Im April brach ich auf, um in Ägypten zu erkunden, was Aufklärung ist. Als Philosophin, die sich seit Langem mit der Aufklärung beschäftigt, wollte ich wissen: Wie sieht sie aus in Kairos staubigen Straßen? Oder, von heute aus gefragt: Sind die jüngsten Nachrichten aus Kairo über die blutigen Auseinandersetzungen zwischen Muslimen und Christen der charakteristische Ausdruck für ein Land im Umbruch? Ich glaube eher nicht.

»Kant hat mein Leben verändert«, sagt Amr Bargisi, Programmleiter der »Ägyptischen Union der liberalen Jugend«. Als ältester Sohn, dem es oblag, den wirtschaftlichen Status der Familie zu festigen, hatte er Ingenieurwissenschaften studiert, doch seine Kant-Lektüre überzeugte ihn davon, dass er sein Leben nicht auf instrumentelle Erwägungen gründen wollte. Er verlegte sich auf ein Studium der Politischen Philosophie an der Ain-Shams-Universität in Kairo, um anschließend mit einem Doktorandenstipendium an die Universität von Chicago zu gehen. Amr glaubt, dass es noch Jahrzehnte dauern wird, bis Ägypten die Art von gebildeter Öffentlichkeit hervorgebracht hat, die eine liberale Demokratie ermöglicht. »Nehmen wir einmal an, ich wäre Alexander Hamilton«, sagt Amr. »Ich würde immer noch meinen Thomas Jefferson brauchen, meinen James Madison, meinen Benjamin Franklin und sogar meinen Elbridge Gerry.« Kleinlaut räume ich ein, dass ich nicht weiß, wer Elbridge Gerry war. »Niemand weiß das«, erwidert Amr, der sich taktvoll jeden Anflugs von Selbstgefälligkeit enthält. »Er war es, der die Verfassung nicht unterzeichnete, weil sie keinen Grundrechtekatalog enthielt.«

Der Mann ist halb so alt wie ich und weiß wie viele seiner Mitstreiter nicht nur so viel mehr über uns, als wir über sie wissen; er weiß sogar mehr über uns, als wir selbst es tun.

Dalia Ziada leitet das Nordafrikabüro der Amerikanisch-Islamischen Konferenz. Die fromme Muslimin, die wie die meisten Frauen in Ägypten mit einem Hijab den Kopf bedeckt, musste am eigenen Leib eine Genitalverstümmelung erleben – doch diese Praxis auszumerzen ist nur eines ihrer Ziele. Dalias Leben erfuhr 2006 eine Wende, als sie einen Aufsatzwettbewerb gewann und zu einer Konferenz in Kairo eingeladen wurde, auf der sie von Martin Luther King hörte. »In Ägypten erfahren wir von Malcolm X, aber nie von King.« Sie war inspiriert und begann, die Methoden des gewaltlosen Kampfes zu erlernen und weiterzuvermitteln. Sie übersetzte einen Comic über den Montgomery-Busboykott ins Arabische, vertrieb ihn in Ägypten und im Jemen und schloss sich mit anderen Aktivisten zusammen. Heute sorgt sich Dalia vor allem darum, dass die politische Macht der Fundamentalisten wachsen wird, wenn sich der Bildungsstand in Ägypten nicht verbessert. »Das Referendum (zur Änderung der Verfassung, Anm. d. Red.) hat gezeigt, wie die Muslimbruderschaft Gefühle ausnutzt: Sagt Ja zu Allah.« Dalia sagt auch, dass die patriarchalischen Strukturen tief verankert sind. Ich frage sie, ob ägyptische Männer Angst vor Frauen haben. Sie schenkt mir ein ungläubiges Lächeln; dieser Gedanke ist neu für sie, und sie scheint ihn so köstlich wie unmöglich zu finden.

»Die Islamisten geben Anlass zur Sorge«, sagt Bassem Sabry, ein junger Filmproduzent. »Aber sie sind eher wie die Republikaner im US-Kongress, die den nationalen Diskurs nach rechts drängen.« Als ich ihn frage, wie der Westen Ägypten helfen kann, kommt die Antwort unverzüglich: »Geht mit gutem Beispiel voran.« Die Korruption in Ägypten, gibt er zu, sei ein seit Langem bestehendes Problem, aber was sei mit dem Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten, dessen jüngste Entscheidung im Fall Citizens United über die Wahlkampfwerbung von Unternehmen den Verkauf politischer Ämter gesetzlich verankert habe?

Diese jungen Wortführer verdienen jede Unterstützung, nur sollte sie möglichst geräuscharm ausfallen. Die Ägypter blicken auf Jahrhunderte guter Gründe zurück, den Motiven von Fremden mit Gastgeschenken zu misstrauen; der Kolonialismus reicht bis in Kleopatras Tage zurück. Ahmed Saled, Gebietsleiter in Mohamed ElBaradeis Wahlkampfteam für die Präsidentschaftswahlen, erklärt, vor der Revolution hätten die Ägypter, wie so viele Völker, den Rassismus der Kolonialmächte verinnerlicht. »Bis zu dieser Revolution schämten wir uns alles Ägyptischen. Zwar grollten viele Menschen dem Imperialismus, doch waren wir zugleich überzeugt, dass im Westen alles besser funktionierte – von den Internetverbindungen bis zu demokratischen Institutionen. Zum ersten Mal im Leben sind wir stolz darauf, Ägypter zu sein.« Unlängst verkündete auf dem Tahrir-Platz ein Transparent: »Wir wollen weder von den USA noch von der EU regiert werden, obwohl wir ihre Völker von Herzen lieben.«