KonferenzenDas Zitat... und Ihr Gewinn

Eine Konferenz ist eine Sitzung, bei der viele hineingehen und wenig herauskommt (Werner Finck) von 

Der natürliche Lebensraum des Vorgesetzten ist der Sitzungssaal. Dort schart er sich mehrmals täglich mit Artgenossen um einen Tisch. Dabei kommt es zu Rangkämpfen, wie man sie von Hirschen kennt; wer dem anderen ins Gehege kommt, muss mit heftigen Attacken rechnen. Solche Kämpfe werden von Gleichrangigen ausgefochten, um dem ranghöchsten Tier zu imponieren.

Jede Woche gibt der Coach Martin Wehrle Tipps für den Erfolg im Job in der Kolumne "Das Zitat und Ihr Gewinn"

Jede Woche gibt der Coach Martin Wehrle Tipps für den Erfolg im Job in der Kolumne "Das Zitat und Ihr Gewinn"  |  © Dwonderwall/Flickr.com

So – oder so ähnlich – könnte ein Eintrag im Tierlexikon über die Gattung Vorgesetzter und ihr Biotop beginnen. Aber sind Sitzungen nicht wichtig, damit Probleme gelöst werden können? Wie der Kabarettist Werner Finck sagt: Nein. Die einzige Fähigkeit, die erwiesenermaßen zunimmt, wenn man in großer Runde über Probleme redet, ist die Fähigkeit, in großer Runde über Probleme zu reden.

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Eine Umfrage unter 800 Führungskräften im deutschsprachigen Raum ergab: Sieben von zehn Teilnehmern halten Meetings für schlecht vorbereitet. Sechs von zehn sagen, Meetings verzögerten Arbeitsabläufe. Und jeder Zweite sieht Verantwortlichkeiten nur unzureichend geklärt.

Martin Wehrle
Martin Wehrle

Der Coach Martin Wehrle ist Autor mehrerer Karrierebücher und gibt jede Woche Karrieretipps in der Kolumne "Das Zitat und Ihr Gewinn".

Direkt nach der Umfrage, befürchte ich, sind die Chefs ins nächste Meeting gehüpft ; ein Drittel gab an, jeden Tag drei bis vier Stunden zu konferieren. Macht, aufs Berufsleben hochgerechnet: schlappe 20 Jahre Meetings!

Woran kranken Meetings? Erstens: Es gibt zu viele davon! Wie wäre es, den Dialog auch außerhalb des Sitzungsraums zu pflegen? Alltägliches lässt sich im Alltag klären, es muss nicht in eine Sitzung ausgelagert werden. Wer öfter mal im Büro seiner Kollegen vorbeischaut und sich abstimmt, findet unkomplizierte Lösungen.

Je weniger Meetings nötig sind, desto besser ist die Organisation!

Zweitens geht es bei Meetings oft nicht um die Sache, sondern nur um die Macht. Eine Abteilung marschiert gegen die andere auf, ein Teilnehmer profiliert sich auf Kosten des nächsten. Wer vor dem Meeting ein Sachproblem hatte, ist danach einen Schritt weiter – er hat zusätzlich ein Beziehungsproblem!

Und drittens: Wenn schon Meetings, dann bitte auch mit denjenigen am Tisch, die von der Sache am meisten verstehen. Wenn Manager über ein neues Einkaufssystem debattieren, ohne dass ein Einkäufer dabei ist, verkommt der Meetingraum zur Insel der Ahnungslosen. Das führt zu Fehlentscheidungen.

Und das macht Mitarbeiter zu Trotzköpfen: Sie torpedieren diesen Beschluss im Alltag, bis er gescheitert ist. Womit ein neues Problem entstanden ist. Zeit fürs nächste Meeting!

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Leserkommentare
  1. Eine Organisation, in der man sich nicht gemeinsam austauscht und abstimmt, hätte wohl kaum überlebenschancen. Sicher sollte man sich fragen, ob jede Konferenz wirklich nötig ist. Aber entscheidend ist nicht, weniger Meetings durchzuführen, sondern sie *richtig* durchzuführen, das heißt: kurz, knackig, ergebnisorientert. Wie man das macht, kann man lernen. Und wer es kann, beweist damit Führungsqualität.
    Im übrigen kann ich nur mit Ruth Cohn sagen: Be your own chairperson. Übernimm Verantwortung. Wenn die Sitzung nichts bringt, dann liegt es letztlich auch an dir.

    Eine Leserempfehlung
  2. Eine ausdifferenzierte Struktur von Meeting-Formaten erlaubt es, die Probleme und Spannungen jeweils einem geeigneten Forum zuzuweisen, in welchem sie bearbeitet werden. Brian Robertson von HolacracyOne beschreibt in einem Interview den Effekt davon:
    Wir haben das mit sehr großen öffentlichen Firmen getan, wir nehmen das Führungs-Team und fragen sie einfach „Mit welchen Problemen ringt ihr gerade?“ und sie machen eine lange Liste, und dann fangen wir an sie aufzudröseln und wir fragen „Welche dieser Problem sind in Wahrheit strategische Probleme?“, „Welche sind Governance Probleme und welche sind operativer Art?“ Und wir dröseln sie auf und zeigen ihnen, dass es verschiedene Meeting-Prozesse gibt um jede Art von Problem zu adressieren und selbst diese Klarheit ist selten. Was sie unserer Erfahrung nach tun, ist, dass sie Probleme innerhalb des falschen geistigen Rahmens lösen wollen. Also werden Leute versuchen mit einem operativen Mindset zu lösen, was eigentlich Governance Probleme sind und sie mögen das Problem vielleicht dieses Mal lösen, doch sie lösen das Muster darunter nicht auf und darum geht es bei Governance einzig und allein: darunterliegende Muster zu lösen. Also selbst diese Klarheit: „wow, schau mal, es gibt verschieden Typen von Problemen und verschiedene natürliche Meeting- und Entscheidungsfindungs-Prozesse mit unterschiedlichen Schwerpunkten um jedes zu lösen“, war oftmals transformativ für die Führungs-Teams."
    aus: Zeitschrift Integrale Perspektiven,Nr.16

  3. Wenn ich in ein derartiges Meeting gerate, wie oben beschrieben, gehe ich, und zwar sofort. Man hat mich dann auch das letzte Mal dort gesehen. Wer kann und will in einer Firma arbeiten, in der es so läuft? Was soll man dort?

  4. In den letzten Jahren meiner beruflichen Laufbahn wurde uns
    Mitarbeitern der unteren Führungsebene (Schichtführer) ein Produktionsminus des gestrigen Tages von 2% um die Ohren gehauen. Lag die Abweichung um 12% im Plus, kam nur eine müde
    anerkennende Bemerkung. Haarspaltereien und Selbstdarstellungen waren die Regel. Mitunter wurden die Kollegen mit aus falschen IT-Auswertungen resultierenden Ergebnissen konfrontiert, was einen älteren Mitarbeiter Ende Fünzig sehr belasten kann. Danke, dass ich das hinter mir habe.

  5. Immer schön, wenn man Glaubenssätze über Führungskräfte so schön journalistisch aufbereiten kann. Ob sie hilfreich sind, mögen diejenigen beurteilen, die sich darin wiederfinden. Ich denke allerdings, dass es nicht so viele sein werden.

    Eine Leserempfehlung
  6. beeindruckt mich durch die kenntnisreiche Demonstration des inhaltsleeren Pidgin-Geschwätzes, das die "smarten" BWL-Absolventen und sonstigen Wichtigtuer der Nation gierig von den Lippen der selbstgewählten Kolonialherren aufsaugen.

    Ich gehe mal davon aus, mein guter (vielleicht gar Dr.?) Seltsam, dass der Autor gerade Sie schmunzelnd als Vorbild im Visier hatte.

    Antwort auf "Bla bla bla."
  7. Leider ist es mir unmöglich diese Umfrage irgendwo im Netz zu finden. Könnten sie mich bitte auf die passende Seite verweisen?

    Vielen Dank!

  8. Es ist einer der zwangsläufigen Auswüchse, wenn - entgegen häufiger Selbstdarstellung der Akteure - nicht ergebnis- sondern prozeßorientiert geführt wird. Nicht vom Produkt oder gar vom Kunden her wird gedacht, sondern möglichst in jedes Detail hineinregiert. Wo statt der Produktion die (Selbst)Präsentation Priorität hat, sind diese Bühnen zwanghafter Selbstdarsteller offensichtlich unvermeidlich.

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  • Serie Das Zitat und Ihr Gewinn
  • Schlagworte Werner Finck | Alltag | Führungskraft | Umfrage | Chef | Tier
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