Vor ein paar Wochen verließ Noch-FDP-Chef Guido Westerwelle den Kabinettstisch der schwarz-gelben Koalition und sagte anschließend voller Stolz, er habe eine gesetzlich verpflichtende Frauenquote für Unternehmen noch einmal verhindern können: »Dies ist für uns kein gangbarer Weg.«

Dabei müsste ein Vorsitzender der Liberalen, ob er nun Guido Westerwelle heißt oder Philipp Rösler, die Regierung zu einer Frauenquote zwingen. Das wäre Politik im liberalen Sinne, genauer gesagt: im ursprünglichen Sinne der Erfinder, zum Beispiel des liberalen Vordenkers John Stuart Mill. Sein 1859 veröffentlichtes Werk On Liberty bekommt in Großbritannien jeder neue Vorsitzende der Liberal Democrats in die Hand gedrückt, um ihn an seine politischen Wurzeln zu erinnern. Darin formulierte Mill die Maxime, die Freiheit des Einzelnen habe ihre Grenzen nur in der Freiheit der anderen. Diese Maxime kennt wohl jeder, sie ist bis heute Grundlage jeglicher liberalen Strömung.

Mill lässt seinen Grundsatz nicht uneingeschränkt gelten, sondern setzt zwei Grenzen: Ein Eingreifen des Staates sei dann gerechtfertigt, wenn die Freiheit anderer oder das Gemeinwohl gefährdet werden.

Die Politik der FDP jedoch hat ausschließlich zum Ziel, die Freiheit des Individuums vor staatlicher Einmischung zu schützen. Die Möglichkeit, dass sich auch Individuen gegenseitig in ihrer freiheitlichen Entfaltung und in der Verwirklichung ihrer Chancen behindern können, denken Westerwelle, Rösler, Generalsekretär Lindner und ihre Parteikollegen im Falle der Frauenquote nicht mit.

Mill lieferte vor 150 Jahren die beiden Gründe für eine solche Quote: Stehen sich die Freiheit der beruflichen Entwicklung von Frauen und die Freiheit der Personalwahl der Unternehmen gegenüber, würde er für das Eingreifen des Staates plädieren.

Die Aufstiegschance eines männlichen Kandidaten dürfte beschränkt werden, um seiner gleich oder sogar besser qualifizierten Kollegin überhaupt eine Chance zu eröffnen. Und: Die Aufstiegschancen der Kollegin zu erhöhen wäre auch zum Wohle von Unternehmen und Gemeinschaft. Davon ist auch Klaus Zimmermann, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, überzeugt. Dass so wenige Frauen nach ganz oben kommen, sei »nicht nur ungerecht, sondern auch schlecht für die Wirtschaft. Denn jede Frau, die beruflich nicht in die Position kommt, für die sie qualifiziert ist, kostet uns Wachstum.«

Schon Mill sah eine gesamtgesellschaftliche Notwendigkeit, Frauen gleichzustellen. Er schrieb 1869 in The Subjection of Women: »Alle selbstsüchtigen Neigungen, Selbstvergötterung und ungerechte Selbstbevorzugung, mit denen die Menschheit behaftet ist, haben ihren Ursprung in dem gegenwärtigen Verhältnis zwischen Mann und Frau.« Was Mill dort beschreibt, lässt sich im Begriff »Patriarchat« fassen, das die meisten Menschen heute wohl für überwunden halten. Das ist es in der Arbeitswelt aber noch lange nicht. Denn: Was ist das routine- und reflexhafte Befördern des immer gleichen Typus Mitarbeiter – männlich, weiß, akademisch – anderes als die »Selbstvergötterung« und »ungerechte Selbstbevorzugung« männlicher, weißer Chefs? Was wäre die Beendigung dieses Missstandes anderes als das Schaffen von Chancengleichheit?

Von Chancengleichheit wird auch in der FDP gern geredet. So sagt FDP-Generalsekretär Christian Lindner im ZEIT-Interview: »Ja zum Staat als Garant fairer Startchancen. [...] (Der Liberalismus) will eine Ordnung, in der der Starke nicht dauerhaft und automatisch stark ist und der Schwache nicht dauerhaft und automatisch schwach.« Was Lindner da – eher unbeabsichtigt, davon kann man wohl ausgehen – den ZEIT -Autoren ins Aufnahmegerät sprach, ist nichts anderes als das klassisch-liberale Argument, das eine verpflichtende Frauenquote für die Unternehmen legitimieren würde.