Studiengänge Radio hören für die Uni

Das Fach Medienwissenschaft tritt thematisch extrabreit an.

Studenten in einem Hörsaal der Uni Siegen

Studenten in einem Hörsaal der Uni Siegen

Am Anfang analysierte Carina Johannsen sogar noch morgens unter der Dusche, was sie im laut aufgedrehten Radio hörte: Wie verändert sich die Betonung der Radiosprecherin? Warum wurden welche Nachrichten ausgewählt, und wie werden die präsentiert? Das war im ersten Semester. Wenn Johannsen heute zurückblickt, muss sie lächeln. Die 23-Jährige studiert inzwischen im sechsten Semester Medienwissenschaft an der Universität Siegen und arbeitet gerade an ihrer Bachelorarbeit, in wenigen Monaten wird sie das Studium abgeschlossen haben. »Das mit dem Analysieren ist zum Glück bald weniger geworden, ich kann wieder mit Freude Zeitung lesen und Radio hören, ohne an die Theorie zu denken«, sagt Johannsen. Medien sind eben überall und fast immer präsent. Für Medienwissenschaftler bestimmen sie zusätzlich den Forschungs- und Berufsalltag.

»Kommunikation gewinnt weiter an Bedeutung, und mit ihr wächst das Angebot der Kommunikations- und Medienberufe«, sagt Klaus-Dieter Altmeppen, der an der Universität Eichstätt als Medienwissenschaftler forscht und lehrt. Nicht nur die etablierten Arbeitsgebiete wie Marktforschung, Mediaplanung, Werbung und Journalismus bieten Chancen. Es entstehen auch neue Berufsfelder durch die zunehmend professionellen Auftritte der Medien und Unternehmen in Sozialen Netzwerken, die wachsende Zahl der Mobilservices, die neuen Plattformen für die Verbreitung von Nachrichten und Videos. Für Absolventen der Medien- und Kommunikationswissenschaften würden die beruflichen Chancen vielfältiger, sagt Altmeppen.

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Carina Johannsen freut sich über die beruflichen Aussichten; ausschlaggebend für ihre Studienwahl waren sie jedoch nicht. »Ich hatte zwischen Psychologie und Medienwissenschaften hin und her überlegt«, erzählt sie. »Ich finde es interessant, wovon die Menschen wie beeinflusst werden.« Heute weiß sie, wie die Medien auf Menschen einwirken können. Warum Hunde auf Spielplätzen zeitweise als große Gefahr erscheinen, dann aber plötzlich in Vergessenheit geraten – weil sie von der Agenda der Zeitungen und Fernsehsendungen verschwunden sind. Inwiefern Ego-Shooter-Spiele aus labilen Menschen Amokläufer machen können.

Neben den Analysefächern lernte Carina Johannsen auch, handwerklich und praktisch mit Medien umzugehen: Was gibt es bei einem Aufnahmegerät zu beachten, wie bedient man eine Kamera, wie schneidet man Filme und Radiobeiträge ordentlich? Im dritten Semester hat Johannsen zusammen mit ihren Kommilitonen für einen Shampoo-Werbespot im Radio die Geschichte von Rapunzel umgeschrieben: »In unserer Variante lässt Rapunzel ihr Haar runter, der Prinz will hochklettern, aber die Haare reißen. Dann kommt der Slogan des Shampoos und der Hinweis, dass das damit nicht passiert wäre. Das war alles akustisch gar nicht so einfach zu vermitteln, aber am Ende hat es gut geklappt«, erzählt die Studentin. An eine fundierte Fernseh- oder Radioausbildung reicht das aber nicht heran. »Ich weiß theoretisch, wie ich einen Film machen kann, aber natürlich haben wir nur an der Oberfläche gekratzt«, sagt Johannsen.

Es gibt auch Universitäten, an denen die Studenten während des gesamten Studiums kein einziges Mal eine Kamera in der Hand halten. Mehr als 200 Studienangebote für Medien- und Kommunikationswissenschaften existieren inzwischen in Deutschland, und die Qualitätsunterschiede sind groß. In den vergangenen Jahren haben viele Unis das Fach Kommunikations- und Medienwissenschaft einfach nur eingeführt, um ihr Image zu verbessern. Fehlen aber die nötigen Kompetenzen und Kapazitäten, schadet es eher ihrem Ansehen, wie die Universität Passau anfangs feststellen musste. 2004 hatte man dort einen Bachelorstudiengang Medien und Kommunikation gegründet, den die Fächer Philologie, Pädagogik und Politikwissenschaften gemeinsam führten – einen Lehrstuhl für Kommunikationswissenschaft aber gab es nicht. Kein Wunder, dass die Angebote nach Aussagen vieler Studenten theoretisch und praxisfern blieben, was sich im Ranking des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) im Jahr 2008 niederschlug: Der Studiengang in Passau war in allen wichtigen Kategorien in der Schlussgruppe vertreten.

Leser-Kommentare
  1. Ich studiere Medientechnologie an einer TU. Durch den interdisziplinären Ansatz dieses Studienganges habe ich neben den technischen Fächern auch Einblicke in die Bereiche Medien- und Kommunikationswissenschaften. Nach nunmehr 6 Semestern konnte ich mir ein gutes Bild machen.
    Für mich sind die Medienfächer zum Teil sehr unwissenschaftliches, aufgeblasenes Geblende. In den Vorlesungen betreiben Kompetenzsimulanten großes Powerpointkaraoke und am Ende des Semesters gibts "Prüfungen" in denen nur geprüft wird, wie gut man Fragekataloge auswendig lernen konnte.
    Die Erkenntnisse die vermittelt werden, sind zum Teil so trivial, so unwissenschaftlich, dass viele die Vorlesung nach den ersten beiden Veranstaltungen nicht mehr besucht haben. Dennoch war es möglich eine 2 zu schreiben. Versuchen Sie das mal in Disziplinen wie Elektrotechnik oder Physik.
    Aber das ist noch lange nicht alles! Bezeichnend ist die übertriebene Verwendung von Euphemismen und Wieselwörtern um das ganze wissenschaflticher klingen zu lassen in Vorlesungen, aber auch schon in den Modul- und Fächerbeschreibungen.
    Beispiele:
    Produktforschung: Hier ging es nur um Mediencontent (in der ersten Vorlesung hat ein Student seine Bachelorarbeit vorgestellt, er hatte Fernsehserien ausgewertet).
    Kommunikation innovativer Technologien: Selbst der Vorlesende wusste mit dem Titel nichts anzufangen...
    Mediensystem Engineering: Bei System und Engineering denke ich ja an Mechatronik. Aber weit gefehlt!

  2. Wenn also so ein Fach unter diesem Namen, dass es sich zum Anspruch macht, komplexe heterogene Systeme Top-Down entwerfen zu wollen, in einem Maschinenbau- oder Mechatronikstudium auftacht, könnte ich damit ja noch leben. Aber nicht im Kontext der Medienwissenschaft oder -wirtschaft.
    Vor einiger Zeit gab es in Thüringen große Aufrufe zu Demonstrationen gegen Kürzungen der Bildungsausgaben seitens der Landesregierung. Ich habe mich an diesen Demos nicht beteiligt. Denn die Uni hat Einsparpotential: Diese Nichtwissenschaften, die ihre Existenzberechtigung nur haben, weil sie einer ganzen Reihe von Menschen ein Einkommen sichern. Daneben nimmt die Zahl der Einschreibungen in Studiengänge wie Elektrotechnik immernoch stark ab. Dies hat zur Folge, dass in den höheren Semestern kaum 2 oder 3 Leute in den Vorlesungen sitzen. Hier gibt es ebenfalls leider Sparpotential.
    Nur ist es aber so, dass gerade diese Medienfächer sehr beliebt sind. So gibt es dort auch sehr viele intelligente Studies, die sich meiner Meinung aber von dieser kunterbunten Medienwelt blenden lassen und ihre Zeit verschwenden. Der Satz aus dem oberen Artikel "Andererseits haben wir natürlich nur selten fundierte Kenntnisse" ist bezeichnend. Hier entstehen nicht die Fachkräfte an denen es Deutschland mangelt. Sind wir ehrlich: Die meisten kommen eh in Werbe- und "Kommunikationsabteilungen"(PR), also in Agenturen unter. Über Arbeitsgegenstand, die Arbeitsbedingungen und den Verdienst weiß jeder bescheid.

  3. [es folgen Pauschalisierungen]
    Aber viele haben es auch nicht anders verdient! Der typische Medien- und Kommunikationswissenschaftler hat mindestens ein Handy, mp3-Player oder Laptop von Apple und denkt er wäre technisch versiert; ließt die Neon oder vergleichbare Lifestyle-Magazine; blogt, Studi-VZet, facebooked oder Twittert über Konsumgüter und Dienstleistungen aller Art; hat im Sommer eine Plastiksonnenbrille auf und liegt gerne faul auf der Wiese oder feiert in der Woche Parties.

    So nehme ich leider einen Großteil der "Bildungselite" und Akademiker in unserem Land wahr und schäme mich dafür. Sehr selten, hin und wieder findet man jemanden der für die eigentliche Wissenschaft brennt. Der Großteil hofft einfach auf den Abschluss, der sie, ähnlich wie bei einem Großteil der BWLer, zu einem enormen Einkommen befähigen soll. Bei vielen funktioniert es ja auch, allerdings nicht wegen dem Studium, sondern wegen ihrer allgemeinen Intelligenz und Leistungsfähigkeit, die sie aber auch ohne dieses "Studium" gehabt hätten. Der Rest ist nach dem Abschluss genauso schlau wie vorher und wäre mit einer soliden (uncoolen) Ausbildung längt viel weiter im Leben.

  4. Sie gehen mit Ihren "Kollegen" ziemlich hart aber treffend ins Gericht. Damit wird meine wird meine eigene Meinung (sehr vielfältig gebildet) noch von Erfahrungswerten anderer gestützt. Und für meine "Pauschalmeinung" musste ich mich sogar kritisieren lassen! Jeder mit gesundem Menschenverstand kann das erkennen. Nun scheine ich also doch im Recht zu sein (die Situation an anderen Hochschulen kenne ich natürlich nicht). Danke dafür.
    Was das Einsparungspotenzial angeht, könnte man die Liste deutlich länger machen. Eines davon ist das mit Abstand beliebteste in Deutschland.
    Zumindest wäre ich dafür die Studierendenanzahl und die "Forschung" in diesen Bereichen zu dämpfen um mehr Mittel für Nützliches freizumachen. Damit würden man eigentlich allen einen Gefallen tun.
    So könnte man in den Bibliotheken mal mehr als 5 Bücher für 100 Studierende haben oder Gebäude und Gerätebestand erneuern. Bei mir gibt es immer noch Rechner, die schon fast abstürzen, wenn man ihnen ne größere Matrix oder einen Plot vorsetzt, während meiner das in Sekunden macht.
    Zudem würden einige lieber eine solide Ausbildung beginnen, mit der sie finanziell und auch interlektuell besser bedient sind.

  5. Ich selbst bin leider auch Student im Bachelorstudiengang KMW an der Uni Leipzig und kann mich meinen Vorrednern nur anschließen. Hier sind meine Erfahrungen mit dem Studiengang in Leipzig.

    Der Gerechtigkeit halber sei eine Bemerkung vorausgeschickt:
    Es gibt durchaus fähige Leute am Institut. Aber: Zwei der vier mir bekannten, kompetenten Persönlichkeiten sind fachfremd und verdienen ihren Lebensunterhalt mit etwas anderem als ihren Vorlesungen in diesem Fach.

    Gerade komme ich aus einer wahrhaft unterirdischen Vorlesung mit dem hochtrabenden Titel "Methoden der empirischen Kommunikations- und Medienwissenschaft". Wer dabei jetzt auch nur entfernt an etwas Mathematisches denkt, befindet sich auf dem Holzweg.
    Man bekommt Trivialitäten vermittelt wie "Sie müssen bei einer Befragung jedem Befragten die gleichen Fragen stellen, um vergleichbare Ergebnisse zu erhalten." Das ganze wird mit lustigen Begrifflichkeiten wie "semantische & inhaltliche Analyse" ausgeschmückt, welche die Buchstaben, mit denen sie geschrieben sind, meist nicht wert sind.

    Sobald sich etwas mit Anspruch in eine Vorlesung einzuschleichen droht, wird schnell abgewiegelt. Stattdessen wird auf die "Vielfältigen Verflechtungen und komplexen Beziehungen innerhalb des Mediensystems" verwiesen, am besten auch noch mit Verweis auf die Lieblingskinder der Leipziger Forschung, die Mikro-, Meso- und Makroebenen, die wiederum vielfältig und komplex sind...

  6. Gerne erfolgt an dieser Stelle dann die Bemerkung der Lehrenden, dass man sich ja lediglich in einer Einführung in das Fachgebiet befinde und für eine tiefergehende Behandlung an dieser Stelle kein Raum sei - Ich wundere mich, warum ich, der ich mich in der Schlussphase meines Studiums befinde, bisher nur Einführungsveranstaltungen habe erleben dürfen?

    Wie wäre es denn einmal damit, dass die Module aufeinander aufbauen? Das wäre eine nette Abwechslung zur gegenwärtigen Situation, in der man im 2. Semester mal schnell das Mediensystem durchnimmt (Klausuraufgabe Bsp: Abkürzungen ausschreiben), im 3. Journalistik (Klausurfrage Bsp.: Welchen sozialen Milieus gehören Journalisten vorrangig an? Nennen sie alle 7!) und im 5. PR (Klausurfrage Bsp.: Nennen sie die Definition von PR nach B. aus dem Jahr X und unterstreichen Sie die Kernbegriffe!), dann aber nie wieder etwas davon hört?
    Praxis kommt quasi nicht im Studium vor, zwar besitzt die Uni ein eigenes Radio, auf das auch gerne hingewiesen wird, dieses wird aber in Eigenregie von äußerst engagierten Studenten außerhalb des Studiums geführt und Unterstützung von Seiten des Institutes erfährt das Radio nicht bzw. nur von einzelnen Mitarbeitern.

    Schlimm ist, dass einige Studenten in blindem Eifer dem ganzen Zirkus hinterher hecheln. Sie scheinen sich mit dem System arrangiert zu haben. Wozu schwierige, im schlimmsten Fall sogar nützliche Dinge lernen, wo man sich doch durch bequemes Bulimielernen auch eine 1,x sichern kann?

  7. Letztlich ist das Leipziger Studium der Kommunikations- und Medienwissenschaften genau das, was alle Welt immer gerne sagt:
    "Irgendwas mit Medien".
    Das Problem an der Sache: Man ist nachher nicht schlauer als vorher, lediglich um einige mehr oder wenige sinnvolle oder auch sinnfreie Definitionen, Modelle (nein, nichts kompliziertes) und Begrifflichkeiten "reicher".

    Ich fühle mich von der Universität Leipzig betrogen:
    Ich habe eine fundierte wissenschaftliche Ausbildung erwartet, die mich auch für etwas qualifiziert – nicht diese Selbstbeweihräucherung einiger Damen und Herren, die sich hier bequem ihren Lebensunterhalt verdienen und darüber hinaus meine Zeit vergeuden, die ich lieber in einem vernünftigen Studiengang zubringen könnte.

    Sollte die Universität Leipzig sich selbst auch nur ansatzweise ernst nehmen, sie würde den Studiengang eher noch heute als morgen abschaffen.

  8. dass Studenten sich kritisch zu ihren Studiengängen äußern, aber teilweise klingt es so als ob sich ein MINT-Student anonym über den geistigen Anspruch in den Labber-Studienfächer auskotzt...
    Aber seien Sie beruhigt, ich bin selber ein ehemaliger MINTi und auch in den sogenannten hardcore MINT-Studiengängen gibt es von Hochschule zu Hochschule gravierende Leistungsunterschiede....Es ist eben wie Sie schreiben, die Uni. Leipzig die Betrügern. Es gibt sicherlich auch Hochschullen, die dem wissenschaftlichen Anspruch den sie suchen genügen.

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