Das Kürzel CCS steht für eine große Idee, so wie Ideen eben sein müssen, wenn sie die Welt ein klein wenig besser machen sollen. Mittels C arbon Dioxid C apture and S torage soll das bei der Stromerzeugung in einem Kohlekraftwerk entstehende Klimagift Kohlendioxid aufgefangen , in Pipelines geleitet und schließlich in Lagerstätten tief unter der Erdoberfläche verfrachtet werden. CCS versucht also, Klimaschutz und Kohlenutzung zusammenzubringen. Die Internationale Energieagentur hat sich ebenso für das Verfahren ausgesprochen wie der mit einem Nobelpreis bedachte Weltklimarat; Briten, Amerikaner und Australier fördern seine Erprobung mit Milliarden.

Auch Angela Merkel warb einmal für CCS. "Mit fröhlichem Gemüt" solle die Technologie auch in Deutschland vorangetrieben werden, sagte die Kanzlerin noch im Jahr 2007. Vergangen, vorbei. In dieser Woche beraten Bundestag und Bundesrat zwar einmal mehr über ein Gesetz, das Grundlage für die Erprobung und weitere Erforschung von CCS sein soll. Aber eigentlich könnten sich Abgeordnete und Landesvertreter ihre Arbeit sparen. In Deutschland hat die großindustrielle Anwendung des Verfahrens fürs Erste kaum noch eine Chance.

Schuld daran sind der Widerstand der Bürger und die Mutlosigkeit vieler Landespolitiker. Ende April gab der Atom- und Kohlestromkonzern RWE sämtliche Konzessionen zurück, die ihm die Erkundung unterirdischer CO2-Lagerstätten im CDU/FDP-regierten Schleswig-Holstein ermöglicht hätten. Die Begründung: mangelnde Akzeptanz in Politik und Bevölkerung. Ähnlich ist die Situation in Niedersachsen, wo eine schwarz-gelbe Koalition die Untersuchung möglicher Kohlendioxidlager verbieten will. Einzig im brandenburgischen Ketzin wird die CO2-Speicherung noch ausprobiert. Ebenfalls im SPD-geführten Land Brandenburg steht in Schwarze Pumpe das einzige deutsche Versuchskraftwerk, in dem die Abscheidung von Kohlendioxid aus dem Rauchgas getestet wird. Betrieben wird es von dem schwedischen Konzern Vattenfall .

Grüne Parteipolitiker und lokale Bürgerinitiativen mögen über den Teilausstieg aus CCS jubeln, eine gute Entwicklung ist dies nicht. Natürlich gibt es berechtigte Zweifel an dem Verfahren: Niemand weiß bislang etwa, ob die zur CO2-Lagerung vorgesehenen unterirdischen Gesteinsschichten – in Deutschland überwiegend unter der Norddeutschen Tiefebene und vor der Nordseeküste – das aus Kohlemeilern abgeschiedene Gas wirklich für Jahrhunderte sicher speichern können. Unklar ist bisher auch, was auf diese Weise gespeichertes Gas für die anliegenden Grundwasservorkommen bedeutet.

Auch die Kosten sind ein Problem: Nach dem gegenwärtigen Stand der Technik erhöht sich mit CCS der Energiebedarf eines Kraftwerks um mindestens 20 Prozent. Hunderte Kilometer lange Pipelines zwischen Stromfabriken und Lagerstätten müssten gebaut, alte Meiler nachgerüstet werden. Insgesamt würde eine Tonne eingespartes CO2 die Kraftwerksbetreiber mindestens 50 Euro kosten – zu viel, als dass sich CCS gegenwärtig lohnen könnte.

Es kann also gut sein, dass alle Tests am Ende mit dem einen Urteil enden: Lieber nicht. Aber CCS nicht einmal erproben heißt, allzu früh aufzugeben. Kohleverstromung wird notgedrungen noch für Jahrzehnte einen wesentlichen Teil der weltweiten Energieversorgung ausmachen. Gegenwärtig erzeugt China – wo fast wöchentlich ein neues Kohlekraftwerk ans Netz geht – damit 80 Prozent seines Stroms, in den USA und in Deutschland sind es etwa 50, beim Nachbarn Polen sogar über 90 Prozent. Innerhalb von 20 Jahren, so die Prognose seriöser Energieexperten, wird sich der Weltkohleverbrauch nahezu verdoppeln.