, anders als wohl von ihm beabsichtigt, für die Einschränkung der bürgerlichen Freiheiten im Kampf gegen den Terror einsetzten.
    Es dürfte also somit nicht verwundern, daß Al Quaida nur die andere Seite der Medaille darstellt.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    7. "Ich vermisse den
    dezenten Hinweis darauf, daß schon 1993 ein gewisser Samuel Phillips Huntington einen Beitrag in Foreign Affairs geschrieben hat, der sich mit dem Kampf der Zivilisationen bzw. dem Kampf der Kulturen auseinandersetzte."

    Für die die es wirklich immer noch nicht wissen!

    Clash of Civilizations = Zusammenprall ! der Kulturen.Nur so ergibt es einen Sinn und entspricht der Wahrheit.

  4. 8. Info!

    7. "Ich vermisse den
    dezenten Hinweis darauf, daß schon 1993 ein gewisser Samuel Phillips Huntington einen Beitrag in Foreign Affairs geschrieben hat, der sich mit dem Kampf der Zivilisationen bzw. dem Kampf der Kulturen auseinandersetzte."

    Für die die es wirklich immer noch nicht wissen!

    Clash of Civilizations = Zusammenprall ! der Kulturen.Nur so ergibt es einen Sinn und entspricht der Wahrheit.

    Antwort auf "Ich vermisse den"

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  • Schlagworte Osama bin Laden | Terrorismus | Afghanistan | Aiman al-Sawahiri | Irak | Jemen
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