Am 25. Mai 2007 schreibt Imam Benjamin Idriz einen Brief an den damaligen bayerischen Innenminister Günther Beckstein, um ihm von einem neuartigen Plan zu berichten. Als Absender steht oben rechts die Islamische Gemeinde Penzberg, in den Sprachen Deutsch, Arabisch, Englisch, Türkisch, Bosnisch und Albanisch – Ausdruck der nationalen Vielfalt der kleinen Gemeinde des Imams. »Sehr geehrter Herr Innenminister«, so geht es los. »Wie Sie sicherlich in der Presse mitverfolgen, setzt die Islamische Gemeinde in Penzberg seit Jahren auf die Schwerpunktarbeit einer gesunden Integration von Muslimen in die hiesige Gesellschaftsverordnung.«

Der Imam sucht Unterstützung für ein Islamzentrum, das er in München gründen möchte und in dem er muslimische Geistliche in deutscher Sprache ausbilden lassen will. Es habe schon zwei Treffen mit Münchner Muslimen gegeben, das »Projekt fand großes Interesse und stieß auf einen positiven Anklang der Teilnehmer«, fährt der Imam in seinem Brief fort. Erste Kontakte mit der bayerischen Staatsregierung »sind bereits erfreuend zu verzeichnen«, die Stadt München sei informiert. Jetzt möchte der Imam den Innenminister treffen. Sein Gesprächsangebot versteht er als vertrauensbildende Maßnahme. Schließlich gibt es genug islamische Geistliche in Deutschland, die vom Verfassungsschutz als extremistisch eingestuft werden. Idriz rechnet sich nicht zu ihnen. Noch glaubt der Imam, er sei ein unverdächtiger Mann. Aber vier Jahre später, im Mai 2011, wird Imam Idriz als Feind der deutschen Verfassung gelten. Er wird einen Rechtsanwalt engagiert haben und Gerichtsprozesse führen, und er wird sich fragen: Was ist nur mit mir geschehen? Und warum?

Von Penzberg aus, eine Zugstunde südlich von München, kann man schon die Umrisse der Alpen am Horizont sehen. Die kleine Moschee am Ortsausgang liegt inmitten eines Gewerbegebietes, gegenüber ein Autohändler, nebenan ein Getränkemarkt. Bis 1966 war ein Kohlebergwerk der größte Arbeitgeber, dann siedelte sich der Lkw-Hersteller MAN an, später der Schweizer Pharmakonzern Roche Diagnostics. Als die Firmen Menschen aus der Türkei, aus Bosnien, aus dem Nahen Osten einstellten, wurde auch der Islam heimisch in Penzberg. 2005 eröffnete die Moschee.

Benjamin Idriz kam 1994 nach Penzberg und trat bald darauf seine Stelle als Imam an. Ein Imam steht der Gemeinde vor und hält jeden Freitag die Predigt. Idriz trägt stets ein mildes Lächeln im Gesicht, kleidet sich mit T-Shirt und Jeans. Nur wenn er auf die Kanzel steigt, setzt er sich einen weißen Turban auf und legt einen schwarzen Umhang um. Seiner ruhigen Stimme hört man gerne zu, oft predigt er die Vorzüge der Demokratie. Er ermahnt die Männer, ihre Frauen gut zu behandeln, und 2009, zum 60. Jahrestag des Grundgesetzes, lobt er das politische System der Bundesrepublik.

Progressiven Muslimen gilt Idriz als Hoffnungsträger. Er hat ein Buch mit dem Titel Grüß Gott, Herr Imam! geschrieben, das die Süddeutsche Zeitung in den höchsten Tönen lobte. Zwangsheiraten hält er für einen Rückfall in die Steinzeit; die ungleiche Erbverteilung, welche die Söhne den Töchtern vorzieht, verurteilt er. Imam Idriz ist der Muslim, den sich Deutschland wünscht: weltoffen, tolerant, eloquent.

Die Penzberger Moschee, ein zweistöckiger Bau aus Kalksandstein mit großen Fenstern und einem Minarett, ist als solche erst auf den zweiten Blick zu erkennen. Das Minarett hat deshalb keine Spitze, weil Idriz nicht provozieren will. Den Bauplan sprach er mit dem Bürgermeister ab. »Was würden Muslime im Nahen Osten denken, wenn Christen kämen und eine Kirche mit extra hohem Kirchturm errichteten?«, fragte sich Idriz. Er hat seiner Moschee sogar einen deutschen Namen gegeben: »Islamisches Forum«. Moscheen, die nach islamischen Eroberern benannt sind, mag er nicht.

Der Imam will Deutschland beweisen, dass der Islam zu Europa gehört und mit den Werten der Aufklärung vereinbar ist. Er versteht sich als europäischer Muslim. 1972 wurde er in Makedonien geboren, er spricht fließend Makedonisch, Türkisch, Bosnisch, Arabisch und Deutsch. Mit 15 ging er nach Damaskus und besuchte ein Gymnasium mit dem Schwerpunkt islamischer Theologie. Sieben Jahre später schrieb er sein Diplom zum Thema »Emanzipation der Frau im Islam«.

Idriz will der islamischen Welt den »Geist der Erneuerung« bringen, ein »europäisches Klima der Offenheit«. Die rechtlichen Anweisungen im Koran müssten aus ihrer Zeit heraus verstanden werden, findet er. »Es muss darum gehen«, sagt Idriz, »eine Verbindung zwischen der Lehre und der Wirklichkeit herzustellen – eine auf die Bedingungen unserer Zeit passende Antwort: Was hat Gott gemeint?« Leider, sagt der Imam, hätten im Laufe der islamischen Geschichte »texttreue Dogmatiker« die Vorherrschaft bei der Koranauslegung übernommen: »Sie verteufelten im Namen der Herrschaft des Textes die Realität und die Vernunft, sodass die islamische Kultur erstarrt ist.«

Idriz geht noch weiter. Er kritisiert die islamischen Verbände in Deutschland für ihre Fixierung auf ihre Herkunftsländer. Die Vermischung von Religion und Herrschaft habe dort zur »Entstehung und Zementierung von Despotien« geführt, meint der Imam. Seine Worte provozieren die mächtigen Verbände und konservative Muslime gleichermaßen. Idriz sucht den Kontakt zu den christlichen Gemeinden in Penzberg, es gehe nicht mehr nur um einen Dialog, sondern um Freundschaft, sagt er. Der katholische Pfarrer sagt dasselbe.

In der modernen Moschee hängen nur wenige religiöse Symbole, man sieht einige Frauen mit Kopftüchern und einige ohne, sie geben Männern die Hand. Im zentralen Gebetsraum, der in Moscheen normalerweise den Männern vorbehalten ist, beten auch Frauen. In der Bibliothek stehen neben islamischen Klassikern die Werke von Islamkritikern, zum Beispiel von der evangelikalen Autorin Christine Schirrmacher und dem Amerikaner Mark A. Gabriel. Diese kontroverse Welt möchte Idriz nach München exportieren. Einer seiner Unterstützer ist Alois Glück, der frühere CSU-Fraktionschef im Bayerischen Landtag, ein Vordenker der Partei. Glück hält Idriz für einen Hoffnungsträger im Dialog der Religionen.