Pro von Katrin Göring-Eckardt

Der sogenannte Gutmensch hat es schwer. Bücher, die sich über seinen politisch überkorrekten Betroffenheitskitsch belustigen, füllen ganze Regale. Er gilt als zurückgeblieben und naiv, als Vertreter einer typisch deutschen Weltbeglückungsfolklore, die es sich im Gewirr der Globalisierung einfach und bequem macht. Im politischen Alltag ertönt "Gutmenschentum" meist dann als Vorwurf, wenn Einwände gegen Entscheidungen vorgebracht werden, die angeblich alternativlos sind. Der Heuchler, der Pharisäer, der lieber politisch korrekt ist als realistisch, das ist der Gutmensch, wie ihn schon die Nazipropaganda im Stürmer zum Feind erklärte.

Heute wirft man ihm vor, Weichei und Nervensäge in einem zu sein, seine übersteigerte Gesinnungsethik wird zum Gesinnungsterror, weil er einer ist, der sich den Notwendigkeiten der Macht und des Machbaren verweigert. Ist er also nichts anderes als ein störender Geselle, der sich auf Moral beruft? Nehmen wir die Erschießung Osama bin Ladens und den schlichten Hinweis auf den Verstoß gegen internationales Recht und darauf, dass triumphale Freude über den Tod des Massenmörders bin Laden unangemessen sei – schon bekommt der Gutmensch das Attribut "antiamerikanisch" obendrauf. Dabei dachte man doch, es wären einfach nur Demokratie und Rechtsstaat, die wir da einfordern.

Was also steckt an Gutem im Gutmenschen, jenseits von einfacher Polemik und schlichter Pointe? Mit dem Gutmenschen-Vorwurf sollen doch Moral und Maßstäbe insgesamt lächerlich gemacht werden. Die Polemik hat es eben nicht auf selbstgerechten Gesinnungskitsch abgesehen, sondern auf den wertegebundenen Einwand gegen die angeblichen Zwänge der Realpolitik überhaupt. Zugegeben: Allzu oft drängt sich eine wohlfeile und populistische Variante des Gutmenschen in den Vordergrund: der Besserwisser. Er redet bewusst undifferenziert und vereinfachend, weil das Publikum starke Sprüche mag. Besserwisser sind allerdings auch diejenigen, die gegen den Gutmenschen polemisieren, sich selbst als wahre Faktenkenner und gesunde Realisten darstellen und leider immer nur die Seite der Münze mit der Zahl ansehen, weil ihnen die besser ins Konzept passt als der Charakterkopf auf der anderen.

Doch war der besserwisserische Pseudo-Gutmensch wirklich maßgeblich in den politischen Debatten der letzten Monate, der letzten Jahrzehnte? Erlebten wir bei Stuttgart 21 und beim Thema Atomenergie, in der Verteidigung unserer multikulturellen Republik nicht vielmehr den wirkungsmächtigen Auftritt des Gutmenschen als Gut-Bürger? Dem geht es nicht um eine abstrakt menschelnde Wohlfühl-Moral, sondern um bürgerliche Werte wie Solidarität, Öffentlichkeit, Transparenz, politische Teilhabe und Partizipation, mitunter schlicht um die Einhaltung von Gesetzen. Im Gut-Bürger und in der Gut-Bürgerin verbinden sich Pragmatismus und Idealismus, Orientierung und Maßstäbe mit dem klaren Blick fürs Machbare. Es ist das Gut-Bürgertum, das Deutschland in den letzten Jahrzehnten zu einem lebenswerten und zivilen Land gemacht hat. Und es ist das Gut-Bürgertum, dem wir die kritische Öffentlichkeit bei vielen Themen zu verdanken haben. Ob es um Auslandseinsätze der Bundeswehr geht, um Atomenergie, Ökologie oder Einwanderung: Seit den Bürgerinitiativen der siebziger und achtziger Jahre redet und streitet der Gut-Bürger Gott sei Dank mit. Er ist der lebende Beweis dafür, dass werteorientierte Politik alles andere als naiv und wirklichkeitsfern ist – sondern ganz reale Wirkungen hat. Übrigens sogar wirtschaftliche: Die Ökologiebewegung hat zum Beispiel dafür gesorgt, dass Deutschland zum technologischen Vorreiter für erneuerbare Energien wurde.

Der Gut-Bürger meint es ernst mit dem, wofür er sich einsetzt, im Zweifel lebt er oder sie selbst danach. Viele Debatten der letzten Monate haben es gezeigt: Der gute Bürger und die gute Bürgerin sind informiert bis ins Detail. Mit werteorientiertem Handeln widersetzen sie sich der pragmatischen Beliebigkeit und einer blinden Logik der Sachzwänge, stehen aber auch zu den Widersprüchen zwischen Ideal und Wirklichkeit. Sie weisen Thilo Sarrazin mit den von ihm selbst genannten Zahlen nach, dass seine Theorie Unsinn und dem Fremden feindlich ist. Wer den Abgesang auf diesen Gut-Bürger singt, muss sich darum fragen lassen, wie eine Welt ohne ihn aussehen würde. Es wäre wohl eine zynische Welt, ohne Sinn für das Mögliche, in der die Werte, die das Leben lebenswert machen, keine Rolle mehr spielen. Die Polemiker gegen den Gutmenschen tun so, als bräuchten wir weder Ideale noch gesellschaftlichen Zusammenhalt – noch die Zuversicht, dass der Mensch zum Guten fähig ist. Was für eine triste Welt das wäre!

Katrin Göring-Eckardt ist Vizepräsidentin des Bundestags, Grüne und EKD-Präses.