Tag der Arbeit, Tag der Randale . Alljährlich wüten im Schanzenviertel von Hamburg wilde Straßenschlachten. In diesem Jahr riegeln am 1. Mai 2300 Polizisten in Nahkampfausrüstung die Krawallzone ab. Vor dem Kulturzentrum Rote Flora hat die Staatsmacht ihr mächtigstes Geschütz für urbane Konflikte aufgefahren: den nagelneuen Wasserwerfer 10000 (kurz: WaWe 10), ein Ehrfurcht heischendes Qualitätsprodukt, made in Austria. Ein Reporter der taz beobachtet, dass immer wieder Schaulustige vor dem Ungetüm posieren und Erinnerungsfotos knipsen. Erst als Böller krachen und Leuchtraketen flitzen, legt das Monstrum los. Mit mächtigen Fontänen fegt es den Aufruhr von der Straße.

Leonding bei Linz. Wie ein schlafender Kettenhund lauert in einer riesigen Werkshalle ein graublaues Monster aus Alu-Blech zwischen einer kleinen Armada feuerroter Löschfahrzeuge. Sie sollen Brände löschen und Leben retten. Auf diese Produkte ist man stolz bei der Rosenbauer AG, einem der größten Feuerwehrausrüster der Welt. Nur um den WaWe 10 will man wenig Aufhebens machen. Das Gefährt ist die neue Wunderwaffe des deutschen Staates gegen Bürger, die Randale machen. Die »Cobra«, so die werksinterne Bezeichnung, die auch Reizmittel versprühen kann, sieht aus wie eine Mischung aus Schwerlaster und Terminator. Zehn Meter lang, 30 Tonnen schwer, 408 PS stark. Kostenpunkt: 900.000 Euro.

Insgesamt 78 Stück sollen bis 2019 nach Deutschland geliefert werden. Zwei davon wurden bereits in Hamburg und in Sachsen in Dienst gestellt – ungeachtet der Debatte um den Wasserwerfereinsatz von Stuttgart, bei dem der Rentner Dietrich Wagner sein Augenlicht verlor . Handelt es sich um eine Waffe? Nein, sagt die Polizei, genau wie die Verantwortlichen bei Rosenbauer; das »geschützte Tankfahrzeug« diene lediglich der Gewaltprävention. Der Kunststofftank des Wasserbehälters, der 10.000 Liter fasst, lasse sogar einen Einsatz als Trinkwassertransporter zu. Der Neue soll böse aussehen, kleinere Brände löschen und sich nur im Notfall – ein bisschen – in einen Wasser speienden Drachen verwandeln.

»Gewaltig, was wir in 14 Monaten auf die Beine gestellt haben«

In einem Büroraum in Leonding legt Wolfram Mücke, internationaler Vertriebsleiter bei Rosenbauer, Zeitungsberichte auf den Tisch. »Hier. Athen. Brandbomben gegen die Polizei.« Er zieht einen weiteren Artikel hervor. Darauf ein verkohltes britisches Feuerwehrauto. »Hier vorne wird ein Feuerwehrmann gerade scharf angebraten«, sagt er. Die Aufgabe von Wasserwerfern beschränke sich längst nicht mehr auf das »Studentenwaschmaschinentum«, Löschaufgaben würden wichtiger. Für den grau melierten Gentleman, dem die Law-and-Order-Rolle in einem John-Wayne-Western gut passen würde, ist die Sache klar: Die Anrüchigkeit des Produkts werde medial geschürt. »Unser Verständnis von so einem Fahrzeug ist es, Anarchisten auf Distanz zu halten, um Schlimmeres zu verhindern. Überhaupt produzieren wir diese Fahrzeuge nur fallweise. Das sind einfach Abfallprodukte aus dem Löschfahrzeugbau.«

Pumpen und Spritzen, die sonst auf Brandherde zielen, taugen genauso zur Abwehr rebellischer Bürger, weshalb es meist Feuerwehrausrüster sind, die solche Geräte bauen. Das Wort Abfallprodukt hört Projektleiter Helmut Ogris aber nicht so gerne. »Das ist das technisch komplexeste Gerät, das wir je gebaut haben«, sagt der Ingenieur: »Die ganze Mannschaft ist stolz darauf. Was wir hier in 14 Monaten auf die Beine gestellt haben, war gewaltig.« Viele Nächte hatte er wenig geschlafen. Achtmal war eine zwölfköpfige Polizeidelegation aus Deutschland zu Gast. In dem Leistungskatalog, den es zu erfüllen galt, sind 26 Jahre Erfahrung mit dem Vorgängermodell, dem in die Jahre gekommenen WaWe 9000 des deutschen Mitbewerbers Ziegler, eingeflossen.

Insgesamt ist das neue Gerät potenter, vor allem aber sicherer für die Beamten, die es steuern. Damit Steine nach unten abprallen, ist die Frontscheibe nach vorne geneigt; die schrägen Heck- und Dachelemente lassen Brandsätze abrollen. Gerät das Fahrzeug doch in Brand, treten die 15 Düsen des Eigenlöschsystems in Aktion. Das Seitenblech ist gegen Durchstiche mit Eisenstangen gerüstet; die Kabine hält dem Aufprall einer Betonplatte aus dem dritten Stock stand; Luftfilter und Klimaanlage sorgen für Frischluft, ergonomische Sitze und ein Kühlschrank für Komfort.

Bei der Außenwirkung sieht die Sache schon anders aus. Obgleich es den beiden Strahlrohrführern an ihren Joysticks und Bildschirmen am liebsten ist, wenn sie den Auslöser nicht drücken müssen. Bei bis zu 1200 Litern Durchflussmenge pro Minute und 65 Metern Reichweite – zwei Werfer sind vorne, einer hinten montiert – ist der 10.000-Liter-Tank nämlich schnell leer, und das Prinzip Abschreckung – inklusive Warnung über die Außenlautsprecher – hat seinen drohenden Wasserstachel verloren.