Wir kommen spät. Der Chiemsee leuchtet im Abendschein, alpin überragt von Hochfelln und Kampenwand. Gegenüber liegt die Herreninsel. Ihr dichter Wald birgt König Ludwigs Schloss. Die Schifffahrt ruht bereits, doch der Priener Bootsvermieter Stöffl hat noch auf. Wir entleihen den Nachen Hansl und rudern zur Insel, in die Mündungsbucht des Grand Canal. Dort klafft der Wald. Ein Rehkitz äst. Fern und in letzter Sonne schimmert ein Orplid: Herrenchiemsee, das bayerische Versailles.

Wir kommen früh, am nächsten Morgen. Der Dampfer Barbara wimmelt von Kindern. Südtiroler Schüler aus Meran wallfahrten auf König Ludwigs Spuren. Was wisst ihr denn vom Ludwig?

Dass er der Sonnenkönig war, sagt Isabella Modanese. Nein, ruft Esther Osenberg, das ist der andere gewesen, der Ludwig von Frankreich. Ludwig II. von Bayern, erklärt Kathrin Holzknecht, war ein bisschen verrückt, weil er niemals einen Menschen sehen wollte. Man weiß nicht, wie er gestorben ist. Er hat ganz viel Schönes bauen lassen, damit er sich in eine andere Welt und Zeit versetzen kann.

Ist euer Berlusconi auch ein Sonnenkönig?

Schreckenskreischen, Augenrollen. Nein!

Barbara legt an. Zunächst durchwandern wir den wunderbaren Buchenwald. Es amselt, finkt und piroliert. Vom See her quarren Enten. Dem Wald verdankt sich das Schloss. 1873 wollte ein württembergisches Holzkonsortium die urmächtigen Bäume fällen. Ludwig II., von empörten Fischern zu Hilfe gerufen, erwarb die Herreninsel für seine Versailles-Kopie, die ursprünglich nahe Linderhof im Graswangtal entstehen sollte. Der Chiemgau war dem Hochgebirgsschwärmer eigentlich zu flach. Der Wald blieb, damit Ludwig das ebene Land und den See nicht sähe und das Volk nicht seines Königs Schloss.

Bekanntlich kam es anders. Nach Ludwigs Amtsenthebung wegen angeblicher Geisteskrankheit und seinem mysteriösen Tod am 13. Juni 1886 im Starnberger See öffnete Bayerns Regierung die Königsschlösser. Man wollte den Verschwendungswahnsinn des Verewigten beweisen und mit den Eintrittsgeldern die Staatsfinanzen aufbessern. Letzteres glückte, bis zum heutigen Tag. Begeistert walzen die Touristenvölker dieser Welt durch Ludwigs Prunkrefugien. Die Kitschindustrie überkleisterte den »Märchenkönig« mit einer dicken Zuckerkruste. Ein Übriges taten Filme, von Käutner bis Visconti. Die Ikone des Verklärten verdeckt die historische Gestalt.

Ändern soll das die Bayerische Landesausstellung 2011 . Vom 14. Mai bis zum 16. Oktober erzählt sie im Schloss Herrenchiemsee die Götterdämmerung König Ludwigs II. Wir dürfen schon vorher gucken. Auf der Schlosstreppe, zwischen Fama- und Fortunabrunnen, erwartet uns geballte Ludwig-Kompetenz: der Projektleiter Peter Wolf vom Augsburger Haus der Bayerischen Geschichte sowie Katharina Heinemann und Sybe Wartena von der Schlösserverwaltung. Der Palast empfängt wie einst Versailles: mit der Escalier des Ambassadeurs im südlichen Treppenhaus, wobei die doppelläufige Protzstiege Ludwigs XIV. bereits 1752 wieder abgebrochen wurde.

Der bayerische Ludwig kopierte, zelebrierte, imaginierte sein französisches Idol; er überbot es gar. Ratlos staunend stehen wir im Paradeschlafzimmer; soeben hat Bayern die Orgie aus Gold und Brokat weihwürdig restauriert. Auroras Strahl bricht durch purpurbeschleierte Lünetten und rötet den Raum. In diesem güldenen Alkoven unterm Baldachin, von Venus malerisch umschlungen, täten wir kein Auge zu. Der König desgleichen. Nie schlief er hier, noch hatte er es vor.

Formal bietet dieses Chambre de Parade, doppelt so groß wie das in Versailles, eine historistisch perfektionierte Nachschöpfung. Ideell ist es ein Memorial der absoluten Monarchie, wie LudwigII. sie im »Sonnenkönig« inkarniert empfand und selbst ersehnte. Auch der Spiegelsaal von Herrenchiemsee steigert das Versailler Original. Uns platzen die Augen. Genug!