Weiß-blau knattern die Fahnen, weiß-blau glühen die Herzen der Volksvertreter. Aus allen Winkeln des Freistaats sind sie nach München geeilt, zu streiten für Bayerns Freiheit. Es ist der 19. Mai 1949. Der Landtag, den die Nazis 1934 aufgehoben und dessen Sitz die Bomben zerstört haben, ist in sein neues Quartier, das wiederhergerichtete Maximilianeum, gezogen; es thront über der kriegsversehrten Stadt wie zu Königs Zeiten.

Unterm Arm tragen die Parlamentarier die Verfassung des Freistaats Bayern vom 2. Dezember 1946. Doch heute wird im Plenum über eine andere Verfassung abgestimmt, eine Verfassung, die sich – verdächtig bescheiden – »Grundgesetz« nennt. Soll Bayern Teil eines westdeutschen Bundesstaats werden, einer »Bundesrepublik«? Um neun Uhr morgens beginnt die Debatte, sie endet um halb drei nachts. Dann stimmt eine große Mehrheit gegen das Grundgesetz.

Zu diesem Zeitpunkt ist das neue, das Nachkriegsbayern unter US-Verwaltung bald fünf Jahre alt. Territorial blieb es fast unberührt. Lediglich die verlorenen Westgebiete – die Rheinpfalz und der Kreis Lindau am Bodensee – stehen unter französischer Verwaltung. Schon im Mai 1945 haben die Amerikaner Fritz Schäffer zum Ministerpräsidenten ernannt, einen strammen Konservativen; bis 1933 war er Vorsitzender der Bayerischen Volkspartei. Bald kommt es zu Spannungen zwischen ihm und der Militärverwaltung, nach einem halben Jahr wird er seines Amtes enthoben.

Den Herren aus dem protestantischen Norden ist nicht zu trauen

Die Ministerpräsidenten lösen sich nun ab wie die Faschingsprinzen. Der Nachfolger Schäffers, der SPD-Mann Wilhelm Hoegner, ist ebenfalls nur kurz im Amt, gut ein Jahr. Derweil ertrinken die deutsche Zivil- und die amerikanische Militärverwaltung in Arbeit. Überall herrschen Zerstörung und Mangel. Zur Not der Einheimischen kommt die der Flüchtlinge aus dem Osten und der Displaced Persons.

Das alles aber hindert Bayerns Politiker nicht, sich dem wichtigsten Thema überhaupt hinzugeben: der »bayerischen Frage«. Wie kann das Land seine Identität wahren? Soll es mitmachen bei einem künftigen geeinten Deutschland? So schickt Hoegner gleich eine Sonderration Kartoffeln in die Rheinpfalz, allein in der Hoffnung, dass sich die Bevölkerung für den Wiederanschluss an Bayern erklärt. Und er jammert, als die Amerikaner ihm zunächst das Hissen der geliebten weiß-blauen Fahne verbieten.

Am 15. Juli 1946 tritt die Verfassunggebende Versammlung in München zusammen. Bei den Wahlen zu diesem Konvent haben sich 58,3 Prozent der Wähler für die CSU entschieden, auf die SPD entfielen 28,8 Prozent. Trotz des Ergebnisses bleibt Hoegner auf Wunsch der Militärregierung Ministerpräsident, da es sich noch nicht um Landtagswahlen gehandelt hat. Hoegner ist es auch, der den Versammelten einen Verfassungsentwurf präsentiert, den er im Schweizer Exil ausgearbeitet hat. Dort ist er, im Geiste der Confoederatio Helvetica, vom deutschen Zentralisten zu einem überzeugten Föderalisten geworden. Bereits im November 1945 gab er die Parole aus: »Vor allem aber wollen wir wieder unsere eigenen Herren im ›Gasthaus zum Bayerischen Löwen‹ sein.«

Die Mehrheitspartei der Konstituante, die CSU, kennt, abgesehen von einigen wenigen Mitgliedern, bloß zwei Gruppen: entschlossene Anhänger einer bayerischen Eigenstaatlichkeit und feurige Anhänger einer bayerischen Eigenstaatlichkeit. Wenn überhaupt, dann wollen sie nur einem stark föderalistischen Deutschland beitreten. Nicht immer freilich herrscht Eintracht. Um die Souveränität zu betonen, fordern einige Mitglieder neben dem Ministerpräsidenten auch ein richtiges Staatsoberhaupt, einen eigenen bayerischen Staatspräsidenten. Eine knappe Mehrheit verwirft die Idee.

Die US-Besatzer haben ihre liebe Not. Sie wollen eine zu weit gehende Eigenstaatlichkeit vermeiden. Der Stellvertretende Militärgouverneur Lucius D. Clay hält in einem Schreiben fest, dass der Ausdruck »bayerischer Staatsangehöriger« nicht im Gegensatz zum Begriff des deutschen Staatsangehörigen zu sehen sei. Zudem beinhalte Artikel 178 der neuen bayerischen Verfassung, wonach Bayern einem künftigen deutschen Bundesstaat beitreten wolle, kein Recht, dies gegebenenfalls zu verweigern. Auf Druck der Amerikaner war der Artikel ohnehin umformuliert worden, hatte es doch zunächst »deutscher Bund« und nicht »Bundesstaat« geheißen.

Staatsstolz wird das Land in den ersten drei Artikeln als »Freistaat« – also als Republik –, ferner als »Volks-«, »Rechts-«, »Sozial-« und als »Kulturstaat« bezeichnet. Gut 70 Prozent aller abstimmenden Bayern billigen am 1. Dezember 1946 die neue Verfassung. Es ist die vierte in der bayerischen Geschichte nach 1808, 1818 und 1919. Zugleich finden die ersten Landtagswahlen statt, die der CSU erneut eine kräftige Mehrheit bescheren. Nun muss Hoegner weichen. In seiner Bilanz hält er als einen Haupterfolg den »Kampf um die Eigenstaatlichkeit Bayerns« fest. Immer wieder hat er wegen seiner Heimatliebe Rüffel von der SPD-Zentrale in Hannover erhalten, wo der allzeit explosionsbereite Kurt Schumacher sogar das Recht auf einen eigenen bayerischen Landesverband der SPD infrage stellt. Die FDP höhnt über »Hoegners Traum, aus der SPD eine SPB (Sozialdemokratische Partei Bayerns) zu machen«.