Einmal hatte es schon geklappt. Als der Politikwissenschaftsstudent David Meurer im Wintersemester 2007 von Jena an die Universität Marburg wechseln wollte, verlief alles reibungslos, obwohl er sogar seinen alten Magisterstudiengang gegen ein Bachelorprogramm eintauschte. Alle Scheine wurden anerkannt. Ein Glücksfall, wie David Meurer, der seinen richtigen Namen nicht nennen will, lernen sollte. So einfach wie damals wurde es nie mehr.

Im Sommer 2010 will er einen erneuten Wechsel wagen. Zurück in seine Heimatstadt Berlin. Er informiert sich im Internet über die Studienordnung, telefoniert mit der Studienberatung. Bei einem Berlin-Besuch zerschlägt sich schließlich der Traum vom Wechsel: »Im Prüfungsbüro wurden meine Scheine angeschaut, und dann hieß es: Das könnte problematisch werden.« Kurse, die Meurer an seiner alten Uni besucht hatte, sollten an der neuen auf einmal nichts mehr gelten. Das Seminar Gender-Studies etwa, in Marburg ganz groß, brachte ihm in Berlin keinen Punkt.

»Die Praxis der Hochschulen, anhand der Inhalte der Seminare zu entscheiden, ob ein Wechsel möglich ist, finden wir nicht akzeptabel«, sagt Florian Pranghe, der Vorsitzende des Freien Zusammenschlusses von StudentInnenschaften, des Dachverbands der Studierendenvertretungen in Deutschland. »Sogar Scheine, die man im Ausland erworben hat, werden leichter anerkannt als die einer anderen deutschen Uni.«

Vor drei Jahren stellte die Studie »Innerdeutsche Mobilität im Studium« des Hochschul-Informations-Systems (HIS) den deutschen Hochschulen kein gutes Zeugnis in Sachen Wechsel aus: Es gebe Probleme bei der Anerkennung von Leistungsnachweisen, die Studenten verlören Zeit. »Die Ergebnisse der Studie waren sehr kritisch«, sagt Christoph Heine, der Autor der Studie. Dennoch blickten die Hochschulforscher optimistisch in die Zukunft: Die Probleme seien vermutlich auf die Umstellung zurückzuführen. Mit dem Abschluss des Bologna-Prozesses im Jahr 2010 hoffte man auf Besserung. Heute, sechs Semester später, wagt Christoph Heine eine vorsichtige positive Einschätzung. »Untersuchungen zeigen, dass sich die Studienqualität gebessert hat, also gehe ich davon aus, dass sich auch die Bedingungen eines Hochschulwechsels verbessert haben.« Auch eine aktuelle Absolventenbefragung des Internationalen Zentrums für Hochschulforschung in Kassel scheint dies zu stützen: 68 Prozent der Bachelorabsolventen geben an, beim Übergang in den Masterstudiengang einer anderen Uni keine Probleme gehabt zu haben. Bei immerhin 6 Prozent hingegen wurden Leistungen nicht anerkannt, und bei 18 Prozent lagen Prüfungsunterlagen nicht rechtzeitig vor.

Auch wenn die Studie allgemein Hoffnung macht, den einzelnen Betroffenen tröstet sie kaum. Anders als bei David Meurer ist der Hochschulwechsel von Thorsten Ostholt keine freiwillige Angelegenheit. Ein Master für seine Bachelor-Fächerkombination aus Chemie und Sport, die er gern vertiefen will, wird an seiner Uni Göttingen nicht angeboten. So muss sich der 24-jährige Lehramtsstudent um eine andere Hochschule bemühen. Schnell stellt sich heraus: Nur eine Handvoll Hochschulen würden ihn gegebenenfalls annehmen. Während er auf eine Zusage wartet, plagen ihn Existenzängste: »Das Schlimme war, dass es niemanden gab, an den ich mich mit Fragen hätte wenden können.« In langwierigen Prozeduren wird geprüft, welche Module Ostholt belegt hatte. »Zu jedem Modul musste ich eine Inhaltsbeschreibung abgeben, denn ab einer gewissen Abweichung wird man nicht mehr zugelassen«, erzählt Ostholt. »Dieser Wechsel hat mich mehr Mühe gekostet als meine Bachelorarbeit.« Ständig verlangen die Prüfungsämter neue Unterlagen, bis Thorsten Ostholt zuletzt fürchtet, dass die Universitäten ihn nicht prüfen, sondern abschrecken wollen, um den Verwaltungsaufwand zu umgehen. Florian Pranghe vermutet hinter dem Vorgehen der Hochschulen ähnliche Gründe: »Die Unis sind überfüllt und wollen, wenn überhaupt, nur die besten Studenten haben.«