DIE ZEIT: Herr Naidoo, halten Sie den deutschen Atomausstieg für einen "Sonderweg"?

Kumi Naidoo: Nein, Sie sind Vorreiter! Aber auch Angela Merkel scheint zu beschäftigen, dass ein Alleingang Deutschland isolieren könnte.

ZEIT: Vergangene Woche waren Sie ja bei der Kanzlerin. Konnten Sie sie beruhigen?

Naidoo: Wir sind die Länder durchgegangen, um zu zeigen, dass die Bevölkerungen die Atomkraft weltweit ablehnen. Selbst in Frankreich mit seinem hohen Anteil an Atomstrom sind 57 Prozent der Menschen für einen Ausstieg .

ZEIT: In den energiehungrigen Schwellenländern ist das aber anders.

Naidoo: Ob in der Türkei, in Brasilien oder Chile: Auch dort gibt es überall Debatten über die Risiken der Atomkraft. Im indischen Jaitapur wurden gerade Demonstranten gegen ein geplantes Atomkraftwerk von Areva festgenommen.

ZEIT: Proteste gibt es da zwar, aber auch die Hoffnung, dass Atomkraft den Klimawandel bremsen kann. Man investiert weiter in Atom .

Naidoo:  Die realen Investitionen decken aber nicht die Behauptung, dass es da eine Renaissance gebe. Regierungen finden weltweit kaum Finanzierungsmöglichkeiten, weil die Atomkraft zu teuer und zu riskant ist. Gerade haben wir erlebt, wie hilflos selbst die Hightechnation Japan war. Stellen Sie sich einen atomaren Unfall im indischen Rajasthan vor!

ZEIT: Viele rechnen aber mit einem Geschäft. Die Bundesregierung, die daheim aussteigt, unterstützt den Export deutscher Atomtechnik.

Naidoo: Ja, da wird mit zweierlei Maß gemessen. Nach meinem Eindruck ist das der Kanzlerin bewusst.

ZEIT: Ein Argument der Kernkraftbefürworter stimmt ja: Kernkraftwerke emittieren weniger CO2, und die Zeit drängt beim Klimaschutz .

Naidoo: Tatsächlich ist unsere größte Herausforderung, den Ausstieg aus der fossilen Energieversorgung zu beschleunigen. Aber derzeit decken AKWs nur zwei bis drei Prozent des weltweiten Energiebedarfs, der Bau einer relevanten Zahl würde zu lange dauern, und es käme zu wenig Strom dabei heraus. Es ist also eine völlig unrealistische Darstellung, dass die Atomkraft das Klima wirksam schützen könnte.

ZEIT: Weltweit droht der Verzicht auf Atomenergie eine Renaissance der Kohle nach sich zu ziehen.

Naidoo: Das werden wir verhindern, wenn wir mit Volldampf in erneuerbare Quellen und eine effizientere Nutzung der Energie investieren. Wenn Deutschland dabei weiter vorangeht, werden andere Länder nachziehen.

ZEIT: Gerade in Entwicklungs- und Schwellenländern gilt es, die wachsenden Volkswirtschaften von vorneherein emissionsarm aufzubauen. Wie stark ist Greenpeace dort vertreten?

Naidoo: Jedenfalls tun wir schon eine Menge. Zum Beispiel haben wir vor Kurzem bei einer Solar-Tour durch den indischen Bundesstaat Bihar die Chancen solarer Kleinanlagen für die Allerärmsten demonstriert. 1,6 Milliarden Menschen haben ja noch gar keinen Zugang zu Strom. Deshalb gilt aber auch weiterhin: Sie in den Industrieländern haben erst mal noch eine Menge Kohlenstoffschulden abzuzahlen. Sie verfügen über Technologien und Wirtschaftskraft. Sie sollten Ihr lebensrettendes Wissen den Entwicklungsländern großzügig weitergeben. Die Hauptrolle spielen Sie.

Das Gespräch führte Christiane Grefe