Beate Linde hat im Garten ein Stück Rasen eingezäunt – damit ihr Mann nicht wegläuft. Ihr Haus steht am Hang, beidseits geht es recht steil bergab, er könnte stürzen. »Wir bekommen kein Pferd, das ist für meinen Mann«, beruhigt Linde, als ein Nachbar den Zaun beäugt. »Das ist unsere artgerechte Freilandhaltung.«

Mit dem Zaun kann sie sich ein bisschen entspannen. Aus demselben Grund kaufte sie für ihren Mann auch einen Fernsehsessel. Dann liegen seine Beine hoch, und er läuft nicht – sonst pilgert er pausenlos durchs Haus und hört selbst dann nicht auf, wenn er müde ist. Er dekoriert oft um, legt ein Kissen und ein Taschentuch aufs Sofa, räumt das Bücherregal aus. Manchmal fällt dabei etwas runter. »Ist er hingefallen?«, ruft sie dann und läuft zu ihm.

Weil Beate Linde, 53, ihren Mann liebt, pflegt sie ihn. Weil sie ihn pflegt, muss sie sich regelmäßig von ihm erholen. Es hat gedauert, bis sie das begriffen hat und die Zeit ohne ihn genießen konnte. Im Sauerland gelingt ihr das. Dort, in einem Hotel in Winterberg, hat sie im vergangenen Jahr mit ihrem Mann fünfmal Urlaub gemacht. Hier hat sie kaum Angst, dass er wegläuft. Das Gelände ist ebenfalls eingezäunt. Es wäre auch nicht schlimm, hielte seine Windel nachts mal nicht dicht, denn alle Matratzen sind mit einem speziellen Bezug geschützt.

Beate Linde pflegt ihren Bernd im fünften Jahr. Vor sieben Jahren, da war er 61, kam die Diagnose: Alzheimer. Danach haben sie noch einmal geheiratet, diesmal kirchlich. »Ich wollte meinem Mann noch einmal was versprechen«, sagt sie. Sie suchten lange nach einem Trauspruch und entschieden sich für den Ersten Korintherbrief: »Die Liebe erträgt alles, hofft alles, glaubt alles, hält allem stand. Die Liebe hört niemals auf.« Sie rahmte den Spruch ein und hängte ihn in den Flur.

Seit der Hochzeit verliert sie ihren Mann jeden Tag ein bisschen mehr. »Ich bin alleinstehend mit besonderen Erschwernissen«, sagt sie.

Zu Hause sitzt sie neben ihm auf dem Sofa. »Du bist ganz müde«, spricht sie ihn an. »Schlaf ein bisschen, ein bisschen schlafen. Ich pass auf dich auf.« Sie lächelt und streichelt seine Hand. »Ich weiß nicht, ob er mich als seine Frau einordnet oder nur als positiv besetzte Person«, fragt sie sich. »Ich habe Angst vor dem Tag, an dem er nicht mehr auf mich reagiert.« Er lächelt zurück, aber sagt nichts. Seit über einem Jahr spricht er nicht mehr. Darum weiß sie auch nicht, ob ihm der Urlaub im Sauerland gefällt. Aber sie glaubt es zu wissen. »Er hat nichts davon, fühlt sich zu Hause am wohlsten«, sagt sie. »Das ist mein Urlaub.« Sie bekommt monatlich 685 Euro Pflegegeld. »Davon pflege ich mich in Winterberg.«

Fünf Tage und sieben Nächte die Woche sorgt Frau Linde für ihn. Wenn sie kurz wegmuss, und sei es nur für zehn Minuten, kommen die Nachbarn oder ein Schwager rüber. An zwei Tagen in der Woche bringt sie ihren Mann für sechs Stunden zur Tagespflege. In fünf Jahren ist sie nie ausgefallen. »Wie soll das auch gehen?«, fragt sie. In Deutschland werden rund zwei Drittel aller Pflegebedürftigen zu Hause versorgt. Ohne Menschen wie Frau Linde würde das System zusammenbrechen.

Ferien im Ausland für Demenzkranke

Auch Spanien oder Thailand sind im Urlaubsangebot für Demenzkranke

Auch die Angehörigen brauchen mal Pause, wollen ihren Partner aber nicht weggeben. Viele schotten sich zudem ab und riskieren, selbst krank zu werden. Deswegen wandelte die Arbeiterwohlfahrt in Nordrhein-Westfalen das heutige Landhaus Fernblick vor sechs Jahren um: Aus einem Mutter-Kind-Haus wurde das neue Hotel. Wo heute die Tagespflege ist, war früher der Kindergarten. »Und manchmal«, sagt der Leiter Andreas Frank, »erinnern mich die Angehörigen auch an Mütter und Väter, die zum ersten Mal ihr Kind in den Kindergarten bringen.«

Neben dem Landhaus gibt es rund 25 weitere Anbieter, die sich auf Demenzkranke und deren Angehörige spezialisiert haben. Einige offerieren sogar Urlaub in Spanien, Italien oder Thailand. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl verfünffacht – und dürfte wohl weiter wachsen. Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler will pflegende Angehörige vermehrt entlasten , unter anderem auch mit Kuren.

Doch das ist gar nicht so einfach. »Viele pflegende Angehörige nehmen Entlastungsangebote nur zögerlich an«, sagt Gabriele Wilz, Leiterin der Abteilung Klinisch-psychologische Intervention an der Universität Jena . Sie kennten die Angebote kaum und hätten »häufig gar nicht mehr die Kraft, beispielsweise zu einer Angehörigengruppe zu fahren«. Ärzte und Kassen müssten die Entlastungsangebote bekannter machen. Kuren, vergleichbar mit betreuten Urlauben gemeinsam mit den Erkrankten, seien zwar hilfreich, reichten jedoch nicht aus. Denn eine Auszeit ändere nichts im Alltag. Landhausleiter Andreas Frank bestätigt, dass seine Zielgruppe schwer von einem Urlaub zu überzeugen ist. »Wenn es bereits ein Problem ist, einen Schnabelbecher zu erreichen, dann ist es eine Riesenüberwindung, in den Urlaub zu fahren.«

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Bisher gibt es auch kaum Hotels, die sich wie das Landhaus im Sauerland ausschließlich auf Tandem-Urlauber spezialisiert haben. Viele Anbieter mieten für die Reisegruppen behindertengerechte Unterkünfte, auf Wunsch reisen teilweise auch Pflegekräfte und Ärzte mit.

Oft leben die Angehörigen nur noch für ihren dementen Partner. Wenn sie nicht irgendwann selbst erkranken, fangen sie schlimmstenfalls an, ihren Partner zu schlagen. Beate Linde hat sich vorgenommen, die Krankheit ihres Mannes, so gut es geht, zu überstehen. »Wenn es mir gut geht, geht es auch meinem Mann gut«, sagt sie.

Im Hotel ist alles festgeklebt

Im Hotel ist alles festgeklebt – sogar die alten Bügeleisen auf dem Kachelofen

Sie ist mit ihm wieder nach Winterberg gefahren. »Es ist wie nach Hause kommen«, sagt sie. »Hier kümmert sich endlich mal jemand um mich.« Ein Zuhause, wo sie auch ein Buch lesen kann, ohne nach ihm sehen zu müssen. Wo sie nicht kochen muss, während er im Wohnzimmer die Bücher aus dem Regal zieht, sondern jemand kommt und fragt, was sie möchte.

Sie und ihr Mann schlafen immer im selben Zimmer. Von dort schauen sie ins Tal, auf Wiesen, Berge, Wälder und ein kleines Dorf. Die Tür ist mit einer Kette verschließbar. Das Hotel will seinen Gästen so viel Sicherheit und Halt wie möglich bieten. Ihr Zimmer liegt auf dem »Winterflur«: An der Wand hängen Ski aus Holz. Im »Uhrenflur« hängen alte Uhren, im »Küchenflur« Kaffeemühlen zum Selbermahlen. Die thematischen Flure sollen die Orientierung der Bewohner erleichtern und ihr Langzeitgedächtnis mit alten Gegenständen ansprechen. Die Landschaftsbilder an den Wänden könnten auch bei Oma hängen. Nur wären sie dort nicht festgeklebt. Eigentlich ist im Landhaus alles festgeklebt, auch die alten Bügeleisen auf dem Kachelofen.

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Am Mittwochmorgen um zehn Uhr bringt Beate Linde ihren Mann für zwei Stunden zur Betreuung, wie jeden Morgen und jeden Nachmittag im Urlaub. Sie nimmt sein Lätzchen ab, wischt mit der Serviette über seinen Mund, stellt sich vor ihn, greift seine Hände und sagt: »Eins, zwei, drei, hoch!« Sie lehnt sich nach hinten und zieht ihn hoch. 1,86 Meter groß, 82 Kilo schwer. Noch hilft er mit. Er fährt mit der Hand über ihren Rücken und klopft auf ihren Po. »Klopf, klopf«, sagt sie und lächelt. Manchmal gibt er ihr ein Küsschen oder reibt seine Nase an ihrer.

Er umschließt fest ihre Hand und geht hinter ihr zur Tagespflege. An der Wand hängen Kartoffeldrucke, ein CD-Player spielt Schlager. Sie bringt ihn zu seinem Platz. »Bernd, setz dich bitte«, sagt sie. »Setz du dich bitte hin.« Sie drückt. »Bernd, hinsetzen!« Als er sitzt, umarmt sie ihn. »Bis später«, sagt sie und küsst ihn auf die Wange.

Gegenüber von Herrn Linde sitzen Walter Körle, der Mann von Frau Lindes bester Urlaubsfreundin, und zwei ältere Frauen. Diese Verteilung ist ungewöhnlich. Normalerweise sind hier etwa 30 Prozent der Demenzkranken weiblich. Die fürsorgende Ehefrau und Mutter kümmert sich um den kranken Partner, das gehört wohl zum Rollenverständnis.

Die drei Betreuer in der Tagespflege stimmen wie immer ein Begrüßungslied an: »Danke für diesen guten Morgen, danke für jeden neuen Tag.« Bernd Linde guckt nur, Walter Körle schläft.

Beate Linde und Freundin Elfriede Körle ziehen sich die Jacken für ihren Spaziergang an. Frau Linde geht viel mit ihrem Mann spazieren. »Nur ziehe ich ihn heute wie eine alte Kuh hinter mir her«, sagt sie. Frau Körle hatte seit Wochen ihr Haus nicht verlassen. »Ich bin daheim ja auch eingesperrt.« Jetzt gehen die beiden recht zügig und haken sich ein, als wollten sie sich gegenseitig stützen. »So ganz frei ist man hier aber auch nicht«, konstatiert Frau Körle. »Ganz frei ist man nie«, sagt Frau Linde.

Als sie ihren Mann Bernd später abholt, fragt sie ihn nicht, wie es war. Das hat sie auch früher nicht getan, als er noch gesprochen hat. Sie hat Angst vor seiner Antwort. »Was wäre, wenn er sagt, es gefalle ihm nicht?«

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