Die Kö - Unverwüstliche grandiose schnurgerade tausend Meter

Haben sich ja alle ein bisschen in Duty-frees verwandelt, die großen Boulevards Europas von den Champs-Élysées bis zum Newskij Prospekt. Überall die gleichen aseptisch sortierten Luxusholdingläden mit standardisiertem Verkaufspersonal samt global kompatiblem Fetischdisplay, und auch auf Deutschlands kleinen Boulevards sieht es nicht anders aus, ob Jungfernstieg, ob Kurfürstendamm.

Da macht die Königsallee keine Ausnahme. Lang vergangen die großen Namen, die berühmten Adressen. Die Tradition, die sich hinter Buchläden wie Lincke und Schrobsdorff verbarg. Schrobsdorffs Besitzer war, unvergessen, der glühende Thomas-Mann-Verehrer Hans-Otto Mayer, der, wie der Meister höchstselbst bei einem Besuch in Düsseldorf anerkennend festgestellt haben soll, mehr Werke von Mann besaß, als dieser je geschrieben hat. Das Lichtburg-Kino! Fuchs-Greven für den geschmackvoll gestalteten Salon! Nur das Porzellanhaus Franzen (von 1820) harrt noch aus und natürlich die Galerie Paffrath (seit 1867) mit ihren charmanten Oberlichtsälen und den lieben, neuerdings wieder hoch gehandelten Meistern der alten Düsseldorfer Schule. Vom Café Bittner, ach, blieb nur der Name, und der 1812 eröffnete Breidenbacher Hof gehört jetzt einer Group mit Sitz in Atlanta; die neue Inneneinrichtung hat ein Westfale gestaltet.

Und doch bleibt es die Kö. Unverwüstlich grandiose schnurgerade 1000 Meter, angelegt in den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts, als überall in Europa die Stadtbefestigungen fielen, die Mauern und Wassergräben. Rechter Hand, von Süden her, die Geschäfte und Restaurants, linker Hand, für das flanierende Publikum von den herrlichen alten Bäume diskret verdeckt, die schier endlose, opake Front der Banken. Das schönste und eigenste aber ist der stille Kanal in der Mitte, die eleganten Brücken darüber und die zart pompöse Tritonen-Fontäne von 1902, die der Bildhauer Friedrich Coubillier entwarf.

Doch, das hat Welt. Wer von nebenan kommt, aus Köln oder Essen, aus der Hohen Straße, der Limbecker oder ähnlichen Budengassen des Grauens, der atmet hier auf. Der lässt sich auch gern was vom Pferdeapfelattentat auf den preußischen König erzählen, im Freiheitsjahr 48, oder von den Radschlägern und ähnlicher Folklore. Und von Heinrich Heine natürlich: »Die Stadt Düsseldorf ist sehr schön, und wenn man in der Ferne an sie denkt und zufällig dort geboren ist, wird einem wunderlich zu Mute.«

Da riskiert man sogar einen Moment im Straßencafé und erfreut sich der Eitelkeiten unter der Sonne. Eine Millionenstadt ist Düsseldorf nicht, aber eine Stadt der Millionäre. Berliner und Münchner mögen zeigen, wer sie sind, nämlich Icke und Mir. Der Düsseldorfer aber zeigt, was er hat, und auch für diese Modenschauen und Schmuckparaden, für diese Glitzerdefilees und Brezelprotzessionen wurde einst die Kö gebaut. Benedikt Erenz