Nach dem Regimesturz nun der Religionskonflikt? Die Angst geht um in Ägypten. Im Kairoer Arbeiterviertel Imbaba mussten sich koptische Christen am vergangenen Wochenende Attacken muslimischer Radikaler erwehren. In dieser furchtbaren Nacht brannten zwei Kirchen . Zwölf Menschen starben, Hunderte wurden verletzt. Die Armee nahm 190 Randalierer fest und kündigte Militärgerichtsverfahren an. Zur Abschreckung. Doch die Fundamentalisten drohen wiederzukommen. Rollt nun die Welle des radikalen Islamismus an, vor der das alte Regime des gestürzten Herrschers Hosni Mubarak immer gewarnt hatte?

Längst bedrohen die Übergriffe von muslimischen Extremisten nicht mehr nur Christen. Säkulare Politiker sehen sich im Fernsehen und im Internet verleumdet. Schreine von ägyptischen Sufis, Anhängern eines mystischen Islams, werden beschädigt oder zerstört. Radikale schnitten einem Kopten in Qena ein Ohr ab, weil er seine Wohnung angeblich an Prostituierte vermietet hatte. Die Extremisten greifen Alkoholgeschäfte an. Medien berichten von Säureattacken auf unverschleierte Frauen.

Die Angreifer sind meist Salafisten. Sie berufen sich auf die Vorfahren (as-Salaf), bestehen auf dem, was sie für die Lebensformen der Prophetenzeit halten. Dabei huldigen sie oft erfundenen Traditionen, die sicherlich im Internet, aber nicht unbedingt für das 7. Jahrhundert stehen: ultralange Bärte, knöchelfreie Pluderhosen, Musikhass, Vollverschleierung. Salafisten gibt es heute in der gesamten islamischen Welt, jüngst brachten sie in Gaza einen italienischen Friedensaktivisten um. Dort liefern sie sich auch Gefechte mit der islamistischen Hamas. Salafisten konkurrieren von rechts mit den Muslimbrüdern, der mächtigsten islamistischen Bewegung im Nahen Osten. Viele salafistische Prediger in Ägypten wurden in Saudi-Arabien ausgebildet, prägten dann aber am Nil einen eigenen radikalen Stil. Wie viele Anhänger sie wirklich haben, weiß niemand genau. Der Lärm, den sie machen, dürfte ihre Bedeutung aber weit übertreffen.

Aufmerksamkeit im Westen erregen vor allem ihre Scharmützel mit Christen . Oft geht es dabei um Frauen, die angeblich zum Islam übergetreten sind. Irgendjemand streut dann etwa das Gerücht, diese Frauen würden von Christen festgehalten, damit sie keinen Muslim heiraten. So ging jedenfalls das Gassengerede am vergangenen Wochenende. Die Salafisten in Imbaba forderten die Herausgabe Kamiliya Shihatahs, der Frau eines koptischen Priesters. Kopten, hieß es, hielten sie gefangen, weil sie zum Islam übergetreten sei. Soweit das Gerücht.

Es half nicht, dass Shihatah mit ihrem Mann in einem christlichen Satellitensender beteuerte, nie übergetreten zu sein. Auf Twitter und Facebook wurde gemunkelt, die Sendung sei nachträglich gefälscht worden. Schon hatten die Salafisten wieder Munition.

Die bekommen sie übrigens auch von den Kopten frei Haus. Cornelis Hulsman, Leiter des ArabWestReport in Kairo und ein langjähriger Beobachter konfessioneller Beziehungen, wirft den Kopten »mangelnde Transparenz« vor. Die Kirche betreibe Geheimniskrämerei, wenn Frauen sich von ihren Männern trennen wollten. Scheidung ist verboten. Viele ultrakonservative Priester bestehen streng auf dieser Tradition. Mitunter wechseln christliche Frauen nur den Glauben, um endlich von ihrem Mann wegzukommen. Doch verbietet das koptische Bekenntnis den Übertritt zu einer anderen Religion – wie auch der Islam. In der hiesigen Kultur von »Ehre und Scham«, sagt Hulsman, werde so etwas sofort zur öffentlichen Angelegenheit. Dann stürmen die Salafisten dankbar die Bühne.