Studienreform"Bologna ist prima"

Man muss die Studienreform nur richtig umsetzen. Wie das geht, zeigt die Universität Hildesheim. von Nora Gantenbrink

Studierende der Uni Hildesheim

Studierende der Uni Hildesheim  |  © Andreas Hartmann

Werner Greve hat sich eine bunte Fliege umgebunden und wird gleich etwas sagen, was viele Menschen nicht hören wollen, aber es muss sein. Wer sich auf den Weg nach oben macht, muss sich Debatten stellen. Greve hebt sein Sektglas und sagt: »Bologna ist schon jetzt ziemlich prima!«

Die Reaktionen der Zuhörer im Foyer des Römermuseums Hildesheim sind gespalten. Manche der Anwesenden nicken, andere raunen, einer klatscht. Sie sind gekommen, um zu diskutieren. Zwei Tage, eine Frage: Wie kann man die Bachelor-Master-Strukturen an den deutschen Universitäten verbessern? Nicht alle Teilnehmer des Forums sind von der Studienreform überzeugt, die auf der Bologna-Konferenz 1999 beschlossen wurde. Greve und die Universitätsleitung Hildesheim aber schon. Und wie. Bologna heiße der Zug der Zeit, sagt Werner Greve, der Leiter des Instituts für Psychologie. Hildesheim ist aufgesprungen.

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»Missbildung«, »Wir sind das Hackfleisch in der Bolognese« oder »Dichter und Denker statt Bachelor und Banker« stand auf den Plakaten, die Tausende Studenten in Deutschland 2009 während der Bildungsproteste über ihren Köpfen schwenkten. Aber nicht nur die Studenten zeigten während der Streiks ihre Unzufriedenheit. Je lauter ihr Protest wurde, desto mehr Universitäten machten sich die Kritik der Studenten zunutze – oft für ihre eigenen Interessen. Denn viele Universitäten haben die Proteste nicht konstruktiv genutzt, sondern stattdessen den alten Studiengängen nachgetrauert.

Vergangenes Jahr gaben die neun größten technischen Hochschulen in Deutschland bekannt, dass sie den Master schlecht fänden. Sie wollten das Diplom zurück. »Schade ums Diplom«, sagt Greve hingegen nur, »vergessen wirs!« Die Umstellung von den alten Studiengängen auf die neuen sei eine echte Chance gewesen, sagt er. Aber viele universitäre »Sesselpupser« sähen das nicht ein.

Gleich mehrmals wurden die Studienordnungen überarbeitet

Natürlich macht es Arbeit, so eine Studienordnung immer wieder umzuschreiben. Vier Mal wurde allein an Greves Institut die Bachelor-Studienordnung überarbeitet, drei Mal die für den Master. An vielen anderen Universitäten gilt es als Niederlage, Studienordnungen innerhalb kurzer Zeit zu ändern. In Hildesheim sieht man es als Zeichen des Fortschritts.

Greves Abendrede ist nicht nur höfliches Gefasel, sondern bezeichnend für einen reformerischen Geist, der in der Uni Hildesheim weht und der von Personen wie dem Uni-Präsidenten Wolfgang-Uwe Friedrich, dem Bologna-Koordinator Toni Tholen und Werner Greve maßgeblich bestimmt wird. Und hierbei unterscheidet sich die kleine Universität momentan von mancher Massenhochschule.

Was ist nun an der Uni Hildesheim so anders als anderswo? Stellt man diese Frage dem Präsidenten Friedrich, dann sagt der erst einmal »Tja«. Friedrich ist ein großer, gebildeter Mann mit epochalen Gesten und vornehmer Art. Er sitzt in seinem Uni-Präsidium wie ein König. »Wir bevorzugen nicht den Top-down-, sondern den Bottom-up-Prozess«, sagt er dann und weist auf die »spezielle Kommunikationskultur« an seiner Uni hin.

Leserkommentare
  1. Dieses Semester 7 Klausuren an 6 Tagen, aber evtl. wird es ja die nächsten besser. Hab aber wie die meisten schon aufgehört zu hoffen das es besser wird.

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    • Afa81
    • 17. Mai 2011 15:59 Uhr

    ...in meinem Dipl. Studiengang auch...

    • Afa81
    • 17. Mai 2011 15:59 Uhr

    ...in meinem Dipl. Studiengang auch...

    Antwort auf "Wär schön, aber"
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    • hurt
    • 17. Mai 2011 23:18 Uhr

    Bei Diplomstudiengängen sind jedoch in vielen Fächern die Noten vollkommen egal. Zusätzlich kommen zu den 5-10 Klausuren am Ende vom Semester nochmal mindestens eben so viele Leistungen (Kurzklausuren, Praktika, Arbeiten, ...) während des Semesters, deren Noten ebenfalls zur Abschlussnote zählen. Das ist dann wieder Relevant, falls man noch einen Master machen möchte.

    Ich habe beispielsweise dieses Semester insgesamt 21 Prüfungsleistungen, weil ich mir erlaubt habe, nach vier Semestern mal in einer Klausur durchzufallen, sonst wären es "nur" 20... Schaffen sollte man davon dann möglichst alles, weil man sonst schnell Gefahr läuft, eine Hürde ins Nächste Semester nicht zu schaffen und dann zwei Semester eine Ehrenrunde zu drehen, in denen man dann effektiv nichts zu tun hat (außer Studiengebühren zu zahlen), weil man keinerlei Prüfungen und vor allem Praktika aus höheren Semestern absolvieren darf.

    Ich hab davor eine Ingenieurwissenschaft auf Diplom an einer an einer angeblich sehr anspruchsvollen Universität studiert, und gegen meinen Bachelor an einer FH war das Diplomstudium der reinste Spaziergang.

    Tatsächlich müsste man wohl an vielen Hochschulen mal genau schauen, wie die Arbeitsbelastung tatsächlich aussieht und ob man da nicht einfach etwas entzerren kann, gerade auch in Hinblick auf die Prüfungszeiträume. Leider ist bei uns diese Bereitschaft nicht vorhanden.

  2. Man hat also die Studienordnungen drei, bzw. vier Mal umgeschrieben?
    Zunächst mal zählt nahezu aussschließlich, was in der Prüfungsordnung steht.
    Weiterhin drängt sich die Frage auf, weshalb man sich nicht beim ersten Mal überlegt hat, ob die Vorgaben gut sind. An vielen Universitäten studiert man mit der Prüfungsordnung bis zum Abschluss, mit der man angefangen hat. Das bedeutet, dass Verbesserungsvorschläge in diesem Fall nur den Nachfolgern nutzen. Im besten Fall hat man bis zur Änderung inadäquate Anforderungen.
    Und es bedeutet, dass wenn man eine Neufassung pro Jahr veranschlagt (das ist optimistisch), hier mindestens vier Jahrgänge unter offensichtlich unzulänglichen Vorgaben gelitten haben. Und es bedeutet zuletzt, dass die Absolventen eines Studiengangs nicht einmal mehr untereinander hinsichtlich ihrer Leistungen vergleichbar sind.
    Mir fällt es sehr schwer, aus diesem Artikel herauszulesen, was genau den Hildesheimern so gut gelungen sein soll.
    Ehrlich gesagt sind mir da die geschmähten großen technischen Universitäten lieber; die bemühen sich immerhin, allen Bachelorabsolventen von vornherein ein Masterstudium zu ermöglichen und den Übergang dazu möglichst nahtlos zu gestalten.

    • hurt
    • 17. Mai 2011 23:18 Uhr

    Bei Diplomstudiengängen sind jedoch in vielen Fächern die Noten vollkommen egal. Zusätzlich kommen zu den 5-10 Klausuren am Ende vom Semester nochmal mindestens eben so viele Leistungen (Kurzklausuren, Praktika, Arbeiten, ...) während des Semesters, deren Noten ebenfalls zur Abschlussnote zählen. Das ist dann wieder Relevant, falls man noch einen Master machen möchte.

    Ich habe beispielsweise dieses Semester insgesamt 21 Prüfungsleistungen, weil ich mir erlaubt habe, nach vier Semestern mal in einer Klausur durchzufallen, sonst wären es "nur" 20... Schaffen sollte man davon dann möglichst alles, weil man sonst schnell Gefahr läuft, eine Hürde ins Nächste Semester nicht zu schaffen und dann zwei Semester eine Ehrenrunde zu drehen, in denen man dann effektiv nichts zu tun hat (außer Studiengebühren zu zahlen), weil man keinerlei Prüfungen und vor allem Praktika aus höheren Semestern absolvieren darf.

    Ich hab davor eine Ingenieurwissenschaft auf Diplom an einer an einer angeblich sehr anspruchsvollen Universität studiert, und gegen meinen Bachelor an einer FH war das Diplomstudium der reinste Spaziergang.

    Tatsächlich müsste man wohl an vielen Hochschulen mal genau schauen, wie die Arbeitsbelastung tatsächlich aussieht und ob man da nicht einfach etwas entzerren kann, gerade auch in Hinblick auf die Prüfungszeiträume. Leider ist bei uns diese Bereitschaft nicht vorhanden.

    Antwort auf "Das hatte ich aber...."
    • SarahA
    • 18. Mai 2011 9:26 Uhr

    Meine Studienordnung wurde so oft geändert, dass selbst das Prüfungsamt überfordert war.
    Und mal ehrlich ist das wirklich fair?
    Bachelor angefangen, durchs Studium gehetzt und am Ende wurde mehr als 1/3 der Leistungsnachweise für die weggekürzt die nach mir kamen. Mein Jahrgang brauchte grundsätzlich 4 Jahre und kämpfte einen Kampf mit dem Bafögamt aus, den wir alle verloren.
    Das gleiche Schauspiel mit dem Master. Kaum bin ich mit allen Leistungsnachweisen durch, wird dem nachfolgendem Jahrgang 1/3 weggekürzt.

    Das Ärgerliche dabei ist, dass die Versuchskaninchen allesamt eben nicht Bachelor und Master in der perfekten Regelstudienzeit schaffen, aber gleichzeitig mit den jüngeren auf den Arbeitsmarkt geworfen werden.
    Wie wäre es, wenn ihr mal darüber berichten würdet? Wäre schön, wenn man die Bevölkerung auch mal über solche Probleme informieren würde.

    Ich kritisiere nicht die Änderungen der Studiengänge, sondern vielmehr, dass die Dozenten sie bis zum Schluss nicht durchführen wollten und sich über uns lustig machen. Uns nicht beim Kampf mit dem Bafögamt helfen wollten, weil sie sich dann ja eingestehen müssten, dass sie falsch gemacht haben.
    Und das Bafögamt schaut einen dann an und sagt "Pech, sie fallen eben durchs Raster".

    Wohlgemerkt von über 100 Studierenden, hatten eine Handvoll es in der Regelstudienzeit geschafft...

  3. Also ich bin ehrlich gesagt froh, dass ich mein Studium beenden durfte, bevor der Bolognaprozess eingeführt wurde. Sehr schön finde ich die Aussage zum Aussitzen der Proteste. Diese angebliche Reformbereitschaft war für die meisten Unis ja lediglich ein Lippenbekenntnis und eine Publicitymaßnahme. Wäre ich noch Student, wäre ich wohl schon wieder auf der Straße. Ich weiß auch nicht, ob in Hildesheim wirklich alles so toll ist. Aber die kleineren Hochschulen tuen sich irgendwie etwas leichter mit der Reform als die großen. Ich wette aber, dass auch im Bereich der Modularisierung und der Berufsqualifizierung auch an der Uni Hildesheim noch jede Menge Verbesserungspotential schlummert.

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    in der am 26.05 stattfindenden "Zeit-Tagung" in HILDESHEIM. Sowas nennt sich dann wohl gegenseitige PR.
    Natürlich ist der Artikel völlig an Haaren herbeigezogen, es können sich ja mal alle den Spaß erlauben und die gelobten Studienordnungen online suchen, da wird mensch nur eine von 2006 finden.
    Des weiteren ist es eher befremdlich, wenn Dozenten die ihr Lehrangebot nur aufgrund von privaten Spenden aufrecht erhalten können, wie Herr Greve, die tollen Bedingungen in Hildesheim loben.
    Eigentlich müsste mensch eine Gegendarstellung verlangen, weil der Artikel noch handfestere Lügen enthält, aber vielleicht sollten die Studierenden in Hildesheim einfach die Gelegenheit am 26.05 nutzen um die Wahrheit zu sagen. Übrigens ist da auch der Aktionstag gegen Studiengebühren in Bayern und Niedersachsen, also seit kreativ ;)

    Infos:
    http://asta-hildesheim.de...

  4. in der am 26.05 stattfindenden "Zeit-Tagung" in HILDESHEIM. Sowas nennt sich dann wohl gegenseitige PR.
    Natürlich ist der Artikel völlig an Haaren herbeigezogen, es können sich ja mal alle den Spaß erlauben und die gelobten Studienordnungen online suchen, da wird mensch nur eine von 2006 finden.
    Des weiteren ist es eher befremdlich, wenn Dozenten die ihr Lehrangebot nur aufgrund von privaten Spenden aufrecht erhalten können, wie Herr Greve, die tollen Bedingungen in Hildesheim loben.
    Eigentlich müsste mensch eine Gegendarstellung verlangen, weil der Artikel noch handfestere Lügen enthält, aber vielleicht sollten die Studierenden in Hildesheim einfach die Gelegenheit am 26.05 nutzen um die Wahrheit zu sagen. Übrigens ist da auch der Aktionstag gegen Studiengebühren in Bayern und Niedersachsen, also seit kreativ ;)

    Infos:
    http://asta-hildesheim.de...

    • enji86
    • 18. Mai 2011 17:14 Uhr

    So ein "Wir-fragen-mal-die-Studenten-Tag" ist ja wirklich etwas Gutes, aber ich bezweifle sehr stark, dass es an den größeren Universitäten, wie Berlin, München, Köln, genauso gut funktionieren würde.
    Im Grunde hat man in Hildesheim nur die neuen Bachelor- und Master-Studiengänge den alten Magister- und Diplomstudiengängen angeglichen. Mehr nicht. Man hat sie gelocker, also "entschult", und die Anzahl der Credit-Points geändert. Worin ich ein weiteres Problem sehe.
    Wenn jede Universität unterschiedliche CP vergibt für das gleiche Fach oder den gleichen Studiengang, dann sind diese nicht mehr Kompatibel und man hat nach seinem Bachelor Probleme an anderen Hochschulen seinen Master zu machen, wenn er an der eigenen Uni nicht angeboten wird.
    Ich finde immernoch, dass die Übernahme der Bachelor- und Masterstudiengänge misslungen ist. Ich weine zwar den alten auch nicht hinterher ( ich bin eine der wneigen Glücklichen, die noch auf Magister studieren können ), aber die neuen halte ich für sehr fragwürdig. Zu mindest so, wie die Studienordnungen im Moment bestehen.

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