AlzheimerUrlaub von der Verantwortung
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Im Hotel ist alles festgeklebt

Im Hotel ist alles festgeklebt – sogar die alten Bügeleisen auf dem Kachelofen

Sie ist mit ihm wieder nach Winterberg gefahren. »Es ist wie nach Hause kommen«, sagt sie. »Hier kümmert sich endlich mal jemand um mich.« Ein Zuhause, wo sie auch ein Buch lesen kann, ohne nach ihm sehen zu müssen. Wo sie nicht kochen muss, während er im Wohnzimmer die Bücher aus dem Regal zieht, sondern jemand kommt und fragt, was sie möchte.

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Sie und ihr Mann schlafen immer im selben Zimmer. Von dort schauen sie ins Tal, auf Wiesen, Berge, Wälder und ein kleines Dorf. Die Tür ist mit einer Kette verschließbar. Das Hotel will seinen Gästen so viel Sicherheit und Halt wie möglich bieten. Ihr Zimmer liegt auf dem »Winterflur«: An der Wand hängen Ski aus Holz. Im »Uhrenflur« hängen alte Uhren, im »Küchenflur« Kaffeemühlen zum Selbermahlen. Die thematischen Flure sollen die Orientierung der Bewohner erleichtern und ihr Langzeitgedächtnis mit alten Gegenständen ansprechen. Die Landschaftsbilder an den Wänden könnten auch bei Oma hängen. Nur wären sie dort nicht festgeklebt. Eigentlich ist im Landhaus alles festgeklebt, auch die alten Bügeleisen auf dem Kachelofen.

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Am Mittwochmorgen um zehn Uhr bringt Beate Linde ihren Mann für zwei Stunden zur Betreuung, wie jeden Morgen und jeden Nachmittag im Urlaub. Sie nimmt sein Lätzchen ab, wischt mit der Serviette über seinen Mund, stellt sich vor ihn, greift seine Hände und sagt: »Eins, zwei, drei, hoch!« Sie lehnt sich nach hinten und zieht ihn hoch. 1,86 Meter groß, 82 Kilo schwer. Noch hilft er mit. Er fährt mit der Hand über ihren Rücken und klopft auf ihren Po. »Klopf, klopf«, sagt sie und lächelt. Manchmal gibt er ihr ein Küsschen oder reibt seine Nase an ihrer.

Er umschließt fest ihre Hand und geht hinter ihr zur Tagespflege. An der Wand hängen Kartoffeldrucke, ein CD-Player spielt Schlager. Sie bringt ihn zu seinem Platz. »Bernd, setz dich bitte«, sagt sie. »Setz du dich bitte hin.« Sie drückt. »Bernd, hinsetzen!« Als er sitzt, umarmt sie ihn. »Bis später«, sagt sie und küsst ihn auf die Wange.

Gegenüber von Herrn Linde sitzen Walter Körle, der Mann von Frau Lindes bester Urlaubsfreundin, und zwei ältere Frauen. Diese Verteilung ist ungewöhnlich. Normalerweise sind hier etwa 30 Prozent der Demenzkranken weiblich. Die fürsorgende Ehefrau und Mutter kümmert sich um den kranken Partner, das gehört wohl zum Rollenverständnis.

Die drei Betreuer in der Tagespflege stimmen wie immer ein Begrüßungslied an: »Danke für diesen guten Morgen, danke für jeden neuen Tag.« Bernd Linde guckt nur, Walter Körle schläft.

Beate Linde und Freundin Elfriede Körle ziehen sich die Jacken für ihren Spaziergang an. Frau Linde geht viel mit ihrem Mann spazieren. »Nur ziehe ich ihn heute wie eine alte Kuh hinter mir her«, sagt sie. Frau Körle hatte seit Wochen ihr Haus nicht verlassen. »Ich bin daheim ja auch eingesperrt.« Jetzt gehen die beiden recht zügig und haken sich ein, als wollten sie sich gegenseitig stützen. »So ganz frei ist man hier aber auch nicht«, konstatiert Frau Körle. »Ganz frei ist man nie«, sagt Frau Linde.

Als sie ihren Mann Bernd später abholt, fragt sie ihn nicht, wie es war. Das hat sie auch früher nicht getan, als er noch gesprochen hat. Sie hat Angst vor seiner Antwort. »Was wäre, wenn er sagt, es gefalle ihm nicht?«

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unterwww.zeit.de/audio

 
Leserkommentare
  1. Nachdem in mancher seriösen Nachrichtensendung der Suizid von G. Sachs quasi als logische Konsequenz der Erkrankung dargestellt wurde, bin ich dankbar für die Beiträge zur Pflege und der möglichen Lebensqualität der Betroffenen.

    Eine Leserempfehlung
    • gorgo
    • 14.05.2011 um 13:23 Uhr
    2. Danke

    Danke für den Beitrag; Alternativen, Denkanstöße, Auseinandersetzung mit Krankheit und Alter werden für alle irgendwann wichtig.

    • kajaal
    • 14.05.2011 um 17:15 Uhr

    Ist die Belastung einer Demenz nicht eher die Belastung der nächsten Angehörigen als die des Patienten? Ich erlebe immer wieder Fälle, in denen die Partner/innen oder Kinder der Kranken im wahrsten Sinne nicht nur ihre Partner, ihre Eltern verlieren, sondern auch ihr Leben.
    Es kommt kein Besuch mehr, man verliert Job, Hobbies, Freunde, Familie, kann kaum noch außer Haus, ist ständig verplant und wird unaufhörlich vom dementen Angehörigen gebraucht. Dazu die Entsetzlichkeit, jemanden zu pflegen, den man seit Jahren kennt, der einen selbst aber kaum noch wahrnimmt.
    Die meisten Angehörigen, die zuhause und allein pflegen, sind vollkommen ausgelaugt! Sätze wie "Weil Beate Linde ihren Mann liebt, pflegt sie ihn" sind kontraproduktiv, denn sie machen weis, dass diejenigen die vor lauter Pflege sich selbst vergessen, die wahrhaft "Liebenden" sind.
    Die Überhöhung der Krankheit, nach der jede Behinderung ein gutes Maß an Glückseligkeit darstellt, kommt auch in diesem Artikel durch. Was soll der Unsinn von "klugen Antworten" und "dummen Fragen"? Natürlich ist diese Krankheitsform eine der furchtbarsten, grausamsten überhaupt! Und selbstverständlich verursacht sie Leid! Vor allem bei den Angehörigen. Warum wird hier wieder versucht zu beschönigen nach dem Motto: "Ach, er ist blind, aber dafür höört er wie ein Gott!"
    Was soll das?

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Werte(r) Kajaal!
    Ich stimme völlig mit Ihrer Ansicht überein!
    Diese Krankheit bringt schlimmes Leid, da hilft kein Schönreden. Auch wenn zu anfangs noch lichte Momente vorhanden sind, ist der Verfall doch unausweichlich.
    Auf das Anfangsstadium konzentrieren sich alle diese Artikel zur Kaschierung der bitteren Realität. Danach besteht - unabhängig von jedweder Pflege - keinerlei Hoffnung mehr. Ich hoffe, rechtzeitig noch meine Entscheidung umsetzen zu können.
    Ich habe deshalb überall kundgetan und auch schriftlich verfügt, was mein Wille ist.

    Werte(r) Kajaal!
    Ich stimme völlig mit Ihrer Ansicht überein!
    Diese Krankheit bringt schlimmes Leid, da hilft kein Schönreden. Auch wenn zu anfangs noch lichte Momente vorhanden sind, ist der Verfall doch unausweichlich.
    Auf das Anfangsstadium konzentrieren sich alle diese Artikel zur Kaschierung der bitteren Realität. Danach besteht - unabhängig von jedweder Pflege - keinerlei Hoffnung mehr. Ich hoffe, rechtzeitig noch meine Entscheidung umsetzen zu können.
    Ich habe deshalb überall kundgetan und auch schriftlich verfügt, was mein Wille ist.

  2. Werte(r) Kajaal!
    Ich stimme völlig mit Ihrer Ansicht überein!
    Diese Krankheit bringt schlimmes Leid, da hilft kein Schönreden. Auch wenn zu anfangs noch lichte Momente vorhanden sind, ist der Verfall doch unausweichlich.
    Auf das Anfangsstadium konzentrieren sich alle diese Artikel zur Kaschierung der bitteren Realität. Danach besteht - unabhängig von jedweder Pflege - keinerlei Hoffnung mehr. Ich hoffe, rechtzeitig noch meine Entscheidung umsetzen zu können.
    Ich habe deshalb überall kundgetan und auch schriftlich verfügt, was mein Wille ist.

    • Zuntz
    • 14.05.2011 um 23:44 Uhr

    als ich umzog,klingelte drei Tage später eine Nachbarin.
    85jährig.Sie fragte nach ein Stück Brot weil sie Hunger habe.
    Natürlich haben wir sie bei uns bewirtet und gleich gemerkt,
    im welchem Zustand sie war.Sie nahm mich mit in ihrer Wohnung.Ich öffnete den Kühlschrank in dem nichts weiter war als ein Kanten Brot hart wie Stein und ihre Hausschuhe.
    Dann sah ich unglaublich viele Zeitschriften gestapelt in jeder Ecke.Drückerkolonnen hatten ihr alles angedreht was
    möglich war..vom Kapital bis yellow Press.
    Ungeöffnete Rechnungen..Mahnbescheide.Drei Monate Mietrückstand.Ich fuhr mit ihr zu ihrer Bank.Dort stellte
    sich heraus,das sich einer der Vertreter eine Bankvollmacht von ihr hat geben lassen und das Konto leer räumte.Eine
    Rente mit der sie grad so hätte leben können.
    Ich hab sofort das Amtsgericht eingeschaltet.
    Zeitschriftem gekündigt.Die Polizei eingeschaltet und dem Kontoplünderer das Handwerk gelegt.
    Sie starb 5 Jahre später.Mir unvergesslich ihr trotz aller Verwirrtheit sonniges Gemüt.Kinder hatte sie keine und
    alle anderen waren lange schon tot.

  3. Sehr bedrueckend, mein Respekt, Familie Zuntz

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