Studium Praxisnähe reicht nicht aus
Zur Ausbildung gehört auch Bildung, glaubt man an der Hochschule Coburg.
Es ist verführerisch, zu viel in Michael Pötzls Aussicht aus seinem Büro hineinzudeuten: Auf einem Berg über Coburg liegt die Fachhochschule, deren Präsident er ist, er sitzt über den Baumwipfeln, kann den alten Stadtkern erahnen, und wenn er sich nach links beugt, sieht er auch die Veste Coburg. »Elfenbeinturm« ist die Assoziation, die einem dazu in den Sinn kommt, und sie ist falsch.
Denn Elfenbeintürme werden nicht so beherzt um- und neu gebaut wie derzeit der Coburger Campus. Pötzl ist gerade aus dem roten Baucontainer ausgezogen, der ihn beherbergt hatte, solange sein Zimmer noch nicht fertig war. Und das ist nicht das Einzige, was die Hochschule Coburg derzeit umgestaltet.
Sie haben sich einen neuen Claim gegeben: »Die Projekthochschule«. Dreierlei soll darin zum Ausdruck kommen: Anwendungsbezogenheit, wissenschaftlicher Anspruch und der Blick über den Tellerrand des eigenen Faches hinaus. Ist das ein hübscher Marketingeinfall? Oder vielleicht ein Zeichen für den Sinneswandel einer Hochschulgattung, die doch eigentlich stolz darauf ist, sich durch nichts vom Erreichen ihres Hauptziels abhalten zu lassen, nämlich der Ausbildung praxistauglicher Arbeitnehmer?
Die Coburger haben erkannt, dass die Zeichen der Zeit rückwärts deuten, in Richtung eines umfassenderen Bildungsbegriffes, als er noch vor wenigen Jahren en vogue war. Er ist der humanistischen Tradition näher, als es denjenigen recht sein dürfte, in deren Augen das »allgemein« in »allgemeine Hochschulreife« in erster Linie für »nicht praxisrelevant« stand. Bildung bedeutet zunächst: Orientierung. Deshalb haben die Coburger für den doppelten Abi-Jahrhang ein freiwilliges, einsemestriges Studium generale eingerichtet, das dem eigentlichen Studium vorausgeht. 112 Studierenden nehmen es derzeit in Anspruch. So sollen erstens die Jahrgänge, die durch die Verkürzung der Schulzeit und die Wehrdienstaussetzung gleichzeitig an die Hochschulen stürmen, entzerrt werden. Und zweitens kommt man so dem Orientierungsbedürfnis nach, das junge Leute haben, die keinen Wehr- und Zivildienst und ein Schuljahr weniger Zeit hatten, um über ihre persönliche und berufliche Zukunft nachzudenken. Die Studenten schreiben sich ein und können aus etwa 50 verschiedenen Veranstaltungen wählen, darunter »Allgemeine Ethik«, »Einführung in die Ethnologie«, »Interkulturelle Kompetenz«, aber auch »Die Gitarre in Theorie und Praxis« und anglizistisch Verklausuliertes wie »Social Contacts and Telephoning«. Die Prüfungen werden ihnen später angerechnet, und sie zahlen keine Studiengebühren.
Pötzl erzählt, worin sich die aktuellen Studienanfänger von den früheren unterscheiden: Jünger seien sie und weniger homogen. Vor 20 Jahren waren die Studenten klassische Gymnasiasten und Fachoberschüler: schlau, aber noch grün hinter den Ohren. Heute besuchen die Hochschule Coburg junge Leute mit vielfältigerem Bildungshintergrund: Manche haben das Abitur oder Fachabitur, manche haben die Berufsoberschule absolviert, einige eine Berufsausbildung und drei Jahre Praxiserfahrung hinter sich. »Die nach Schema F zu belehren, das klappt nicht«, sagt Pötzl. Studierende, die aus dem Beruf kommen, seien meistens hoch motiviert und könnten sich gut selbst organisieren, aber ihnen fehlten theoretische Grundlagen, die wiederum den Abiturienten, die dafür von der Praxis wenig Ahnung hätten, trivial erschienen.
Das heißt für die Hochschulen: Sie können immer weniger voraussetzen. Das, was die Studierenden an den Gymnasien durch die Schulzeitverkürzung nicht gelernt haben, müssen sie an den Hochschulen nachholen, und das gilt nicht nur für Sachinhalte. »Persönliche Reifeprozesse können wir nicht beschleunigen, die brauchen ihre Zeit. Aber wir können ihnen einen Raum geben«, sagt Pötzl. Instrumentelle Bildung, also rein zweckgerichtetes Lernen, müsse auch von einem Lernen begleitet werden, das diese Zwecke hinterfragt.
- Datum 13.05.2011 - 10:57 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 12.5.2011 Nr. 20
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Das war das Thema der sechziger Jahre an den damaligen Ingenieurschulen und THn. Wie gut, dass das wieder entdeckt wird. Gesellschaftliche Zusammenhänge, historische Bezüge, rechtliche Implikationen, Folgenabschätzung bezüglich verschiedenster Aspekte gehört gerade auch bei den gestuften Studiengängen zum notwendigen Rüstzeug nicht nur angehender Ingenieure sondern aller Hochschulabsolventen. Ich denke dabei insbesondere auch an Juristen, BWLer und VWLer. Nur wer zum Nachdenken über seine Verantwortung im späteren Beruf in seinem Studium angeleitet wird, wird später in der Lage sein, seinen Auftraggebern bei unsinnigen oder gar schädlichen Projekten auf Augenhöhe entgegen treten zu können.
Zunächst gebe ich #1 Recht: insbesondere die Rechts- sowie die Wirtschaftswissenschaft haben das Problem, dass sie so gut wie gar nicht über ihren eigenen Tellerrand schauen. Mein größter Kritikpunkt (als jemand, der selbst VWL studiert und u.a. deswegen abgebrochen hat) ist dabei, dass eine philosophische Orientierung fehlt, etwas, das das eigene Fach in den großen Kontext einordnet und einen Sinn für Ethik fördern soll (klappt freilich nicht bei jedem, aber im ein oder anderen Fall sollte es helfen).
Dass ausgerechnet eine Fachhochschule und nicht etwa eine Universität, die doch noch viel eher den Anspruch haben sollte, ihren Studenten nicht etwa nur Wissen, sondern echte Bildung (!) zu vermitteln, eine solche Aktion startet, ist auf der einen Seite überraschend und erfreulich, auf der anderen Seite traurig. Diese Initiative darf kein Einzelfall bleiben, vielmehr müssen gerade die Unis dafür sorgen, dass die Wirtschaftswissenschaften sich wieder mehr ihrer sozial- und geisteswissenschaftlichen Wurzeln bewusst werden und eine Abkehr von diesem pseudo-naturwissenschaftlichen Nonsens stattfindet.
Architekten stellen also fest, daß in ihren entworfenen Gebäuden später auch mal Menschen leben sollen? Als Planer bin ich entzückt!
Das Wort "Projekt" ist das Bildungsunwort des 21. Jahrhunderts - zumindest bislang. Übersetzbar mit: Inkompetenz, nicht nachhaltig, prekär...
Der Ansatz der FH klingt gut - ist aber, zumindest was alle Hochschulen angeht- nur bedingt neu. Die Leuphania versucht sowas schon seit ein paar Jahren
Warum müssen alle von den Philosophen und Geisteswissenschaftlern lernen, warum nicht auch umgekehrt? Warum sollen nicht die Philosophen nicht auch einmal in Technische Mechanik oder Lineare Algebra gehen?
Weil jeder sich über das Zusammenleben von Menschen Gedanken machen sollte, über Zusammenhänge in der sozialen Welt und über Ethik, jedoch nur ein recht kleiner Kreis - selbst beim besten Willen - jemals etwas mit Physik oder höherer Mathematik zu tun haben wird.
Der Soziologe Schelsky hatte das mit anderen Worten einmal so ausgedrückt, die Technik sei ein Königsweg der Vernunft.
Warum? Technische Probleme lassen sich nicht "definitorisch" und nicht durch "Sinn-Produktion" lösen. (Es ist ein bischen wie beim Fussball: "Vor dem Ball sind alle gleich.") Für die charakterliche Reife ist nichts förderlicher, als sich mit einem widerspenstigen technischen Problem auseinanderzusetzen und es erfolgreich zu lösen. (Und das beginnt schon beim "debuggen" eines Programms.)
In diesem Sinne hat nichts eine "demokratisierende" Wirkung, als die Beschäftigung mit Mathematik und Physik.
Das wird man noch lernen (müssen :-)).
Herzlichst Crest
Nirgends lernt man klarer zu argumentieren als in der Mathematik. Und diese Fähigkeit ist eigentlich in allen Belangen wichtig. Insbesondere auch, um Argumente, wie sie gerne in der Politik benutzt werden, zu verstehen (oder um zu erkennen, warum es oft auch keine richtigen Argumente sind). Ich wünschte mir eine verpflichtende Statistikveranstaltung für alle Studiengänge, insbesondere im Hinblick auf die Fähigkeit statistische Argumente kritisch zu hinterfragen. Der Menschheit würde in Zukunft einiges an Ärger erspart bleiben.
Aber ich glaube, dass man erstmal einem großen Teil der Bevölkerung die Angst vor der Mathematik nehmen muss.
Weil jeder sich über das Zusammenleben von Menschen Gedanken machen sollte, über Zusammenhänge in der sozialen Welt und über Ethik, jedoch nur ein recht kleiner Kreis - selbst beim besten Willen - jemals etwas mit Physik oder höherer Mathematik zu tun haben wird.
Der Soziologe Schelsky hatte das mit anderen Worten einmal so ausgedrückt, die Technik sei ein Königsweg der Vernunft.
Warum? Technische Probleme lassen sich nicht "definitorisch" und nicht durch "Sinn-Produktion" lösen. (Es ist ein bischen wie beim Fussball: "Vor dem Ball sind alle gleich.") Für die charakterliche Reife ist nichts förderlicher, als sich mit einem widerspenstigen technischen Problem auseinanderzusetzen und es erfolgreich zu lösen. (Und das beginnt schon beim "debuggen" eines Programms.)
In diesem Sinne hat nichts eine "demokratisierende" Wirkung, als die Beschäftigung mit Mathematik und Physik.
Das wird man noch lernen (müssen :-)).
Herzlichst Crest
Nirgends lernt man klarer zu argumentieren als in der Mathematik. Und diese Fähigkeit ist eigentlich in allen Belangen wichtig. Insbesondere auch, um Argumente, wie sie gerne in der Politik benutzt werden, zu verstehen (oder um zu erkennen, warum es oft auch keine richtigen Argumente sind). Ich wünschte mir eine verpflichtende Statistikveranstaltung für alle Studiengänge, insbesondere im Hinblick auf die Fähigkeit statistische Argumente kritisch zu hinterfragen. Der Menschheit würde in Zukunft einiges an Ärger erspart bleiben.
Aber ich glaube, dass man erstmal einem großen Teil der Bevölkerung die Angst vor der Mathematik nehmen muss.
Weil jeder sich über das Zusammenleben von Menschen Gedanken machen sollte, über Zusammenhänge in der sozialen Welt und über Ethik, jedoch nur ein recht kleiner Kreis - selbst beim besten Willen - jemals etwas mit Physik oder höherer Mathematik zu tun haben wird.
das wird gefordert, zB Menschenrechte. Damit Arbeitnehmermobbing aufhört.
Philosophie - diese Lobby der Kirchenprälaten - auch der kathegorische Imperativ entstammte nicht den Gehirnwindungen Immanuel Kents, sondern ging über die Lippen Jesu Christi vor über 2000 JAhren (siehe die Bibel, Matthäus 7:12), Natürlich ist dieser BAchelor-Mist reiner Illuminaten-Schrott einer Elite-Gesellschaft und hat mit dem Pioniergeist deutscher freier Universitäten nichts gemeinsam. Leute, denkt nur mal drüber nach, warum es Universitäten gibt, die sich - nicht ohne Grund - freie Universitäten nennen. Diese streben freies wissenschaftliches Denken und HAndeln an ohne die Zensur von Politik und vorallem Kirchen.
Eine wahrheitsgetreue wissenschaftliche Ausbildung schliesst
ethisches Denken mit ein. Wissenschaft kommt nur dann unberechtigt in Verruf, wenn die Mächtigen dieser Welt sie für ihre Zwecke mißbrauchen. Siehe Atombombe, Otto HAhn, Pharma-Skandal, Contergan-Affäre.
Philosophie ist nichts weiter als die Kunst, den Geist abzutöten. Denn ihr Inhalt hat keinerlei Wahrheitsgehalt.
Goethe - ein Dichter? die Folge: Walldorf-Schulen, wo man lebt wie im Kloster. Soweit zum Thema Philosophie. Sie schränkt immer den Menschen ein bis zum Tod. Sie endet immer im radikalen Fundalismus, der alles Leben zerstört.
... und Respektlosigkeit, die einige Technokraten gegenüber den Geisteswissenschaften an den Tag legen und die unverschämte Dreistigkeit, jedes Studium abseits der ökonomisch opportunen MINT-Fächern als nutzlos abzustempeln, erschüttert mich. Ein Studium der Ingenieurswissenschaften setzt eine gewisse mathematische Begabung voraus, die nicht jedem Menschen gegeben ist. Nicht umsonst scheitern in den Grundlagenklausuren der Elektrotechnik an meiner Universität 70% aller Studenten, darunter auch solche, die im Abitur eine gute Note in Mathematik vorweisen konnten. Was nützt es einem, seine Studienentscheidung ausschließlich nach der Marktnachfrage auszurichten und dabei persönliche Präferenzen und Befähigungen auszublenden? Diese Herangehensweise führt in die Sackgasse: Studienabbruch oder Langzeitstudium.
Man sollte studieren, worin man gut ist. Wenn man etwas gut kann und sich während des Studiums frühzeitig ein Netzwerk zusammenstellt, kommt man als Akademiker überall unter, wenn man auch etwas länger warten muss.
Es gibt kein nutzloses Wissen, keine nutzlosen Studienfächer. Wer sowas behauptet, hat sich als phantasieloser Kleingeist geoutet. Nicht jeder Mensch will reich werden und als Ingenieur bei Daimler-Benz arbeiten.
echtes "Wissen" ist sicher selten nutzlos. Was aber ein von naturwissenschaftlichem Wissen unbehinderter Geist anrichten kann sieht man hier:
http://www.zeit.de/2011/2...
Aber selbst ohne Wissen um Zustandsgleichungen & Co. hätte den Autor doch vielleicht der eine oder andere selbstkritische Gedanke befallen "müssen"?
Wobei leider auch noch zu ergänzen ist, das gerade im Umweltbereich sehr oft nicht das erforderliche Fachwissen als Ausschlag gebend zum Tragen kommt, sondern ideologische Aspekte.
MfG Karl Müller
echtes "Wissen" ist sicher selten nutzlos. Was aber ein von naturwissenschaftlichem Wissen unbehinderter Geist anrichten kann sieht man hier:
http://www.zeit.de/2011/2...
Aber selbst ohne Wissen um Zustandsgleichungen & Co. hätte den Autor doch vielleicht der eine oder andere selbstkritische Gedanke befallen "müssen"?
Wobei leider auch noch zu ergänzen ist, das gerade im Umweltbereich sehr oft nicht das erforderliche Fachwissen als Ausschlag gebend zum Tragen kommt, sondern ideologische Aspekte.
MfG Karl Müller
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