Papst-SeligsprechungKonkurrierende Heilige

Was wir von toten Päpsten lernen können. von Fulbert Steffensky

Am 1. Mai wurde Papst Johannes II. von seinem Nachfolger seliggesprochen. Am selben 1.Mai erinnerte eine große Zahl katholischer Gruppen und Einzelner an den 1980 ermordeten Erzbischof Oscar Romero, der nie mit Brief und Siegel seliggesprochen, aber »subito« von den Armen Lateinamerikas als Heiliger verehrt wurde. Heilige sind zwielichtige Gestalten. Am besten fragt man zuerst, wer sie selig- oder heiliggesprochen hat und welche Interessen mit einer solchen Heiligsprechung verbunden sind. Sehr schnell hat Rom Josémaría Escrivá, den Gründer der ultrakonservativen katholischen Organisation Opus Dei, heiliggesprochen. Seine unbedingte Ergebenheit dem Papst gegenüber, seine asketische Weltauffassung und der von ihm geforderte totale Gehorsam passten ins päpstliche Weltbild. Eine Selig- oder Heiligsprechung ist also immer mit Interessen und Optionen verbunden.

Es war nicht Rom, sondern es waren die Gläubigen in El Salvador, die Oscar Romero heiliggesprochen haben – jenen Bischof, der die Armen verteidigte, der die Mörderbande der damaligen Militärjunta brandmarkte und der während einer Messe umgebracht wurde. Die Menschen dort und in anderen Teilen der Welt erinnern sich seiner Geschichte, seiner Lebensoptionen und seiner Leiden. Seine Geschichte wird zum Gewissen. Menschen sagen sich, wer sie sind und was sie wünschen; sie geben sich ein Gesicht, indem sie sich dieser Figur erinnern. Mit solchen Erinnerungen lernt man wünschen, dass die Armen Brot haben, dass die Tyrannen gestürzt werden und dass das Recht siegt.

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Wer keine Erinnerung hat, bleibt in der reinen Heutigkeit verfangen. Die Erinnerung an Oscar Romero, an Simone Weil, an Dietrich Bonhoeffer sind wie Briefe aus der Ferne, die einem helfen, die Gegenwart zu lesen und zu erkennen, was sie hat und was ihr fehlt. Heilige sind Briefe aus der Ferne, wer sie lesen kann, braucht nicht bei sich und seinem Mut, seinen Lebensvisionen und seiner Hoffnung anzufangen. Wir sind nicht die Ersten, wir stehen auf den Schultern von Menschen, die vor uns gehofft, gelitten und gekämpft haben. Wir sind die Erben der Toten. Vermutlich kann man nur ein Gefühl für eine gelingende Zukunft entwickeln, wenn man solche Herkünfte hat, solche Figuren, an denen der Geist Gottes ersichtlich wird. Dies gilt im religiösen wie im nicht religiösen Sinne. 

Katholiken betonen, dass die Heiligen vor Gott für uns eintreten. Wenn man diesen Satz interpretiert und ihn nicht in seiner kruden Wörtlichkeit nimmt, ist er schön. Er sagt, dass wir von einem Grund leben, den wir nicht selbst gelegt haben. Das Leben jener Toten ist in einen Wurzelgrund gesunken, von dem wir alle leben.

Wir brauchen keine Heiligen als Mittler zwischen Gott und Mensch – darauf besteht der Protestantismus. Aber wir leben von mehr Broten, als wir selbst gebacken haben. Wir sind nicht nur wir selber. Wir sind ernährt von dem Lebensgelingen, dem Mut und der Entschiedenheit unserer Väter und Mütter im Glauben. Unsere Wurzeln reichen tief bis in ihr Leben und bis in ihren Tod. Ein mystischer Gedanke! Man muss ihn ja nicht glauben, aber man könnte ihn schön finden.

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Leserkommentare
  1. Sie schreiben: Zölibat als auch Nichtordination von Frauen haben ihre biblische Legitimation. Sagen sie mir, ist Christus verheiratet gewesen, hatte er Kinder? Nennen sie mir einen Apostel, der weiblich gewesen ist?
    Mit demselben Argument könnte man Sklaverei und Vielweiberei begründen.
    Es gibt übrigens die These, dass es viel plausibler ist, wenn Jesus verheiratet gewesen ist. Gerade dass seine Ehe nicht erwähnt wird, ist ein Beweis dafür - ein unverheirateter Rabbi hätte immer extra begründet werden müssen.
    Petrus ist dagegen mit Sicherheit verheiratet gewesen, und von einer Scheidung ist nirgends die Rede.
    Außerdem das Papsttum als schriftgemäß zu bezeichnen ist schon mutig. Selbst wenn das Felswort etwas in dieser Richtung intendiert haben sollte, ist von Petrus, nicht von seinen Nachfolgern die Rede.

  2. hat sich mit ihrer Hirarchie incl. dem Papsttum nur ein Machterhaltungssystem geschaffen.
    Die ganze bombastische Inzenierung ist mit der Bibel nicht zu begründen.
    Ob nun seelig, heilig oder scheinheilig, alles ist möglich!
    Trotzem gut für alle, denen dieses Theater Spaß macht!

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  • Schlagworte Bischof | Brief | Brot | Dietrich Bonhoeffer | Erbe | Erzbischof
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