Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) betrachtet beim Überflug mit einem Hubschrauber den Offshore Windpark Baltic 1 vor der Ostseeküste. © Guido Bergmann/Bundesregierung

DIE ZEIT: Frau Bundeskanzlerin, Sie haben das schwerste Projekt Ihrer Amtszeit vor sich: die Energiewende. Ist Ihnen bewusst, dass Freund und Feind große Schwierigkeiten haben, da mitzukommen?

Angela Merkel: Es ist ein interessantes, spannendes und großes Projekt. Aber ich weiß nicht, ob es das schwerste ist.

ZEIT: Mit das schwierigste!

Merkel: Natürlich hat das entsetzliche Unglück von Fukushima, dessen ganzes Ausmaß ja immer noch nicht abzusehen ist, uns vor eine unerwartete Situation gestellt. Daraus jetzt die nötigen Konsequenzen zu ziehen kann zum ersten Mal zu einem umfassenden Konsens in dieser Frage, zu einem Zusammenrücken der Gesellschaft führen, auch wenn einige Unterschiede bleiben.

ZEIT: Was war für Sie als Politikerin und als Physikerin das Unerwartete?

Merkel: Ich habe persönlich nicht erwartet, dass das, was ich für mich bis dahin als ein theoretisches und nur deshalb verantwortbares Restrisiko gesehen hatte, Realität wird – und zwar in einem Hochtechnologieland wie Japan. Wie sehr aber auch ein Industrieland wie Japan, das an technischem Können, Disziplin, Ordnung, Gesetzlichkeit uns in nichts nachsteht, davon erschüttert werden kann und in welche Lage die Menschen dort gestürzt wurden – das ist das Einschneidende dieser Katastrophe. Ich weiß, dass andere Menschen vor solchen Gefahren durchaus gewarnt haben; für mich lagen sie für ein Hochtechnologieland mit hohen Sicherheitsstandards bis vor Kurzem außerhalb dessen, was ich in meinem Leben erleben werde.

ZEIT: Was hat ein Physiker eher vor Augen, das Restrisiko oder die große Wahrscheinlichkeit, dass nie etwas passieren wird?

Merkel: Die Frage muss anders gestellt werden. Jeder Mensch muss in seinem Leben Risiken eingehen. Auch die Teilnahme am Verkehr, wo ich jeden Tag überrascht werden kann, ist ein Risiko, das ich eingehe. Aber das Risiko bei der Kernenergie ist sowohl wegen der über Generationen reichenden zeitlichen als auch der über Ländergrenzen hinausgehenden räumlichen Auswirkungen, wenn das an sich Unwahrscheinliche doch eintrifft, ein völlig anderes. Hinzu kommt die Unsichtbarkeit, also Nichtfassbarkeit der Strahlung. Das Restrisiko der Kernenergie kann man deshalb überhaupt nur akzeptieren, wenn man überzeugt ist, es tritt nach menschlichem Ermessen nicht ein. Für mich ist infolge Fukushimas deshalb die Frage übermächtig geworden: Welche Alternativen hast du, um zu zeigen, dass man ohne das Restrisiko der Kernkraft leben kann?

ZEIT: In Japan haben ein Tsunami und ein Erdbeben zugleich dieses Restrisiko eintreten lassen. Halten Sie so etwas auch bei uns für denkbar?

Merkel: Exakt mit diesen konkreten Ereignissen natürlich nicht. Denn man weiß ja, dass Japan erdbebengefährdeter ist als Deutschland. Man weiß, dass Japan anders als Deutschland schon unter Tsunamis zu leiden hatte. Man weiß, dass deswegen dort die Küstenregionen gefährdet sind, und trotzdem hat man dort Kernkraftwerke hingebaut. Wir in Deutschland brauchen vor einer exakten Wiederholung der japanischen Katastrophe bei uns natürlich keine Sorge zu haben. Aber wir haben dennoch allen Grund, zu fragen, ob sich auch bei uns unglückliche Umstände zu etwas Katastrophalem zusammenballen könnten: zivilisatorische Risiken, aber auch naturbedingte Ereignisse, verbunden etwa mit einem Stromausfall über längere Zeit, eine Verkettung also von Umständen, die nach menschlichem Ermessen und allen Wahrscheinlichkeitsberechnungen bis jetzt nach bestem Wissen und Gewissen ausgeschlossen wurde. Es geht also um die Belastbarkeit von Wahrscheinlichkeitsanalysen und Risikoannahmen. Deshalb haben wir eine Sicherheitsüberprüfung aller Kernkraftwerke angeordnet. Nach einem Ereignis der Größenordnung von Fukushima sehe ich mich außerstande, diese bei uns zuvor nur theoretisch ins Auge gefassten Verkettungen von Risiken einfach zu verdrängen und zu sagen, um die kümmere ich mich nicht.

ZEIT: Wo waren Sie am 12. März, wie haben Sie von der nuklearen Katastrophe erfahren?

Merkel: Ich war in der Nacht vom EU-Rat aus Brüssel zurückgekehrt. Schon das Erbeben und die Bilder von der gewaltigen Flutwelle hatten mich tief erschüttert. Während der Sitzung des EU-Rates haben mich Mitarbeiter des Kanzleramtes über die dramatischen Ereignisse stets auf dem Laufenden gehalten, am Freitagabend hatte Japan ja den atomaren Notstand ausgerufen. Als ich Samstag früh aufstand, sah ich im Fernsehen Berichte von der Wasserstoffexplosion im Kernkraftwerk. Ich bin dann zu einer Wahlkampfveranstaltung nach Rheinland-Pfalz gefahren. Die Stimmung dort war sehr gedrückt. Alle standen unter dem Eindruck der vielen Todesopfer, der Zerstörung und eben auch der nuklearen Gefahr, die offenkundig wurde.

ZEIT: Sie haben sich gerade an die bedrückte Stimmung im Wahlkampf erinnert. Glauben Sie, den Deutschen wäre ein Festhalten an den verlängerten Laufzeiten vermittelbar gewesen?

Merkel: Ich habe mich nicht gefragt, was vermittelbar ist, sondern ich hatte – wie viele andere mit mir – den Impuls, dass wir unsere Entscheidungen vom letzten Herbst und damit die Sicherheitsstandards in Deutschland noch einmal auf den Prüfstand stellen müssen. Vermittelbar ist es dann – das sage ich jetzt auch als Parteivorsitzende der CDU –, wenn wir nachweisen können, dass wir Wirtschaftlichkeit und Umweltfreundlichkeit vernünftig zusammenbringen. Die CDU hat mit der sozialen Marktwirtschaft schon einmal vermeintlich Unversöhnliches zusammengebracht, nämlich Kapital und Arbeit. Jetzt haben wir die Chance, auch die Verpflichtung, Wirtschaftlichkeit und Umweltfreundlichkeit unter der Leitlinie der Nachhaltigkeit zusammenzubringen. Es geht darum, unseren Anspruch als Industrieland in Einklang zu bringen mit unserem Ehrgeiz, eines Tages ganz auf die erneuerbaren Energien zu setzen. Wir werden es schaffen, viele dafür zu begeistern.

ZEIT: Sie hatten bei Ihrer Entscheidung zwei Landtagswahlen vor sich.

Merkel: Richtig. Und wenn man – wie ich nach Fukushima – eine politische Position zu überprüfen und zu verändern hat, dann ist Wahlkampf auf der einen Seite eine ungünstige Zeit, weil natürlich sofort der Vorwurf gemacht wird, dass ich das jetzt nur mache, weil halt Wahlkampf ist. Das kann man nicht vermeiden, aber davor darf man auch keine Angst haben. Auf der anderen Seite aber ist es genau die richtige Zeit, weil man als Politiker auf all den Wahlkampfveranstaltungen mehr unter Menschen ist als sonst. Und da muss man einfach über die Themen sprechen, die alle gerade bewegen. Ich sage Ihnen, auch wenn ich das nie beweisen kann: Wäre kein Wahlkampf gewesen, hätte ich es genauso gemacht.