Alzheimer : Damit die Würde bleibt

Die Diagnose Alzheimer löst oft Horrorvorstellungen aus. Dabei kann man auch mit dieser Krankheit Freude am Leben haben. Ein Plädoyer für einen neuen Blick.

Mit ihm sei es wie mit einer Sandburg, sagt Christian Zimmermann: »Ständig bröckelt etwas ab.« Doch die Burg, die sei »standhaft«, die sei immer noch da. Zimmermann spricht gern in Bildern. Seine Bilder helfen ihm, sich verständlich zu machen, wenn er wieder einmal die Worte nicht findet. Wenn ihm die Sätze, die Gedanken auseinanderfallen.

Seit vier Jahren lebt der 62-Jährige mit der Diagnose Alzheimer. Vorher arbeitete er in seinem Betrieb, der auf die Herstellung von Kunststoffspiegeln spezialisiert ist. Irgendwann machte er plötzlich Fehler, einmal sägte er sich fast den Finger ab. Beim Autofahren verlor er die Orientierung, überfuhr Bordsteinkanten. Eines Tages fiel er aus der Duschkabine, einfach so. Der lange Weg durch die medizinische »Maschinerie« begann, bis ihm der Neurologe ein Bild seines atrophierten Gehirns zeigte. »Dann sitzt man da und schaut«, sagt Zimmermann und macht eine lange Pause.

Mit Dreitagebart und Nickelbrille sitzt er am Küchentisch seiner Dachwohnung im Münchner Stadtteil Haidhausen und redet über seine Krankheit. Zimmermann will raus aus seiner Burg. An schlechten Tagen, erzählt er, steige die Angst in ihm hoch. Dann kommt es vor, dass wieder etwas abbröckelt, dass ihm Namen, Orte und Begriffe verloren gehen. Er sucht die Schlüssel, das Handy, das Portemonnaie; lässt die Einkaufstüte im Supermarkt liegen oder bringt die falschen Dinge nach Hause.

An guten Tagen malt er, geht mit Freunden spazieren – oder berichtet anderen von seiner Situation. Eigentlich sei es die »bestbetreute Zeit« seines Lebens, sagt Zimmermann. Manchmal schaue er in seiner alten Firma vorbei. Immerhin erkenne er noch heute, wenn die Mitarbeiter wieder einmal etwas falsch zusammenbauten – obwohl er es selbst nicht mehr zusammenbrächte. Es freut ihn, wenn die Leute überrascht reagieren. Man müsse die Krankheit eben »überlisten«, diesen Alzheimer »übermalen«, so wie es ein Maler mit einem schlechten Bild mache. Und wenn die Leute im Supermarkt mal wieder grantig werden, weil er so lange zum Einpacken braucht, erklärt er einfach, er habe Alzheimer. »Dann reagieren die immer ganz betroffen und packen mit mir zusammen die Tüte ein.«

Klicken Sie auf das Bild, um die Grafik zu vergrößern.© ZEIT-Grafik

Alzheimer – schon der Begriff löst bei vielen Horrorvorstellungen aus. Es ist die Rede von »lebenden Toten«, von »welken Hüllen«, die sinnlos dahinvegetierten. Man denkt an sabbernde Greise, die lallend durch die Altenheime irren. Die im Nachthemd auf die Straße laufen, die ihre engsten Angehörigen nicht mehr erkennen und am Ende nicht mal mehr sich selbst. Alzheimer, dieses Schicksal möchte niemand erleiden. Gunter Sachs hat sich – so schreibt er in seinem Abschiedsbrief – aus Angst vor »der ausweglosen Krankheit A.« erschossen. Der Tod schien ihm die bessere Alternative.

Doch Menschen mit Demenz (von der es neben dem Alzheimer-Typ noch andere Formen gibt) erleben sich selbst keineswegs nur im Zustand abgrundtiefer Verzweiflung. Wie Befragungen zeigen, finden sie durchaus noch Freude am Leben. Ihre Zufriedenheit hängt ab von erfüllenden Tätigkeiten, von der Bindung an Familie und Freunde, vom Gefühl, doch noch irgendwie gebraucht zu werden.

Die medizinische Diagnostik nimmt allerdings vor allem die Defizite in den Blick: den schleichenden, jahrelangen Prozess der Hirnveränderung; die Gedächtnisprobleme und Wortfindungsstörungen, die irgendwann so groß werden, dass die Betroffenen nicht mehr selbstständig leben können; der schließliche Verlust der Sprache, zunehmende körperliche Probleme bis hin zur Inkontinenz und Bettlägerigkeit; das Endstadium mit künstlicher Ernährung.

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Kommentare

9 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Wir benötigen keine "Philosophie der Demenz"

Es ist ja kein schlechter Artikel, aber einer, dessen Richtung mir nicht gefällt:

Und da uns die Medizin wenig Hoffnung auf eine wirksame Therapie macht, folgt daraus zwangsläufig: Wir müssen lernen, mit demenzkranken Menschen zu leben und nicht nur über sie zu reden, sondern mit ihnen.

Denn darauf aufbauend lässt sich der Artikel lesen wie ein Plädoyer, die Krankheit zu "akzeptieren".

(Es sind Situationen wie diese, die mich regelmäßig bemerken lassen: "Weisheit ist ein Zeichen von Resignation.")

Dabei ist Vasek ja in keiner schlechten Gesellschaft. Das Lesen des Artikel erinnerte mich an Kolle (den Vater, nicht den Sohn ;-)), der schon in den 60-ern schrieb: "Während Binswanger im letzten eine Philosophie der Psychiatrie vorschwebte, schienen mir seine Arbeiten ein äußerts wertvoller Beitrag zu einer verstehenden Psychopathologie. Davon wollte er nichts wissen. Sein Ziel blieb: Wesensschau, wie sie bereits Heideggers Lehrer, der Philosoph Edmund Husserl, erstrebt hatte. Mir als praktischem Psychiater ist nur wichtig, was ich zum Nutzen meiner Patienten anwenden kann."

Kolle wird mit seiner Ansicht nicht alleine stehen, so dass eine zukünftige Medizin uns ein "wenig mehr Hoffnung auf eine wirksame Therapie" machen wird.

Herzlichst Crest

Schönrederei als Reaktion auf G.S.'s Tod

Dieser Artikel ist Schönrederei. Meine Mutter ist demenzkrank, zudem habe ich bei drei Menschen im nächsten Bekanntenkreis die Folgen der Krankheit erlebt. Die Folgen SIND ein Verlust der Menschenwürde, die Persönlichkeit zerfällt. Nur ein Beispiel: Meiner Mutter war es immer peinlich, sich uns Kindern nackt zu zeigen. Das hat sie nie gemacht. Jetzt kommt sie mir morgens manchmal nackt aus dem Badezimmer entgegen, wenn ich sie wecken will. Ohne die geringsten Anzeichen von Scham, auch anderen als mir gegenüber. Und das soll hier nur ein Beispiel sein. Es gäbe noch viele andere.
Natürlich lässt sich alles irgendwie relativieren und von einer anderen Seite betrachten. Für mich sind das Lobbyisten, die sich jetzt nach dem GS-Freitod um die weitere riesige Umverteilung von (Volks-)Vermögen in den pflegerisch-medizinischen Komplex sorgen.
Bevor wir meine Mutter wieder nach Hause geholt haben wegen der enormen Zuzahlung im Plegeheim von 1900 EUR monatlich, habe ich gelernt, dass die Pflegeheime voll sind von vermögenlosen Menschen. Und das soll auch so bleiben, deshalb diese Schönrederei der Lobbyisten. Ergo: Im Heim sind vor allem Arme und ganz Reiche. Die Mittelschicht muss andere Wege finden. Ich hoffe, dass ich, wenn es mal für mich aktuell wird, den gleichen Mut wie GS habe.

Provokation Alzheimer

Sie schreiben, das Alzheimer immer "würdelos" wäre und führen das Beispiel ihrer Mutter an, die sich immer geschämt habe, sich nackt zu zeigen - jetzt mit Alzheimer, zeige sie sich "ohne jede Scham". Ich denke, dieses Beispiel zeigt doch, wie sehr unsere Vorstellung von Würde von denen aus gedacht wird, die eben kein Alzheimer (keine andere Behinderung) haben. Wäre es nicht denkbar, dass man einen nackten Menschen genauso liebevoll empfängt, wie einen angezogenen? Müsste sich die Frage nicht - hier exemplarisch - gerade an die Gesunden richten: Warum ist mir der nackte Körper "würdelos"? Warum sind so viele Dinge die A.leidende tun, so schrecklich (laut,dumm,direkt,schamlos, unpassend...)?

Ich möchte nicht selbst A. haben und wünsche mir Therapien und Glück für meine Familie. Ich wünsche mir aber auch eine Welt, in der Alzheimerpatienten sich verhalten können, wie sie eben können - und dass dies nicht als störend und "würdelos" empfunden wird. Dies umzusetzen, ist Sache der Nicht-Patienten!

Ich habe länger eine Alzheimer-Kranke Frau gepflegt, mein Eindruck war: Ihr Leben war traurig mit kleinen Freuden - und die Krankheit zum größten Teil ganz ähnlich.
Und ja: Es war anstrengend, ich habe als junger Mensch dafür Geld bekommen. Aber ich habe immer auch mal wieder mit ihr gelacht, ihr gutes zu essen gegeben, sie etwas massiert oder gestreichelt - das alles hat gut getan, aber man kann nicht das Leid abschalten. Das Recht auf den eigenen Tod gehört dazu!