Zum Glück hört mich keiner. Was für einen Blödsinn ich rede: " Café au lait, pardon madame, la France, en vacances, ja, jetzt kommen die Motorräder aus der Garage, Lederjacke an, Helm auf, merci, monsieur, voilà, mon Dieu, brumm, brumm, die dicke BMW, auf nach Dangast, ans Meer, da halten wir an und trinken einen Kaffee."

Bremerhaven, Haus im Park , das "Zuhause für Menschen mit Demenz". Ein lichtdurchflutetes, in freundlichen Farben gehaltenes zweigeschossiges Haus in U-Form, drumherum ein großer Garten, an den der Bürgerpark anschließt. Der Wohnbereich im ersten Stock namens Licht ist zwar nicht offiziell, aber de facto der Palliativbereich des Heimes. Hier leben die schwer Demenzkranken, und wenn alles gut geht, sterben sie auch hier.


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In breiten roten Samtsesseln schlafen die Alten, einer ist an einen Rollstuhl geschnallt, eine Frau schnarcht auf einem Sofa. Sie sind noch Menschen, aber keine Personen mehr, findet der umstrittene australische Philosoph Peter Singer ; manche sprechen sogar abschätzig von "Gemüse" oder "welken Hüllen". In Großbritannien wird dieser Tage über Demenz und Euthanasie diskutiert. Drei Tage lang darf ich hier hospitieren, um eine Vorstellung von der Lebensphase zu bekommen, die jeder Dritte von uns erleben wird.

Zum Glück hört mich einer. " C’est la vie mon ami, hast du vollgetankt? Quelle heure est-il? Oh, auf dem Sozius sitzt eine Schöne!" Herr Knorr*, der seit einer guten Stunde im Sessel neben mir hängt und reglos vor sich hin starrt, bewegt plötzlich langsam den Kopf. Seine Augen suchen meine Augen. Lange schaut er mich an. Ich streichele seine eiskalte Hand. Er beginnt zu weinen.

Ein Geruch, eine Berührung – vieles kann einen Kanal in den Geist öffnen

Von Schlüsseln sprechen sie hier. Biografischen Schlüsseln. Es kann eine Melodie sein, ein Foto, ein Geruch, ein Berührung oder eben ein Begriff. Die Leiterin des Wohnbereichs Luft, Beate Vetter, hatte mir "Motorrad" und "Frankreich" als Schlüssel für Herrn Knorr mitgegeben. Der Lkw-Fahrer, wussten die Angehörigen zu erzählen, war mal ein Motorradfan. Außerdem soll er gern nach Frankreich gereist sein.

Mit meinem Gestammel habe ich einen Kontakt zu dem alten Herrn gefunden, eine aufregende und beglückende Erfahrung für mich. Das mit der beglückenden Erfahrung scheint für beide Seiten zu gelten. Denn auch die schwer Demenzkranken, die oft unter Schmerzen und Ängsten leiden, entspannen sich, wenn sie irgendwo in ihrer verworrenen, chaotischen Welt einen Kommunikationskanal finden.

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Mittags wird es voll im Bereich Licht. Auch in den Abteilungen Luft, Wasser und Erde sammeln sich jetzt Freiwillige. Mit den Festangestellten allein ließe sich das Arbeitspensum überhaupt nicht bewältigen – die Hälfte der Bewohner hat die Pflegestufe 3+, das bedeutet besonders hoher Pflegebedarf. Für die insgesamt 61 Bewohner gibt es eine knappe Hundertschaft an Freiwilligen, die von einem eigenen Verein, dem Solidar e. V. , betreut werden.

Das Haus im Park ist ein in vielerlei Hinsicht außergewöhnliches Haus. Unter anderem verzichtet man – im Gegensatz zu den meisten Einrichtungen, die Menschen mit Demenz aufnehmen – ausdrücklich auf medikamentöse Sedierung, Fixierung im Bett und künstliche Ernährung. Lieber sitzt einer eine geschlagene Stunde bei den Kranken und reicht ihnen das Essen an.

An die etwas sperrigen Begriffe gewöhne ich mich schwer. "Menschen mit Demenz" statt Demente; "Essen anreichen" statt füttern. "Wohnbereich" statt Station. Doch es geht hier ausdrücklich um Würde oder, um den Lieblingsausdruck im Heim zu benutzen: um "Wertschätzung". Von Betroffenen im Frühstadium, die etwa dreimal hintereinander beim Bäcker Brötchen holen, Socken über die Schuhe ziehen oder ihre Haustür nicht mehr erkennen, aber noch gut reden können, weiß man um ihr Leiden unter acht- und liebloser Terminologie. Dement, also "geistlos" möchten sie nicht heißen. Und sie schreien nicht herum – sie "vokalisieren" . Ein Star der Szene der neuen selbstbewussten Menschen mit Demenz, der Texaner Richard Taylor , wünscht sich sogar, statt von Dementen von "Personen mit kognitiven Verlusten" zu sprechen. Und Bewohner ließe sich durch "Freund" ersetzen.

Im Licht leben fünfzehn Menschen mit Demenz; nur drei von ihnen können noch selbständig essen. Die übrigen brauchen eigentlich eine 1:1-Betreuung. Ich reiche Herrn Gabler und seinem Tischnachbarn gleichzeitig das Essen an. Herr Gabler hat einen Meisterbrief als Glaser im Zimmer hängen. Als er vor fünf Jahren ins damals neu eröffnete Haus im Park kam, war er noch ein flotter Tänzer. Dann mussten ihm infolge einer Diabeteserkrankung beide Beine amputiert werden. Heute wirkt er auf den flüchtigen Betrachter wie ein auf den Stoffwechsel reduzierter Körperrest. Nähere ich mich ihm mit einem Löffel, reißt er den Mund auf und verschluckt unterschiedslos große Mengen an Nahrung. Nach dem Dessert scheint er – mit weit offenem Mund – zu schlafen. Sacht und etwas verlegen drücke ich seine Schultern. Da reißt er die Augen auf und schaut mich so – ja: privat – an, dass mir selber die Tränen kommen.