DIE ZEIT: Dem Deutschen Studentenwerk zufolge arbeitet heutzutage jeder vierte deutsche Student nebenher so viel, dass er nicht mehr als Vollzeitstudent gelten kann. Der Stifterverband der Deutschen Wissenschaft hat deshalb mehr Teilzeitangebote gefordert. Was halten Sie davon?

Ulrich Teichler: Nebenjobs sind kein Argument für wesentlich mehr Teilzeitstudiengänge. Seit Langem arbeiten Studenten nebenher, studieren mehr oder weniger in Teilzeit. Aber nur jeder siebte arbeitet während des Semesters mehr als sechzehn Stunden pro Woche. Das führt meist dazu, dass sich das Studium um ein Jahr bis zwei Jahre verlängert. Kaum jemand hat dadurch aber schlechtere berufliche Chancen oder verdient weniger. Studenten, die nebenbei jobben, sammeln ja Arbeitserfahrung. Ich bin nicht sicher, ob wir noch mehr zum Teilzeitstudium ermutigen sollten. Das ist nicht die dringlichste Aufgabe, die sich den Hochschulen stellt.

DIE ZEIT: Wenn jemand bis zu zwanzig Stunden in der Woche arbeitet – leidet darunter nicht sein Studium?

Teichler: Man muss sich entscheiden, was man will. Einerseits haben wir die Tradition des Studenten, der zumindest formal in Vollzeit studiert. Andererseits wird verlangt, dass man nebenher viele Erfahrungen in Jobs und Praktika sammelt. Hier muss jeder seine persönliche Balance finden.

DIE ZEIT: Viele klagen, dass es in Bachelor- und Masterstudiengängen kaum noch möglich sei, nebenher zu arbeiten, ohne das Studium zu gefährden.

Teichler: Bei der Reform hat man das Thema Nebenjob erst einmal übersehen, aber hier kann man nachbessern. Mit der Bologna-Reform wurden Studiengänge in Module eingeteilt. Wer ein Modul besteht, bekommt Punkte; um ein Studium abzuschließen, muss man eine bestimmte Zahl an Punkten erreichen. Warum geht das nicht in einer beliebigen Zeit? Zusätzlich müsste das Bafög reformiert werden, das sich vor allem an der Standard-Studiendauer orientiert. Die Regelungen für Studiengebühren müssten ebenfalls flexibler werden: Wer weniger Punkte im Semester machen will, zahlt weniger.

DIE ZEIT: Wer braucht dann überhaupt »echte« Teilzeitstudiengänge?

Teichler: Für die Minderheit der Teilzeitstudenten, die voll im Beruf stehen und zusätzlich studieren wollen, braucht man andere Angebote, die es ihnen ermöglichen, nur am Abend oder am Wochenende Kurse zu besuchen. Hier sind separate Teilzeitstudiengänge gefragt. Der Bedarf würde am besten gedeckt werden, wenn ganze Fachbereiche oder Hochschulen sich darauf spezialisierten. Denn für solche Angebote muss man anderes Personal rekrutieren: Professoren, Mitarbeiter und Lehrbeauftragte, die am Wochenende oder abends lehren wollen und können.

DIE ZEIT: Sie schlagen also flexiblere Studien- und Prüfungsordnungen vor und für eine Minderheit spezielle Teilzeit-Hochschulen.

Teichler: Ja, zum Teil gibt es solche Angebote auch schon. Bevor wir die stärker ausbauen, müssen wir uns aber fragen: Ist es sinnvoll, dass Teilzeitstudierende unter sich sind? Sollten sie nicht auch in Kontakt mit »Vollzeitstudenten« kommen? Hier geht es nicht nur um organisatorische Fragen, man muss sich auch entscheiden, welche Milieus man schaffen will.

DIE ZEIT: Sollte also lieber doch alles bleiben wie bisher?

Teichler: Nicht unbedingt. Es wird viel vom lebenslangen Lernen gesprochen, aber bisher wird wenig für einen anderen Rhythmus von Berufs- und Lernphasen getan. Es geht nicht nur darum, dass Ältere noch mehr lernen, sondern auch dass nicht alle vor dem Berufseinstieg so lange lernen. Wir sollten dazu ermutigen, dass nach Abitur oder Ausbildung einige Jahre Berufstätigkeit folgen und ein späterer Einstieg ins Studium leicht möglich ist – Vollzeit oder Teilzeit. Es sollte keine Probleme geben, wenn jemand erst einige Jahre nach dem Bachelor in den Master einsteigen will. Deshalb müssen wir alle organisatorischen und finanziellen Nachteile für diese Studenten abbauen. Separate Studiengänge für Teilzeitstudenten sollte es nur in Ausnahmefällen geben. Wir müssen Studiengänge so gestalten, dass sie für alle »studierbar« sind: für Jüngere, Ältere, für Vollzeit- und Teilzeitstudenten.